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Grevesmühlen Wie ist die Region auf Extremfälle vorbereitet?
Mecklenburg Grevesmühlen Wie ist die Region auf Extremfälle vorbereitet?
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16:47 22.01.2019
Eingeschneites Ostsee-Trans Gelände in Grevesmühlen Quelle: Repro Michael Prochnow
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Grevesmühlen

Die extremen Schneefälle im Süden Deutschlands erinnern die Menschen im Norden vor allem an die Zeit vor 40 Jahren, als zum Jahreswechsel und noch einmal im Februar heftige Wintereinbrüche Bewohner und Rettungskräfte vor große Herausforderungen stellten. Etliche Leser haben in den vergangenen Wochen ihre Erlebnisse von damals geschildert, angefangen von dramatische Rettungsaktionen über den Einsatz der Armee bis hin zu den Geschichten von Männern und Frauen die sich zu Fuß durch den Schnee nach Hause durchkämpften. Mit dem Abstand von 40 Jahren ist den meisten Geschichten eines gemein, der große Zusammenhalt damals sei die wichtigste Erfahrung gewesen, berichten die Menschen im Norden. Jeder haben jedem geholfen. Die Frage, die sich heute stellt, lautet: Wie ist der Norden eigentlich vorbereitet auf eine solche Situation? Was ist, wenn plötzlich ein solcher Wetterumschwung vor 1978/79 das öffentliche Leben lahmlegen würde?

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Heiner Wilms Quelle: Prochnow Michael

Wir“, sagt Heiner Wilms, Geschäftsführer der Grevesmühlener Stadtwerke, „als Unternehmen sind vorbereitet. Unser Standort am Grünen Weg kann sich selbst mit Energie versorgen. Und die Wärmeversorgung für die 1800 Wohnungen, die an unser Fernwärmenetz angeschlossen sind, bleibt auch bestehen.“ Doch hier beginnen die ersten Probleme, denn die Fernwärme wird durch lange Rohrleitungen bis zu den Verbrauchern, das sind beispielsweise die Wohngebiete im Osten der Stadt, das Rathaus, Schulen und Sporthallen, gewährleistet. Doch in den Gebäuden selbst sorgen Umwälzpumpen dafür, dass die Energie auch in die Wohnungen gelangt. „Ohne Strom laufen die Pumpen nicht, das ist ein Problem“, sagt Heiner Wilms. Etliche Einrichtungen wie beispielsweise das Krankenhaus in Grevesmühlen, die Stadtwerke selbst, der Zweckverband und auch der Landwirtschaftsbetrieb in der Klützer Straße besitzen eine Notstromversorgung – doch die privaten Haushalte, Schulen und anderen öffentliche Einrichtungen wären durch einen längeren Stromausfall deutlich stärker betroffen als das vor 40 Jahren der Fall war, als die Masse der Haushalte Kohleöfen besaß und die Keller mit eingeweckten Lebensmitteln gefüllt waren. „Heute sorgt ein Stromausfall leider für erhebliche Schwierigkeiten in den einzelnen Häusern“, warnt Heiner Wilms. „Ich habe keine Angst vor solch einem Winter, aber die Bedingungen sind eben völlig andere.“ Damals sorgte der viele Schnee dafür, dass etliche Bäume umstürzten und Freileitungen beschädigten. Das wiederum sorgte für die anhaltenden Stromausfälle. „Heute haben wir 95 Prozent der Leitungen unter der Erde, insofern sehe ich diese Gefahr nicht mehr so.“ Ein anderes Problem ist die Kälte, damals war unter anderem die Braunkohle derart eingefroren, dass die großen Kraftwerke nicht mehr genügend Brennstoff hatten. „Auch das gibt es heute so nicht mehr.“ Die Herausforderung, so Heiner Wilms, sei die Abhängigkeit von elektrischer Energie, so dass auch kürzere Ausfälle für Probleme sorgen würden. Kein Brennwertkessel springt ohne Strom an, keine Pumpe läuft ohne die nötige Energie, das mobile Telefonnetz hat einen Puffer von mehreren Stunden – dann funktioniert keine Kommunikation mehr. „Ich hatte damals in unserem Haus eine Schwerkraftheizung, die mit Kohle beheizt wurde. Die brauchte keinen Strom, der Keller war voll, insofern war für meine Familie damals das Thema Heizung kein Problem. Aber heute hat niemand mehr so eine Schwerkraftheizung.“

Die Wismarsche Straße in Grevesmühlen im Winter 1978, links ist die EOS zu sehen. Quelle: Repro/Michael Prochnow

Daher, so appelliert der Stadtwerkechef, sollte jeder Vorkehrungen treffe, um die minimale Stromversorgung für die Umwälzpumpen aufrecht zu erhalten. Das ist bereits mit meiner kleinen technischen Anlage, die von einer Autobatterie gespeist wird, möglich. Die Malzfabrik in Grevesmühlen, dort sitzen auch im Ernstfall der Verwaltungs- und Führungsstab im Katastrophenfall, hängt ebenfalls an der Fernwärmeleitung der Stadtwerke. Allerdings würden die Beteiligten im Ernstfall im Kalten sitzen, denn die Kreisverwaltung verfügt lediglich über eine Stromversorgung, die die Kommunikation im Ernstfall aufrecht erhalten kann. „Jeder ortsansässige Elektriker kann dabei helfen“, empfiehlt Heiner Wilms. „Leider ist vielen Kunden das so nicht bewusst.“ Die Stadtwerke selbst sorgen neben ihrer Notfallversorgung mit kleinen Anweisungen dafür, dass das Unternehmen vorbereitet ist. Sämtliche Fahrzeuge werden jeden Abend vollgetankt auf den Hof gestellt, die Tanks der Notstromversorger werden regelmäßig überprüft.

Wie wichtig solche Details sind, zeigt das Szenario, wenn eine solche Schneekatastrophe von vor 40 Jahren den Norden erneut heimsuchen und das Stromnetz lahmlegen würden. „Damals hatten wir sogenannte Aufwärmpunkte, das bedeutet, wenn jemand in seinem Haus zu erfrieren drohte, dann gab es Hallen, in denen die Menschen unterkommen konnten. Wenn so etwas heute passieren würde, dann nützt es wenig, wenn wir große Sporthallen haben, dort aber die Heizung nicht läuft, weil kein Strom für die Umwälzpumpe vorhanden ist.“

Mathias Diederich, 1. Stellvertreter der Landrätin Nordwestmecklenburg in Grevesmühlen Quelle: Michael Prochnow

Die Fäden im Katastrophenfall laufen in der Kreisverwaltung zusammen. Dort gibt es den Führungs- und Verwaltungsstab, der sich aus den einzelnen Fachdienstleitern (Verwaltungsstab) zusammensetzt und dem Führungsstab, der beispielsweise mit den Experten wie dem Kreiswehrführer besetzt ist. Mathias Diederich, 1. Stellvertreter der Landrätin, betont, dass der Landkreis auf Krisen durchaus vorbereitet sei. „Organisatorisch sind wir gut aufgestellt.“ In den vergangenen Jahren gab es mehrere Übungen und Probealarme, bei denen die verschiedenen Szenarien durchgespielt worden sind. Der Verwaltungsstab hat sich zudem mit einem mehrtägigen Seminar vorbereitet. Und Florian Haug, in der Kreisverwaltung unter anderem zuständig für den Katastrophenschutz, den Rettungsdienst und die Feuerwehren, erklärt, dass der theoretische Teil der Vorbereitung durchaus auf einem guten Stand sei. „Man muss auch sehen, wie eine solche Katastrophe entsteht. Aktuell in Bayern hat es vier Tage gedauert, bis der Katastrophenfall ausgerufen wurde. In der Regel kündigt sich eine extreme Wetterlage an, so dass es eine gewisse Vorlaufzeit gibt.“ Komplette beziehungsweise bis ins letzten Detail ausgearbeitete Laufzettel für jeden einzelnen Ernstfall gebe es laut Haug nicht. „Das würde nicht funktionieren, da jeder Fall eine eigene Dynamik hat. Was wir tun, ist, dass wir die Abläufe üben. Sehen, wo im Ernstfall es klemmen könnte und Abhilfe schaffen.“ Das reicht von der Frage, wo sich der Landkreis Hilfe holen kann, bis zu den Immobilien, die als Sammelunterkünfte in Frage kommen. „Tatsache ist, dass wir als Landkreis technisch und personell erst einmal gut aufgestellt sind“, sagt Mathias Diederich. „Technisches Hilfswerk, Feuerwehr, Rettungsdienste, dazu kommen die eigenen technischen Kräfte der Straßenmeisterei, das alles steht uns zur Verfügung.“ Die Armee sei zwar in der Region bei weitem nicht mehr so stark vertreten wie das noch vor 40 Jahren der Fall war. „Aber ein Verbindungsoffizier ist immer mit dabei, auch bei den Übungen. Sollte der Fall eintreten, dann können wir davon ausgehen, dass die Bundeswehr ihre Hilfe anbieten wird.“

Entscheidend sei, so Florian Haug, dass in jedem Fall sowohl der Verwaltungs- als auch der Führungsstab wissen, welche Aufgabe sie bewältigen müssten. Ob eine Schneekatastrophe wie vor 40 Jahren, ein mehrtägiger Stromausfall oder eine Havarie, „wichtig ist, dass die Entscheidungswege klar abgesteckt sind.“ Bis allerdings der Katastrophenfall tatsächlich ausgerufen wird, dauert es erfahrungsgemäß einige Tage. „Wir haben in Bayer jetzt gesehen, dass einige Landkreise erst nach drei, vier Tagen den Katastrophenfall ausgerufen haben“, erklärt Florian Haug. „Das hängt auch damit zusammen, dass man die Informationen sammeln muss, um die Lage zu beurteilen. Vorschnelles Handeln bringt wenig.“

Michael Prochnow