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Grevesmühlen So war der zweite Festivaltag: Feine Sahne Fischfilet rockt in Jamel
Mecklenburg Grevesmühlen So war der zweite Festivaltag: Feine Sahne Fischfilet rockt in Jamel
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13:13 25.08.2019
Überraschungsgast am Sonnabend: Feine Sahne Fischfilet hat bei "Jamel rockt den Förster" gerockt. Quelle: Katharina Ahlers
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Jamel

Die Besucher des „Jamel rockt den Förster“-Festivals sitzen am späten Samstagabend auf der Wiese in Jamel (Nordwestmecklenburg) und blicken gespannt zur Waldbühne, die von einem großen Vorhang verdeckt wird. Dahinter baut die streng geheim gehaltene Band auf – der Headliner, der den Abschluss des zweitägigen Festivals gegen Rechtsextremismus macht.

Einige Fans beginnen, „Wasted in Jarmen“ von Feine Sahne Fischfilet anzustimmen, andere rufen lautstark nach der Band. Ein kleiner Junge, der etwas seitlich zur Bühne steht, versucht, etwas vom Geschehen hinter dem Vorhang zu sehen. „Mama, ich glaube, ich sehe sie“, sagt er begeistert.

Viele haben es geahnt

Schließlich fällt der Vorhang und zum Vorschein kommt unter großem Jubel des Publikums tatsächlich die Punkband aus Mecklenburg-Vorpommern. Mit „Zurück in unserer Stadt“ beginnt Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow das Konzert, auf das viele der Anwesenden schon seit Beginn des Festivals spekuliert hatten. „Jedes Jahr werden wir von Fans gefragt, ob wir auch da sind und in diesem Jahr hat es endlich geklappt“, sagt Gorkow. Er sei richtig froh bei dem Gedanken, dass „draußen die Nazis ihr Spanferkel essen und ihnen die Würste vom Grill gefallen sein müssen, als sie von unserem Auftritt erfahren haben.“

Gegenveranstaltung der Dorfbewohner

Das kleine Dorf zwischen Wismar und Grevesmühlen gilt seit vielen Jahren als Hochburg von Rechtsextremisten und hat durch ihre überwiegend rechtsextremen Bewohner oft für Schlagzeilen gesorgt. Feine Sahne Fischfilet ist eine linksgerichtete Band, die von Kritikern als linksextrem bezeichnet wird und auch schon vom Verfassungsschutz beobachtet wurde.

Im kleinen Örtchen Jamel (Nordwestmecklenburg) findet das Musikfestival „Jamel rockt den Förster“ statt. Rund 1200 Besucher protestierten gegen die starke Neonaziszene des Ortes.

Entsprechend angespannt ist die Stimmung abseits vom Konzert. Ein Parkplatz, Absperrband und zahlreiche Polizisten trennen das Festivalgelände von der Nachbarschaft. Dort feiern die Bewohner die Gegenveranstaltung „Grillen gegen Links“. Nur vereinzelnd versuchen Menschen beider Seiten auf die jeweils andere zu gelangen – können aber immer wieder zurückgeschickt werden. Es bleibt friedlich.

Stage-Diving und Umarmungen

Die Fans von Feine Sahne Fischfilet tanzen wild vor der Bühne zu Songs wie unter anderem „Wasted in Jarmen“. Sie drängen zur Absperrung und versuchen, der Band näher zu kommen. Die Security hat Mühe, sie zurückzuhalten. Immer wieder lassen sich Feiernde von der Masse nach vorn tragen. Gorkow stellt sich an die Absperrung und umarmt seine Fans.

„Es ist 2019 und es ist so unfassbar, wenn man überlegt, was alles passiert“, sagt er. „Es kann nicht sein, dass darüber diskutiert wird, ob es in Ordnung ist, wenn Menschen im Meer ertrinken.“ Das Publikum jubelt zustimmend.

Informationen und Workshops

Über dieses Thema informiert unter anderem auch Ingo Werth von einer Hamburger Seenotrettungsorganisation. „Für mich ist das Festival das wichtigste in Deutschland“, sagt er. „Unser Infostand wird gut angenommen. Das Thema beschäftigt alle hier. An einem anderen Stand malen und kleben sich Festivalbesucher bunte Tattoos auf die Haut, an einem weiteren wird ein 230 Meter langes Stoffband gestaltet – zu lesen sind Sprüche wie „Unsere Welt ist bunt statt braun“. Dieses Stoffband wird während des Konzerts von der „Tequilla and the Sunrise Gang“ ausgerollt und durchs Publikum getragen.

Zum 13. Mal wurde in Jamel gegen Rechts gerockt.

„Mir gefällt die friedliche Atmosphäre“, sagt Kerstin Bongartz aus Niedersachsen. Sie ist mit ihren Töchtern Carlotta (6) und Leonie (11) da. „Die Kinder haben super viel Spaß und ich habe das Gefühl, es werden jedes Jahr mehr Kinder“, sagt die Mutter. „Die Kleine versteht das noch nicht so, aber mit der Großen reden wir schon über den politischen Hintergrund.“ Auf dem T-Shirt von Bongartz steht „Refugess welcome“ (dt. Flüchtlinge willkommen). Eine Aussage, der auch die „Tequilla and the Sunrise Gang“ zustimmt. „Kein Mensch ist illegal und kein Mensch mag Nazis“, betonen die Musiker.

Weitere Top-Acts: Mia und Theese Uhlmann

Am frühen Abend sorgt die Berliner Elektropop-Gruppe Mia für gute Stimmung. Textsicher singen die Zuschauer die größten Hits der Band – unter anderem „Tanz der Moleküle“, „Hungriges Herz“ und „Fallschirm“. „Wie weit man mit Freunden zusammen gehen kann, das haben die Lohmeyers sehr eindrucksvoll bewiesen. Freunde sind so ziemlich das Wichtigste auf der Welt. Das ist die „Wahlfamilie“ betont Sängerin Mieze Katz.

Auch der darauffolgende Star, Theese Uhlmann, dankt den Helfern. „Unser nächster Song heißt ,Hier komme ich her, hier bin ich geboren’ und ist für alle, die heute hier sind und heute arbeiten müssen, sagt er.

Veranstalter zufrieden

Im Publikum stehen auch Birgit und Horst Lohmeyer, die das Festival 2007 ins Leben gerufen haben. „Ein bis zwei Songs pro Künstler hören wir uns auch an – die Zeit nehmen wir uns“, sagt Birgit Lohmeyer, die viel zu koordinieren und organisieren hat. „Es wird von Jahr zu Jahr einfacher, da wir ein immer größeres Team an Helfern haben, die uns so viel abnehmen.“ Das Konzept, die Bands bis zum Auftritt geheim zu halten, sei aufgegangen. „So wissen wir, dass wirklich nur Leute kommen, die sich für die gute Sache einsetzen und nicht nur, um tolle Stars für wenig Eintritt zu bekommen. Unser Publikum kennt sich mit dem Thema aus und setzt sich damit auseinander. Horst und ich sind zufrieden und glücklich.“

Bereits am Freitagabend sind die Donots, Max Herre, Samy Deluxe und Grossstadtgeflüster aufgetreten.

Mehr lesen:

Live-Ticker: So war das Festival

Interview mit den Donots: Was hier passiert, ist krass

Von Katharina Ahlers

Im kleinen Örtchen Jamel (Nordwestmecklenburg) findet das Musikfestival „Jamel rockt den Förster“ statt. Rund 1200 Besucher protestieren gegen die starke Neonaziszene des Ortes – im Ort selbst findet eine Gegenveranstaltung statt: „Grillen gegen links“. Wir berichten im Liveblog.

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