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Grevesmühlen Vor 30 Jahren: Wismarer fährt als Erster mit dem Boot in den Westen
Mecklenburg Grevesmühlen Vor 30 Jahren: Wismarer fährt als Erster mit dem Boot in den Westen
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16:57 05.11.2019
Der Wismarer Siegfried Mitschard auf seiner „Latovia“ im Yachthafen in Wendorf. Am 11. November 1989 fuhr der Skipper mit sieben Anglern über die Seegrenze nach Neustadt in der Lübecker Bucht. Das Boot damals hieß auch „Latovia“. Quelle: Heiko Hoffmann
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Wismar

Freude, Gänsehaut, Tränen – den 11. November 1989 hat Siegfried Mitschard nicht vergessen. Das Datum hat sich eingebrannt. „Ja, das war mein größtes Erlebnis“, sagt der Wismarer 30 Jahre später. Damals war er der Erste, der mit einem Sportboot über die Ostsee von der DDR in die BRD rübergefahren ist. „Da sind schon die Tränen geflossen“, ist der heute 78-Jährige noch immer dicht am Wasser gebaut, wenn er die Geschehnisse Revue passieren lässt.

Am 9. November wird das im Yachtclub Wismar groß gefeiert. Zusammen mit Freunden vom Neustädter Segelverein.

Spontane Planänderung

Mit der „Latovia“ fuhr der Wismarer Siegfried Mitschard am 11. November 1989 über die innerdeutsche Grenze. An Bord waren auch sieben Angler. Es war das erste Sportboot, das nach dem Fall der Mauer von der DDR in die BRD fuhr. Quelle: privat

Rückblick, 11. November 1989: Weil die Dorsche nicht anbeißen wollen, wird aus einer Angeltour eine Reise in den Westen. Skipper Siegfried Mitschard hört an Bord seines Schiffes Radio Schleswig-Holstein. Thema Nummer eins ist die Grenzöffnung. Die wurde am 9. November 1989 auf einer legendären DDR-Pressekonferenz verkündet. Auf See gelten aber noch die alten Kontrollen. „Der Schießbefehl wurde erst am 12. November abends aufgehoben“, erinnert sich der Wismarer.

Der Wismarer Siegfried Mitschard war nach dem Mauerfall 1989 der erste Sportbootfahrer, der über die Ostsee in den Westen gefahren ist.

Dennoch kommt Siegfried Mitschard eine Idee: Wenn die Fische nicht beißen wollen und zeitgleich Massen von DDR-Bürgern zu Fuß oder mit Autos die Grenze passieren, „können wir das auch“. An Bord seiner zehn Meter langen „Latovia“ sind sieben Männer vom Plastmaschinenwerk Schwerin. Von Timmendorf aus startet die Angeltour. Er fragt spontan die sieben Angler, was sie von seiner Idee halten. Nur einer reagiert zögerlich, doch dann brechen die acht Männer am 11. November in unbekanntes Gewässer gen Westen auf.

Kriegsschiff taucht auf

Ohne Seekarten wollen sie den Grenzübertritt wagen. Es geht in gemächlichem Tempo voran. Die Küste dient als Orientierung. Nach etwa drei Stunden sieht Mitschard beim Blick durch das Fernglas etwas, was die Herzen der Männer vor Aufregung schneller schlagen lässt. Der Bootsführer erzählt rückblickend vom „Paradieswächter“, einem Kriegsschiff, das auf das vermeintliche sozialistische Paradies aufpassen soll.

Mitschard: „Der Arsch ging mir auf Grundeis.“ Was tun? Flucht kommt nicht infrage, an Bord befinden sich schnelle Schlauchboote. Also steuert die „Latovia“ auf das Grenzschiff zu. „Ich wurde vom Offizier gefragt, wo die Reise hingehen soll. Ich habe dann gesagt, in den Westen.“

Noch heute ist er überwältigt, dass den Männern ohne große Scherereien die Ausreise erlaubt wird. Die Uhr zeigt 11.01 Uhr, weiß er noch genau. „Wir haben uns umarmt und geheult.“ Die neue Freiheit genießen die Männer mit einem Bier und einem Schnaps.

Toller Empfang in Neustadt

Weiter geht es mit dem Kompass in den Westen. Das erste deutsch-deutsche Treffen findet mit einem Fischerboot statt. Der „Latovia“-Crew wird als Ziel der Hafen von Neustadt in Holstein vorgeschlagen. Die exotische Ankunft in der Lübecker Bucht spricht sich herum. Menschen stehen an der Hafeneinfahrt. „Uns wurde zugewunken.“ Wieder einer dieser Gänsehaut-Momente. Mitschard, zu der Zeit Industriemechaniker beim Volkseigenen Betrieb Kraftwerk: „Der Empfang war so was von herzlich.“ Umarmungen, Gespräche, Freudenausbrüche. Die ostdeutschen Angler sind die Sensation. Nach kurzer Nacht geht es tags darauf zurück nach Wismar.

Jugendboot „test“ fährt auch rüber

Dirk Menzel (l.), Grit Bauermeister und Siegfried Mitschard vom Yachtclub Wismar erinnern sich an die Zeit von 1989. Am Sonnabend wird das 30. Seglertreffen mit Freunden aus Neustadt in Holstein gefeiert. Quelle: Heiko Hoffmann

Trotz kalter Novembertage wollen weitere Segler aus Wismar ebenfalls mit dem Boot rüber. So auch eine Crew des Jugendbootes „test“. Der Wismarer Dirk Menzel, damals 22 Jahre alt, heute Geschäftsführer des Kreisjugendrings und noch immer leidenschaftlicher Segler, erinnert sich. „Ich war auf Montage in der Woche. Da komme ich nach Wismar und es heißt: ‚Wir segeln rüber.‘ Doch die ‚test‘ war schon im Winterlager, also raus aus dem Wasser.“

Egal, die Zeiten sind besonders. Dirk Menzel, Rainer Kasten, Jörn Winkelmann, Torsten Bauermeister, Dietmar Püschel und Holger Strutz machen sich mit dem Jugendboot, das in diesem Jahr den Ostseecup gewonnen und den 3. Platz bei der deutschen Meisterschaft errungen hat, auf den Weg. Dirk Menzel: „Das war damals verdammt kalt. Wir haben uns so dick angezogen, dass wir nicht mal pinkeln konnten. Als wir die gelbe Grenztonne gesehen haben, haben wir sie mit Sektkorken beschossen.“

Siegfried Mitschard begleitet das Jugendboot mit seiner „Latovia“. Seine Frau Jutta sowie Christa und Hubert Hausold, Gerd Kamps, Hans-Martin Uhlmann, Werner Innecken, Rainer und Siegrid Winkelmann, Christa Luise und Wolfhard Menzel begleiten ihn nach Neustadt.

Feier mit Freunden

Freundschaften entwickeln sich. So mit Gerd Bollmann vom Neustädter Segelverein. Der bringt zum 30. Jubiläumstreffen am Sonnabend, 9. November, 30 Segler mit. Bei Kaffee und Kuchen, Musik der Wendorfer Blasmusiker, der Deutschland-Hymne, Überraschungsgeschenken und Grünkohl wird gefeiert, werden Erinnerungen ausgetauscht, Bilder und Fahrtenbücher bestaunt. Bis der Wirt den Stöpsel zieht.

Veranstaltungen erinnern an Mauerfall

7. November:Am 7. November 1989 fand auf dem Marktplatz Wismar eine Demo mit etwa 50 000 Menschen statt. Zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution laden die Wismarer Stadtverwaltung und die Bürgerschaft am Donnerstag, 7. November, um 18 Uhr alle Interessierten in den Bürgerschaftssaal des Rathauses ein. Zeitzeugen werden von ihren Erinnerungen berichten.

10. November: Siegbert Schefke stellt sein Buch in Wismar vor und bringt gleichzeitig drei Kurzfilme mit: über den Oktober 1989, den Verfall der Innenstädte und Rechtsextremismus in der DDR. Die kostenfreie Veranstaltung im Filmbüro, Bürgermeister-Haupt-Straße 51-53, beginnt um 10.30 Uhr (Anmeldung unter Tel. 03 85 / 51 25 96). Schefke hatte im Herbst 1989 heimlich die Montagsdemonstrationen in Leipzig gefilmt, die dann in den ARD-Tagesthemen zu sehen waren.

12. November: Beim Vortrag im Stadtarchiv Wismar (Gerberstraße 9a) wird die Wende in Wismar beleuchtet: mit Zeitzeugen- und Zeitungsberichten und Archivmaterial. Der Vortrag beginnt um 19 Uhr, Eintritt kostet drei Euro, für Vereinsmitglieder kostenlos.

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Über den Autor

Von Heiko Hoffmann

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