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Grevesmühlen Jäger aus Leidenschaft: „Keiner schießt einem Kitz die Ricke weg.“
Mecklenburg Grevesmühlen Jäger aus Leidenschaft: „Keiner schießt einem Kitz die Ricke weg.“
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16:28 23.11.2019
Joachim Steußloff, 61, den alle nur Jokel nennen, ist Jäger aus Leidenschaft. Quelle: Michael Prochnow
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Groß Walmstorf

Joachim Steußloff ist 61 Jahre alt und 2,04 Meter groß. Wenn der Mann in der grünen Tweedjacke mit dem breiten Lächeln, den alle nur Jokel rufen, auf dem Hochsitz steht, dann kann man nur hoffen, dass der Tischler gut gearbeitet hat. An Joachim Steußloff ist alles etwas größer geraten. Auch die Leidenschaft für sein Hobby. „In der Nacht die Stunden auf dem Hochsitz zu verbringen, das hat einfach etwas“, erzählt der Leiter der Berufsschule in Ahrensburg, der in Lübeck lebt, seine Jagdreviere aber von Bernhard Reemtsma bei Warnow und Gostorf gepachtet hat. „Ich fühle mich in Mecklenburg so wohl, besser hätte ich es gar nicht treffen können“, erzählt Joachim Steußloff. Seit 1976 hat er den Jagdschein. Seitdem Bernhard Reemtsma nach der Wende die ehemaligen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften nordöstlich von Grevesmühlen übernommen hat, seitdem jagt Steußloff hier. Dass er bei der Treibjagd auf den Flächen des Gutes im Herbst mit dabei ist, versteht sich von selbst.

Bernhard Reemtsma (vorn) und Michael Schäfer haben zur Treibjagd eingeladen. Quelle: Michael Prochnow

Bernhard Reemtsma und Michael Schäfer, der die Marina in Hohen Wieschendorf wieder zum Leben erweckt hat, haben eingeladen. Auf dem Hof von Michael Schäfer beginnt die Jagd, zu der 25 Jäger aus ganz Norddeutschland und mehrere Dutzend Treiber gekommen sind, wie Hinrich Junkelmann, der Betriebsleiter des Gutes Groß Walmstorf, berichtet. Das halbe Dorf ist mit dabei. Jan Peter Ingwersen, Abrissunternehmer aus Groß Walmstorf, ist als Treiber im Einsatz. Man kennt sich, man schätzt sich. „Der Mecklenburger“, sagt Joachim Steußloff, „redet bekanntlich nicht so viel, aber wenn er was sagt, dann meint er es auch so. Ich habe durch die Jagd so viele tolle Leute hier kennengelernt, dass ich jede freie Minute hier verbringe.“

Mehr als nur ein Hobby: 25 Jäger und mehrere Dutzend Treiber waren am Sonnabend auf Einladung von Bernhard Reemtsma und Michael Schäfer im Einsatz

 

Verbände fordern Reduzierung des Wildbestandes

Angesichts der aktuellen klimabedingten Waldbelastung bekräftigt die Allianz aus Naturschutz-, Jagd- und Forstverbänden in Mecklenburg-Vorpommern erneut ihre Forderung nach einer deutlichen Regulierung der Schalenwildbestände. Auf deren Initiative findet im Rahmen des Runden Tisches „Wald und Wild“ ein Treffen mit dem zuständigen Minister für Landwirtschaft und Umwelt, Till Backhaus, in Schwerin statt. Hintergrund der Forderung sind die beiden zurückliegenden Dürrejahre, die den Wäldern erheblich zugesetzt hätten. „Mit andauernder Trockenheit sterben zunehmend auch Bäume in Laubholzbeständen, aktuell vornehmlich Buchen. Diese Entwicklungen wirken sich auch nachteilig auf die Biodiversität der Wälder aus“, heißt es dazu. „Während wir in großen Wildnisgebieten lernen wollen, wie sich Natur ohne direkte Einwirkung des Menschen an veränderte Umweltbedingungen anpasst, kann es angesichts teilweise dramatischer klimawandelbedingter Waldschäden außerhalb dieser Gebiete keineswegs mehr nur darum gehen, mit hohen Fördersummen möglichst viele Bäume zu pflanzen und aufwendig vor Wildverbiss zu schützen“, so Stefan Schwill, Vorsitzender des Nabu Mecklenburg-Vorpommern. Vielmehr müsse die natürliche Waldverjüngung massiv unterstützt werden. Aus Naturansamung entstehende Bäume haben eine bessere Wurzelentwicklung, sind vielfältig besser angepasst und bilden später Bestände mit höherer Widerstandskraft.

Zahl der Wildschweine ist extrem hoch

Die Treibjagden im November haben nicht nur Tradition, sondern einen handfesten Grund. Denn die Zahl der Wildschweine ist extrem hoch, teilweise haben die Bachen zwei Würfe pro Jahr statt wie früher nur einen. Der Grund sind die guten Bedingungen. „Die Tiere finden durch die riesigen Schläge mit Mais und Raps nicht nur mehr als genügend Futter, sondern auch Deckung vor den Jägern“, erklärt Joachim Steußloff. „Natürlich sind wir im Einsatz, wenn die Wildschweine nach der Aussaat den Mais wieder versuchen aus dem Boden zu holen, und natürlich sind wir auch mit dabei, wenn geerntet wird. Aber die Tiere sind schlau.“ Und während er erzählt, rennt ein knapp 90 Kilo schwerer Keiler über den Acker auf den Hochstand des 61-Jährigen zu, der routiniert die Patronen in sein Gewehr schiebt, anlegt und schießt. Der Keiler rettet sich in das Walmstorfer Torfmoor. Später finden ihn die Treiber 20 Meter tief im Dickicht, schleppen die Jagdbeute an den Feldrand. Ein guter Schuss, wie sich herausstellt. Kurze Zeit später kommt eine ganze Rotte auf die Jäger zu, Schüsse fallen, drei Tiere bleiben auf der Strecke. Ein Frischling ist am Hinterlauf verletzt, Steußloff erlöst das Tier Sekunden später mit einem Blattschuss.

Rotte mit 50 Schweinen gesichtet

Die Wildschweine kamen aus dem Everstorfer Forst, wo unter der Leitung von Forstamtsleiter Peter Rabe parallel eine Treibjagd stattfindet, die Schüsse aus dem Wald sind seit dem Vormittag deutlich zu hören. „Die Tiere fliehen natürlich, weil sie wissen, was los ist“, erklärt der Jäger. „Und deshalb ist es gut, wenn die Jagden gleichzeitig stattfinden.“ Ein paar Kilometer weiter ist eine weitere Gruppe der Treibjagd von Bernhard Reemtsma und Michael Schäfer im Einsatz, sie haben nicht so viel Jagdglück am Vormittag. Sie berichten später von einer Rotte mit 40 bis 50 Tieren, doch diese fliehen so ungünstig, dass keiner der Jäger einen Schuss abgeben kann.

Hinrich Junkelmann, Betriebsleiter auf dem Gut Groß Walmstorf. Quelle: Michael Prochnow

„Die sind Richtung Bössow geflüchtet“, sagt Hinrich Junkelmann. „Solange sie nicht in die Dörfer rennen, ist es ok.“ Das ist im letzten Jahr passiert, als eine Rotte während einer Treibjagd in ein Dorf geflohen ist, einen Zaun durchbrochen und mit voller Geschwindigkeit an einer Hauswand entlang schrammte. Das Gut schickte später einen Maler vorbei und ließ den Zaun reparieren. „Da brauchen wir nicht diskutieren, das ist durch die Jagd passiert, das regeln wir auf dem kleinen Dienstweg“, sagt der Betriebsleiter.

Bei jedem Wetter im Einsatz

Jagdpächter Joachim Steußloff weiß um Bedeutung der Beziehung zum Verpächter und zu den Menschen in der Umgebung. „Jagd bedeutet auch, dass wir uns um die Pacht kümmern. Und wenn die Schweine Schaden anrichten auf den Feldern oder in den Gärten der Leute, dann müssen wir raus, und zwar bei jedem Wetter.“ Gleiches gilt für angeschossenes Wild. „Das wird solange gesucht, bis wir es gefunden haben. Da gibt es nichts.“ Die sechs Grad und der Wind an diesem Sonnabend sind alles andere als gemütlich. Joachim Steußloff scheint das nicht zu stören. Der gelernte Bootsbauer und heutige Schulleiter ist Vater von vier Kindern und seit über 40 Jahren in der Natur unterwegs. „Das ist das schönste Hobby, das es gibt. Die Gemeinschaft dazu, das ist einfach unbezahlbar.“

Keiner schießt einem Kitz die Ricke weg

Er hat an diesem Vormittag drei Wildschweine erlegt, ein Keiler mit geschätzten 90 Kilogramm ist dabei, zwei Frischlinge. Die anderen Jäger auf den Hochsitzen in Sichtweite hatten nicht so viel Glück, sie klopfen dem 61-Jährigen auf die Schulter. Jeder hat eine Geschichte zu erzählen, die einen vom erlegten Wild, die anderen von den Tieren, die sie gesehen, aber nicht geschossen haben. „Das ist es, was die Jagd ausmacht.“ Kurz darauf brechen drei Rehe aus dem Dickicht. Die Jäger schauen den Tieren hinterher, die im Zickzack zwischen zwei Hochsitzen hindurch flüchten, niemand hebt die Waffe, dabei dürften sie schießen. Aber: „Keiner schießt einem Kitz die Ricke weg.“

Von Michael Prochnow

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