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Grevesmühlen Sondermüllkippe bei Selmsdorf als Inspiration zu großer Fotokunst
Mecklenburg Grevesmühlen

Sondermüllkippe bei Selmsdorf als Inspiration zu großer Fotokunst

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07:12 13.03.2020
Deponie #26" ist der Titel eines Fotos, das der gebürtige Mecklenburger Tobias Kruse in einer Ausstellung in Hamburg zeigt. Quelle: Tobias Kruse
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Selmsdorf/Hamburg

Die Deponie Ihlenberg hat sich eingeschrieben in das Gedächtnis von Tobias Kruse, der 1979 in Waren geboren wurde und zunächst in Schwerin, später in einem Dorf in Nordwestmecklenburg aufwuchs. Er erzählt: „Ich kenne die Deponie von unseren ersten Fahrten nach Lübeck, auf denen wir immer daran vorbeikamen: Das war einfach ein apokalyptisches Bild (und auch ein olfaktorisches Ereignis), das sich mir eingebrannt hat.“

Heute ist Tobias Kruse Mitglied der renommierten Fotoagentur „Ostkreuz“. Er arbeitet weltweit an eigenen künstlerischen Projekten und im Auftrag von Magazinen. Die Deponie Ihlenberg hat er zu einem Ausgangspunkt eines Werkes gemacht, das in einem der bedeutendsten europäischen Ausstellungsorte für Fotografie gezeigt werden wird.

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Am 21. März um 19 Uhr eröffnet im „Haus der Photographie“ in Hamburg die Ausstellung „Recommended Olympus Fellowship“, die neben Bildern von Mika Sperling und Karla Hiraldo Voleau auch Tobias Kruses Arbeit „Deponie“ präsentiert.

Personen sind real – ihre Darstellung Fiktion

Es ist keine dokumentarische Arbeit, keine Reportage. Zwar war der Fotograf im vorigen Jahr mehrmals in Nordwestmecklenburg und machte dort Bilder. In der Ausstellung ist das Gelände der Deponie aber nicht zu sehen. Sie ist fotografisch nicht mehr interessant für Tobias Kruse. Er erklärt: „Sie war und ist nur Ausgangspunkt für eine Arbeit über den Osten, die jüngere deutsch-deutsche Geschichte im Allgemeinen, und meine Jugend in den Neunzigern und die Gewalterfahrungen der Zeit im Speziellen.“ Dafür gebe die Deponie ein ganz interessantes Bild ab. „Aber eben eher als Metapher.“

Für die Arbeit „Deponie“ gilt, was Kruse bereits in seinem 2019 erschienenen Fotobuch „Material“ schreibt: „Die Personen und Orte in diesem Buch sind real, ihre Darstellungen jedoch reine Fiktion.“ Die Bilder sind nicht verortet.

Öffnungszeiten und Eintrittspreise

Das Haus der Photographieund die gegenüberliegende Halle für aktuelle Kunst sind dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr in den Deichtorhallen in Hamburg geöffnet. Jeden ersten Donnerstag im Monat können sie bis 21 Uhr besucht werden. Die beiden Ausstellungshallen sind vom Hauptbahnhof aus in knapp zehn Minuten zu Fuß zu erreichen. Die Adresse lautet Deichtorstraße 1-2. Ticketpreise: zwölf Euro, ermäßigt sieben. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist der Eintritt frei. Kontakt: 040 / 32103-200, besucherbuero@deichtorhallen.de.

Von der ursprünglichen Idee, Objekte und Dokumente zu zeigen, die in einem Zusammenhang mit der Deponie Ihlenberg stehen, kam Kruse wieder ab, weil sie, wie er sagt, „zu sehr von den Bildern wegführen und zu sehr auf die konkrete Deponie verweisen würden.“ Tatsächlich war er aber auch bei anderen Deponien, etwa in Bitterfeld.

Bilder in schwarz-weiß zu sehen

Motiv des Bildes "Deponie #6": ein junger Mann mit abrasierten Haaren und Tätowierung. Quelle: Tobias Kruse

Ingo Taubhorn, Kurator des „Hauses der Photographie“, sagt: „Ich finde Kruses Blick auf Deutschland bemerkenswert.“ Der Fotograf erlaube sich als Künstler, eine einseitige Betrachtung zu wagen. Er suche keine Balance. Es gebe kein Happy End. Ingo Taubhorn erklärt: „Er lüftet damit den Schleier, der verbirgt, wohin Ost-Deutschland durch dumpfen Nationalismus, Vereinzelung und Zerstörung von Landschaft driftet.“ Das in einem Konzentrat von mehr als 40 schwarz-weißen Bildern konsequent zu zeigen, habe ihn überrascht und überzeugt.

Tobias Kruse fotografierte bisher fast nur in Farbe. Warum hat er sich jetzt für das ältere Schwarz-Weiß entschieden? Er antwortet: „Ich fotografiere sozusagen Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig.“ Das Schwarzweiße dient im Projekt „Deponie“ der zeitlichen Überblendung.

Kruse erläutert: „Es geht um eine Stimmung, die mich heute wieder erfasst und an die Neunziger denken lässt: Die hat eben mit den Gewalterfahrungen in den Neunzigern im Osten zu tun, damit, wie das jetzt alles wieder hochkommt, und natürlich auch um das Woher und Warum. Es geht um die Frage, was aus dieser Freiheit gemacht wurde, die da plötzlich über uns kam, verbunden mit dem Zerfall der Gesellschaftsstrukturen und der Marginalisierung der ostdeutschen Bevölkerung.“ Es gehe um Entgrenzung, Verrohung und Gewalt und um den Ballast zweier Diktaturen.

Ingo Taubhorn begleitete den Fotografen beim Projekt „Deponie“. Der Ausstellungsmacher sagt über Tobias Kruse: „Er verbindet die großen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit mit einer seiner Bildsprache innewohnenden explosiven Poesie.“

Der Fotograf Tobias Kruse stammt aus Mecklenburg. Er lebt in Berlin und arbeitet weltweit. Quelle: Niklas Nischke/Olympus

Die Motive, derer sich Tobias Kruse in der Arbeit „Deponie“ bedient, sind sehr unterschiedlich. Mal ist es das verletzte Bein eines Kindes, mal ein junger Mann mit abrasierten Haaren, mal eine norddeutsche Landschaft mit Vögeln, mal ein Mann mit seltsam geformtem Rücken. Die Aussagen dieser Fotos liegen nicht nur in dem, was sie zeigen, sondern vor allem in dem Wie, in der persönlichen Bildsprache.

Eine Detailaufnahme: „Deponie #10“. Quelle: Tobias Kruse

Tobias Kruse ist neben Mika Sperling und Karla Hiraldo Voleau einer von drei Stipendiaten, die Olympus im Rahmen Projektes „Recommended“ („Empfohlen“) unterstützt hat. Damit fördert das Unternehmen aufstrebende Fotografen im künstlerischen Bereich.

Vernissage am 20. März abgesagt

Die Ausstellung „Recommended Olympus Fellowship“ ist bis 14. Juni im „Haus der Photographie“ der Deichtorhallen in Hamburg geöffnet. Vom 8. August bis zum 27. September 2020 wird sie im Fotografie-Forum Frankfurt zu sehen sein und vom 15. Januar bis 11. April 2021 im Foam Fotografiemuseum in Amsterdam.

Im „Haus der Photographie“ kann vom 21. März bis 14. Juni auch die Ausstellung „Gute Aussichten 2019/2020“ besucht werden. Eine für den 20. März um 19 Uhr geplante offizielle Eröffnung der beiden Fotografie-Ausstellungen wurde am Donnerstag abgesagt.

Deichtorhallen-Mitarbeiterin Angelika Leu-Barthel erklärte gegenüber der OZ: „Die mögliche Gefährdungslage können wir den aktuellen Vorgaben der Gesundheitsbehörde folgend nicht ignorieren.“ In den vergangenen Jahren hatten die Vernissagen mehr als 3000 Besucher.

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