Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Grevesmühlen Wassermassen verwüsten Wohnung von Familie Plath
Mecklenburg Grevesmühlen Wassermassen verwüsten Wohnung von Familie Plath
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:20 18.06.2019
Norbert Plath zeigt an den Fliesen im Badezimmer, wie hoch das Wasser stand: etwa 1,40 Meter.
Norbert Plath zeigt an den Fliesen im Badezimmer, wie hoch das Wasser stand: etwa 1,40 Meter. Quelle: JANA FRANKE
Anzeige
Warnow

Sibylle und Norbert Plath waren so stolz. Ohne Kredit, immer nach und nach bauten sie das Kellergeschoss im Haus seiner Mutter aus. Der Maler, der das Wohnzimmer aufhübschte, hatte sich erst am Donnerstag verabschiedet. Und dann kam das Unwetter.

Als der Starkregen und das Gewitter am Samstagvormittag auch die Warnow erreichten, war die Regenentwässerung vor ihrem Grundstück mit den Wassermassen komplett überfordert. Wie ein Bach bahnte sich die braune Brühe den Weg die Kellertreppe hinab. Kellerschächte wurden zu einer Art Badewanne, in der das Wasser stand und durch die Fenster drückte.

Fassungslos musste das Ehepaar mitansehen, wie der Flur, die Küche, das Schlaf- und Badezimmer sowie ein Abstellraum überflutet wurden. „Das Wasser kam durch Tür- und Fensterritzen und schoss sogar durchs Schlüsselloch“, erinnert sich der 59-Jährige. „Durch den Druck haben wir die Türen nicht mehr öffnen können und mussten über ein Fenster ins Freie klettern.“

Technische Geräte, wie Waschmaschine und Trockner im Badezimmer, sind nicht mehr zu gebrauchen. Quelle: JANA FRANKE

Wasser war brusthoch

Das Wasser stieg und stieg und brachte sogar Gefriertruhen zum Kippen. Vorräte, Wäscheständer, Werkzeugkoffer und vieles mehr schwammen im Dreck. Hinüber sind sämtliche technische Geräte – vom Fernseher und Telefon über Waschmaschine und Trockner bis hin zum Kühlschrank und Laptop.

Auf dem Hof stehen durchnässte und aufgequollene Möbelstücke. In der Wohnung riecht es modrig. Norbert Plath steht im Badezimmer und zeigt an den Fliesen die Höhe des Wassers. Etwa 1,40 Meter. Die Wasser- und Dreckränder zeichnen sich auch deutlich an Tapeten im Rest der Wohnung ab.

Sibylle Plath ist im Hof und schaut auf die Wäschespinne, auf der Tücher trocknen, mit denen sie und ihr Mann notdürftig wischten, nachdem die Kameraden der Warnower Feuerwehr drei Stunden lang das Wasser in den örtlichen See abgepumpt hatten. „Am Sonnabend habe ich noch gar nicht realisiert, was eigentlich passiert ist. Am Sonntag allerdings konnte mich niemand ansprechen“, sagt sie. Unzählige Tränen habe sie vergossen, die 54-Jährige ist derzeit arbeitsunfähig.

Mehrere Schicksalsschläge in der Familie

„Wenn die Feuerwehr und zahlreiche Helfer im Ort nicht gewesen wären ...“ Norbert Plath bringt den Satz nicht zu Ende. Er streicht sich über den Stoppelkopf. Den hat er nicht ohne Grund. Zum wiederholten Mal hat das Schicksal zugeschlagen. Im vergangenen Jahr erkrankte der Straßentiefbauer an Krebs, Anfang des Jahres verlor er seine Nichte und ihren Sohn beim verheerenden Hausbrand in Klein Voigtshagen. Und nun das. „Meine Mutter ist völlig fertig“, sagt er.

Die 80-Jährige kommt gerade die Treppe hinunter. Der Schreck ist ihr noch deutlich ins Gesicht geschrieben. „Es muss hier endlich etwas passieren“, schimpft sie. Damit ist die Kreisstraße im Ort gemeint. Seit Jahren ist die ein Streitthema in der Gemeinde. Viele warten auf die Sanierung – auch Bürgermeister Lothar Kacprzyk. Er war am Wochenende selbst von Überschwemmungen auf seinem Grundstück betroffen, packte aber auch bei Familie Plath mit an.

Hoffen auf die Straßensanierung

„Es ist ein unhaltbarer Zustand. Die Regenentwässerung ist eine Katastrophe“, verdeutlicht er. Seit Jahren laufe bei Regen der Dreck von der Straße aus dem Kopfsteinpflaster in die Regeneinläufe. „Die sind völlig verdreckt“, weiß er. Das bestätigt auch Norbert Plath. „Obwohl ich dafür nicht zuständig bin, mache ich die regelmäßig sauber, damit mein Grundstück nicht ständig unter Wasser steht.“ Aber dieses Mal wurde er nicht Herr der Lage.

Lothar Kacprzyk fühlt sich vom Kreis im Stich gelassen. „Im Moment ist wieder Stillstand. Nichts passiert“, schimpft er. Eigentlich sollte das Planfeststellungsverfahren für die Sanierung der Straße bereits 2016 beginnen. Der Ort ist in zwei Lager gespalten: Die einen wollen einen nur fünf Meter breiten Ausbau, um alte Linden zu wahren, die anderen fordern 5,50 Meter, da viele landwirtschaftliche Fahrzeuge durch den Ort fahren. Ein Umweltverträglichkeitsgutachten stoppte zunächst die Umsetzung des Vorhabens. „Wir sind kein Stück weiter, brauchen aber dringend eine vernünftige Regenentwässerung“, so Kacprzyk.

„Dem Landkreis ist das Entwässerungsproblem in der Ortslage bekannt. Dies soll im Zusammenhang mit dem Ausbau der Kreisstraße für die Straße selbst, aber auch für die Regenentwässerung der Grundstücke der Anlieger beseitigt werden“, erläutert Kreissprecherin Petra Rappen.

Der Ausbau der Straße allerdings kann noch nicht terminiert werden. „Die Anhörung der Träger öffentlicher Belange und der Bürger hat stattgefunden. Derzeit werden die Einwände geprüft und abgewogen. Hieraus könnten sich Planungsänderungen ergeben“, so Petra Rappen. Derzeit würden erneute Untersuchungen bezüglich der Bäume durchgeführt. „Das ist aufgrund der Einwendungen zwingend erforderlich.“

Die Verschmutzung der Straßenregeneinläufe habe der Kreis nicht zu verantworten. „Für die Säuberung innerhalb der Ortslage ist nach Straßen- und Wegegesetz die Gemeinde zuständig, die sich hierfür des Zweckverbandes Grevesmühlen bedient“, verdeutlicht Petra Rappen.

Wann zahlt die Versicherung?

Mit etwa 70 000 Euro beziffert Norbert Plath den Schaden in seiner Kellerwohnung. Hätten er und seine Frau bei seiner Mutter keine Schlafmöglichkeit gefunden, wäre das Ehepaar jetzt obdachlos. „Ob die Versicherung zahlt, ist fraglich“, sagt er kopfschüttelnd. Er ist nicht gegen sogenannte Elementarschäden versichert.

„Von Flutungen von Kellern und Gebäuden kann nahezu jeder betroffen sein“, weiß Anika Reisch vom Versicherungskontor Reisch & Reisch in Grevesmühlen. Mit der Wohngebäudeversicherung – wie sie Familie Plath hat – ist ein Haus gegen Brand, Blitzschlag, Sturm, Hagel und Leitungswasser versichert. „Wassermassen, die von außen kommen, gelten hingegen als Elementargefahren“, erklärt sie. „Diese können in der Regel nur in einem Zusatzbaustein zur Wohngebäudeversicherung abgesichert werden.“

Mit der sogenannten Elementarversicherung bezahlt der Versicherer die Reparaturen infolge der Überschwemmungen am Haus selbst, aber auch an den versicherten Nebengebäuden auf dem Grundstück, wie Schuppen oder Garage. „Auch der Abriss, Transport von Bauschutt und die Sicherung des Gebäudes werden übernommen. Hierzu zählen auch Mietausfälle, wenn das Haus vorübergehend unbewohnbar ist“, beschreibt Anika Reisch.

Eine solche Versicherung hatte die Familie noch aus DDR-Zeiten. Doch vor einigen Jahren ist sie durch einen Versicherungsvertreter umgestellt worden, wie Norbert Plath berichtet.

Grevesmühlen: Schäden werden beseitigt

Nach den Überschwemmungen am vergangenen Sonnabend in Grevesmühlen hat der städtische Bauhof mit Aufräumarbeiten zu kämpfen. Die Beseitigung der Schäden im öffentlichen Bereich sind nach aktueller Einschätzung der Stadt in weiten Teilen eigenständig leistbar. Damit würden die Kosten glücklicherweise überschaubar bleiben.

Die wichtigen Hauptverkehrswege seien inzwischen weitestgehend gereinigt worden, heißt es weiter. Nach der im Krisenstab abgestimmten Prioritätenliste werden im Laufe dieser Woche die Arbeiten in der Bürgerwiese und am Ploggensee aufgenommen. Dort sind Verschlammungen und Ausspülungen an Wegen zu beseitigen. Anschließend folgen Ausbesserungsarbeiten im Gänsebrink, Vielbecker Weg, an der Burdenow, am Kapellenberg, an der Grundschule „Fritz Reuter“, in der Goethestraße sowie in Hamberge und Everstorf.

Längere Zeit werden die Ausbesserungsarbeiten entlang des Schäfergangs und vor dem Kirchportal in Anspruch nehmen, da hierzu Fremdfirmen einzubinden sind. „Unser Dank gilt insbesondere den Kameraden der freiwilligen Feuerwehr. Sie sind bis zu zehn Stunden ohne Rücksicht auf eigenes Haus und Hof Einsätze im gesamten Stadtgebiet gefahren, um schlimmeren Schaden zu vermeiden“, so Grevesmühlens Bürgermeister Lars Prahler.

Jana Franke