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Grevesmühlen Sauerei: Wildschweine durchwühlen Gärten in Boltenhagen
Mecklenburg Grevesmühlen Sauerei: Wildschweine durchwühlen Gärten in Boltenhagen
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09:23 20.11.2019
Anita und Joachim Wulff blicken auf die Schäden, die Wildschweine in einer Nacht angerichtet haben Quelle: Malte Behnk
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Boltenhagen

Anita und Joachim Wulff (beide 72) wissen nicht mehr, was sie machen sollen. Ihr gesamter Rasen hinter ihrem Haus in Boltenhagens Ortsteil Tarnewitz ist umgewühlt. „Seit Oktober hatten wir jetzt zum zehnten Mal Wildschweine im Garten“, sagt Anita Wulff. „Diese Verwüstung wurde in einer Nacht angerichtet“, sagt sie und zeigt mit traurigem Blick auf großflächig umgelegte Grassoden unter den Obstbäumen.

Wildschweine

Wildschweine sind Allesfresser und sehr anpassungsfähig; in Mitteleuropa nimmt die Population vor allem durch den vermehrten Anbau von Mais stark zu und die Tiere wandern verstärkt in besiedelte Bereiche ein.

Die Populationsentwicklung der letzten Jahrzehnte wird auch an den Jagdstrecken deutlich. So wurden in Deutschland in den Jahren 2000 bis 2003 erstmals jeweils mehr als 500 000 Wildschweine erlegt. In den 1960er Jahren lag die jährliche Jagdstrecke noch bei unter 30 000 Tieren.

Die Anpassungsfähigkeit der Wildschweine zeigt sich besonders deutlich in Berlin. Wildschweine haben sich dort die stadtnahen Wälder als Lebensraum erobert und dringen heute auch in die Vorstädte ein. Gelegentlich führt sie ihr Weg bis in die Innenstadt.

Die Gärten an den Ortsrändern der Gemeinde Boltenhagen sind momentan besonders von nächtlich umherstreifenden Wildschweinrotten betroffen. Seit Ende Oktober häufen sich die Meldungen. Die Jäger der Region sind bemüht, die Schäden durch das Schwarzwild gering zu halten und die Zahl der Tiere zu verringern.

33 Wildschweine erlegt

Jedes Wochenende sind auch die Jäger des Hegerings Klützer Winkel bei Revier übergreifenden Jagden unterwegs. Erst am 9. November hatte der Hegering Klütz eine große Jagd zwischen Oberhof und Barendorf organisiert. „Dabei wurden 33 Schweine erlegt, 17 davon an der Umgehungsstraße von Boltenhagen zum Eulenkrug“, informiert der Vorsitzende des Hegerings, Heinz Eckert. In dem Bereich gebe es viel Dickicht, in dem sich die Wildschweine verstecken können. Daher geht Eckert wie auch Anita und Joachim Wulff davon aus, dass in dem Bereich noch viel mehr Wildschweine leben.

Jagd mit Hundemeute

Etwa 100 Jäger und Helfer waren an der Jagd beteiligt. „Wir hatten zusätzlich auch eine Hundemeute von Rügen engagiert“, sagt Heinz Eckert. Große Unterstützung gab es bei der Jagd von den örtlichen Landwirten, wie Familie Nölck in Oberhof und Ulrich Bosch, der Räume auf dem Gutsgelände in Brook zur Verfügung stellte.

Alle zwei Tage Schäden im Garten

Zu Einwohnern im Bereich des Hegerings hat Heinz Eckert immer wieder Kontakt. „Sie melden, wenn es Schäden durch Wild gibt“, sagt er. Daher weiß er auch von den durchwühlten Gärten in Boltenhagen. „Nach der Jagd hatten wir etwa eine Woche Ruhe“, sagt Anita Wulff. „Sonst kommen die Wildschweine fast alle zwei Tage.“ Immer wieder haben sie und ihr Mann die Schäden beseitigt, die aufgewühlte Erde wieder plattgewalzt. Etliche Flickstellen im Zaun zeugen von den Besuchen der Tiere, für die der Maschendrahtzaun nur ein winziges Hindernis ist.

Vorsichtiger Blick mit Taschenlampe

Gesehen haben Wulffs die Wildschweine in ihrem Garten noch nicht. „Die kommen spät in der Nacht“, sagt Joachim Wulff. Gegen fünf Uhr war der Schaden meist schon geschehen. „Ich schaue morgens erstmal besorgt mit der Taschenlampe raus“, beschreibt Anita Wulff.

Bislang keine Hilfe

Das 2000 Quadratmeter große Grundstück der Wulffs grenzt an zwei Seiten an Ackerflächen. „Wir haben ja nur eine kleine Rente und einen Zaun, der einen halben Meter tief im Boden ist, können wir uns nicht leisten“, sagt Anita Wulff. Sie hat bei der Polizei gefragt, wie man sich schützen kann – ohne Ergebnis. „Es gibt auch keine Versicherung“, sagt die Rentnerin. „Am liebsten hätte ich einen Jäger im Garten sitzen, der die Schweine schießt. Der würde auch Kaffee und alles bekommen. Aber das ist wohl nicht erlaubt.“

Nachbarn mit Stromzaun

In Tarnewitz sind Wulffs nicht alleine mit dem Problem. Sie berichten von Gärten, deren Besitzer versuchen die Schweine mit Holzplatten abzuhalten. Michael und Manuela Retzlaff setzen auf Elektrizität. Sie haben am Wochenende einen Stromzaun um ihren Garten gezogen. „Auch bei uns war der gesamte Rasen umgewühlt“, sagt Manuela Retzlaff. Der Stromzaun ist per Zeitschalter nur nachts aktiviert, sodass Kinder sich nicht verletzen können. „Wir haben uns im Baumarkt in Klütz beraten lassen, weil es unterschiedliche Modelle gibt“, sagt Manuela Retzlaff.

Bürgermeister sucht nach Lösung

Sie ist wie Wulffs der Ansicht, dass im Dickicht der Ausgleichspflanzungen, die zwischen der Umgehungsstraße und Tarnewitz für die Weiße Wiek angelegt wurden, eine große Zahl von Wildschweinen lebt. Den Randbereich dieser Gebiete lässt die Gemeinde momentan bearbeiten. So wurden bereits großflächige Dornengebüsche bis an den Rand der Ausgleichsfläche entfernt, in denen Wildschweine gesichtet wurden. „So wollen wir ihnen, wo wir können, Rückzugsräume nehmen“, sagt Boltenhagens Bürgermeister Raphael Wardecki (Grüne) der in Kontakt zu den geschädigten Einwohnern steht. „Wir überlegen, was es noch für Möglichkeiten gibt. Ich möchte zur Gemeindevertretersitzung am 21. November mehr Informationen bekommen, eventuell gibt es dann auch einen Lösungsvorschlag“, kündigt Wardecki an.

Kleingartenverein kann sich nicht schützen

Günter Hoth, Vorsitzender der Kleingartenanlage in Boltenhagen, schüttelt den Kopf. Anfang November hatte die erste Treibjagd unweit des Ostseebades stattgefunden. „Danach ging es los, die Tiere haben die Gärten am Rand der Anlage regelrecht umgepflügt.“ Die Kleingärtner kennen das Problem. Sobald der Jagddruck auf die Tiere erhöht wird, wie beispielsweise durch die Jagd im Herbst, weichen die Wildschweine auf die Gärten aus. Der sogenannte „Urwald“ grenzt direkt an die Gärten, ein kurzer Weg für die Tiere, die erhebliche Schäden an Zäunen hinterlassen haben.

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Von Malte Behnk

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