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Grevesmühlen „Zeit für Abschied von Freunden und Nachbarn blieb nicht“
Mecklenburg Grevesmühlen „Zeit für Abschied von Freunden und Nachbarn blieb nicht“
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00:00 08.06.2015
Hannelore Quandt
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Schlagsdorf

Es ist ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte — die Zwangsaussiedlungen Tausender Menschen in der DDR im Jahr 1952 und 1961. Der Tarnname der Aktion im Jahr 1952 war „Aktion Ungeziefer“. „Schon der Name spricht Bände, wie menschenverachtend die Aktion war“, sagte Monika Aschenbach, Leiterin der Suhler Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BSTU), beim Erinnerungstag „Zwangsaussiedlungen und geschleifte Dörfer im DDR-Grenzsperrgebiet zwischen Ostsee und Elbe“ am Sonnabend im Dorfgemeinschaftshaus in Schlagsdorf.

1952 davon betroffen war Hannelore Quandt aus Zarnewenz. Sie war elf Jahre, als am 10. Juni im Morgengrauen Lkw mit gedrosseltem Motoren auftauchten. Volkspolizisten drangen ins Haus und gaben knappe Anweisungen. Der Vorwurf: Sie hatten das landwirtschaftliche Soll der DDR nicht erfüllt. Hannelore Quandt, ihr Bruder, ihre Mutter und ihre Großeltern mussten Habseligkeiten zusammensuchen, wurden auf Lkw verladen und zum Bahnhof nach Schönberg gebracht.

Zeit für ein Abschied von Freunden und Nachbarn blieb nicht, berichtet Sigrid Schneider, geborene Bruhns. Ihre Familie lebte seit dem 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648) in Dassow. 1952 mussten sie ihren Familienbesitz zurücklassen, wurden als „Kapitalistenschweine“ bezeichnet. Sigrid Schneider war acht Jahre alt. Heute spricht sie von traumatischen Erinnerungen. Die Ausweise hatten Volkspolizisten ihr und ihren Eltern auf dem Bahnhof abgenommen. „Meine Familie dachte, es geht nach Sibirien“ Der Zug hielt letztlich in Grimmen.

So wie die Familien Quandt und Bruhns wurden ab Mai 1952 Hunderte Dörfer und Städte zwischen Rhön und Ostsee entvölkert. Von der „Aktion Ungeziefer“ waren etwa 10000 Menschen betroffen, von der „Aktion Kornblume“ im Jahr 1961 etwa 2 000. In den ehemaligen Grenzkreisen Grevesmühlen, Gadebusch und Hagenow mussten 471 Familien mit 1773 Menschen ihre Heimat verlassen, wurden in das Innere des Landes transportiert. Neun Jahre später waren es 616 Menschen. Sie alle hatten in den Augen der Staatssicherheit einen entscheidenden Makel — ihre Heimat lag zu nah an der Grenze zum Westen.

Auslöser für die Zwangsumsiedlungen war die Verordnung des Ministerrates vom 26. Mai 1952 „über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands“.

Sie sah einen zügigen Ausbau der innerdeutschen Grenze vor. Die DDR errichtete Wachtürme, zog mannshohe Zäune und legte einen 500 Meter breiten Schutzstreifen an. Der gesamte Grenzraum wurde bis zu einer Tiefe von fünf Kilometern zur Sperrzone erklärt.

Eine gesetzliche Grundlage für die „Aktion Ungeziefer“ existierte laut Monika Aschenbach nicht. Sie basierte lediglich auf Befehlen und Weisungen des Ministers für Staatssicherheit Wilhelm Zaisser und stand in krassem Gegensatz zur DDR-Verfassung. Anfänglich richtete sich die Umsiedlung nur gegen „feindliche, verdächtige und kriminelle Elemente“, die schnellstmöglich aus dem Grenzbereich entfernt werden sollten. Das konnten Bauern sein, die sich der Kollektivierung widersetzten oder ihr Soll nicht erfüllten. Auch Personen „mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr“ oder einfach politisch Missliebige waren betroffen. Die entvölkerten Dörfer wurden im Zuge des weiteren Ausbaus der Grenzsicherungsanlagen oft dem Erdboden gleichgemacht — wie auch die Dörfer Lankow, Bardowiek und Neuhof in Nordwestmecklenburg. Über das Thema zu sprechen war tabu, sagt Hannelore Quandt. Die Staatssicherheit hatte Betroffenen nahegelegt, Stillschweigen zu wahren. Landrätin Kerstin Weiss sprach angesichts des dunklen Kapitels von einem „Vergehen gegen die Menschlichkeit“ und verdeutlichte: „Diese menschenverachtenden Aktionen geschahen in einer Republik, die sich als demokratisch bezeichnete.“

Die gegen ihren Willen Ausgesiedelten durften ihre Heimat für Jahrzehnte nicht betreten. Um den Anschein an Normalität zu suggerieren, ließ die SED-Regierung in Lankow bei Dechow von 1969 bis 1972 Häuser renovieren, die vom Westen aus sichtbar waren. Immer mehr Einwohner flohen. Als Lankow vereinsamte, rückten Bagger an, um den DDR-Soldaten ein „freies Sicht- und Schussfeld“ zu bieten. Im Herbst 1976 verschwand Lankow von der Landkarte. Seit 2009 erinnert ein Stein an das geschleifte Dorf.



Steffen Oldörp

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