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Güstrow Erlesenes Hotel bei Rostock: Wo Leser mit einer halben Million Bücher Urlaub machen
Mecklenburg Güstrow

Erlesenes Hotel bei Rostock: Wo Leser mit einer halben Million Bücher Urlaub machen

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12:32 22.12.2019
Conny Brock (M.) hat sich im Gutshaus Groß Breesen den Traum vom Bücherhotel erfüllt. Die Herberge für Vielleser führt sie mit ihrer Tochter Maxi Weiß (l.) und ihrem Mann Torsten Brock. Quelle: OVE ARSCHOLL
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Güstrow

Es heißt, Lesen verleiht Flügel. Wenn dem so ist, dann lässt es sich weit und breit nirgends so beschwingt urlauben wie in dem Bücherparadies, das sich am Rand der Mecklenburgischen Schweiz versteckt. Dort, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, rund 50 Kilometer Luftlinie südlich von Rostock, bei Güstrow, liegt das Gutshaus Groß Breesen, ein Sehnsuchtsort für Vielleser.

Das Haus ist buchstäblich so vielseitig wie kein zweites: Mehr als eine halbe Million Bücher hat das Hotel im Nirgendwo seinen Gästen zu bieten. Wächter des märchenhaften Literaturschatzes sind Conny und Torsten Brock (beide 57). Wer bei ihnen eincheckt, schläft Tür an Tür mit Königen, Helden und Fabelwesen. Vom Keller bis unters Dach – wohin das Auge blickt, stapeln sich historische Romane, Abenteuer und Fantasy-Bände zu Türmen auf. „Wir dürfen hier unseren Traum leben.“

Hotelbetreiberin ist Krösus der Bücher

„Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seine Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken“, schrieb Hermann Hesse einst nieder. Von solchem Elend weiß Conny Brock nichts. Was Bücher angeht, ist sie Krösus. Ein Reichtum, den sie und ihr Mann nur zu gerne mit anderen teilen. Genau wie ihre Gastfreundschaft. Mit Besuchern sind sie per Du, öffnen ihnen Herz und die Schatzkammer – „Connys Wortreich“.

Fotostrecke: So schön ist es in Deutschlands erstem Bücherhotel

Gutshaus Groß Breesen: So schön ist es in Deutschlands 1. Bücherhotel

In vier kuscheligen Zimmern mit so verheißungsvollen Namen wie „Wunderland“ und „Singendes, klingendes Räumchen“ hat die Hotelchefin ihre Privatsammlung untergebracht. Sämtliche Werke, die hier stehen, dürfen Gäste lesen. „Aber sie bleiben hier“, sagt Conny. Im Gegensatz zu dem, was in Lobby und Fluren steht. Hier gilt: Wer zwei Bücher mitbringt, darf dafür ein anderes mitnehmen.

Nobelpreisträger trifft auf Liebesschnulzenschreiber

Conny ist selbst ernannter Bookaholic – eine, die süchtig ist nach Büchern. Dass diese Leselust auch Last sein kann, spürt ihr Liebster am eigenen Leib: Einen Katzensprung vom Hotel entfernt kämpft sich Torsten Brock durch den Blätterwald. In einer Scheune, einst Unterstand für Landtechnik, füllen abertausende Bücher – unsortiert – ein Labyrinth aus Regalen. Darin trifft Kafka auf Konsalik, Literaturnobelpreisträger auf Liebesschnulzenschreiber.

Überall stehen Kisten voller Wälzer, die Torsten Brock noch auspacken will. „Dabei lese ich selbst gar keine Romane, ich trag’ sie nur von A nach B“, gesteht er und lacht. So ähnlich muss es im Friedhof der vergessenen Bücher aussehen, den Carlos Ruiz Zafón in „Der Schatten des Windes“ beschreibt. Auch dessen Gesetze gelten: Hier sucht man nicht, hier wird man vom Buch gefunden.

Gleich zwei Mal verliebt

Conny hat einen ihrer Lieblinge vor langer Zeit entdeckt. „,Der kleine Prinz’ ist mein großer Favorit.“ Mit ihrem Herzblatt fand die gebürtige Stralsunderin dagegen erst beim zweiten Anlauf das Glück: Sie lernt Torsten zu Studienzeiten in Güstrow kennen, die Beiden verlieben sich. Gut ein Jahr lang sind sie ein Paar, bis Torsten zurück in seine Heimat Parchim zieht. Die beiden verlieren sich aus den Augen, gründen eigene Familien – und treffen sich nach Jahren wieder. „Es hat sofort wieder gefunkt“, erzählt Torsten.

Paradies für Vielleser

Groß Breesen ist erstmals 1303 als „Maiori Bresen“ urkundlich erwähnt worden. Nicolas Fürst von Werle soll das Gut dem Ritter Bernhard von Bellin überlassen haben. Es war dann von 1390 bis 1918 im Eigentum des Klosters Dobbertin.

Das Gutshaus wurde 1833 errichtet. Nachdem Mitte der 1860er Jahren ein Feuer große Teile des vom damaligen Pächter Adolph Tretow bewohnten Hauses zerstört hatten, wurde es wieder aufgebaut. Nach 1945 diente das Gutshaus unterschiedlichen Zwecken, bis 1992 wurde es als Wohnhaus genutzt.

Ab 1992 wurde das Haus liebevoll restauriert, mit Nebengebäuden ergänzt und im Jahr 1998 als Deutschlands erstes Bücherhotel eröffnet.

www.gutshotel.de

Vor fünf Jahren gibt sich das Paar auf ihrer Trauminsel Hiddensee das Jawort. Dabei hätten sie dafür eigentlich auch zu Hause bleiben können. Das Gutshaus ist Außenstelle des Standesamtes Güstrow. Zum Jasagen gehen Verliebte in den Keller: Im urigen Gewölbe – abgesehen von den vier Außenwänden das einzige, das vom Original-Gutshaus noch übrig ist – befindet sich das Trauzimmer. In direkter Nachbarschaft: Weinstube und Hotelrestaurant.

„Hier bin ich aufgewachsen, hier schlägt mein Herz“

„Zu DDR-Zeiten waren hier Waschküche und Lagerräume untergebracht“, erzählt Maxi Weiß (22). Zusammen mit Mama Conny und ihren beiden Geschwistern hat sie den grauen Putz von den Wänden geschlagen, Back- und Feldsteine freigelegt. „Viel Arbeit, aber es hat sich gelohnt.“

Für Maxi Weiß gibt es auf der Welt keinen schöneren Ort als diesen. Ihre Schwester wohnt in Stralsund, ihr Bruder studiert in Heidelberg. Die 22-Jährige aber will ihr Leben in Groß Breesen verbringen. „Hier bin ich aufgewachsen, hier schlägt mein Herz.“ Wie sie haben schon Hunderte im Gutshaus ein Zuhause gefunden.

1860er Jahre Gutshaus beinahe von Brand zerstört

Das Gebäude, das heute Gäste und Geschichten beherbergt, blickt selbst auf eine bewegte Historie zurück. Erbaut wurde es 1833 als Pächterwohnhaus und Mittelpunkt eines Gutes, das mit vielen anderen die Bewohner im Kloster Dobbertin versorgte, darunter reiche Stiftsdamen wie Theodor Fontanes Brieffreundin Mathilde Sophie von Rohr.

In den 1860er Jahren wäre das Gutshaus beinahe bei einem Brand vernichtet worden. Doch trotz massiver Schäden wurde es nach dem Feuer wieder aufgebaut und diente in den folgenden Jahrzehnten verschiedensten Zwecken. Bis 1992 wurde es als Wohnhaus genutzt. Als die Gemeinde die Immobilie zum Kauf anbietet, schlägt Conny Brock – seit 1988 Bewohnerin und nach der Wende eine der letzten Mieterinnen – zu. Warum sie blieb, als alle gingen? „Das Haus hat mich einfach nicht losgelassen“, sagt sie und lacht.

Geld geht bei Sanierung aus

Sie kauft es. „Ohne viel Geld, ohne Plan.“ Um allein darin zu wohnen, ist das Haus zu groß. Da die studierte Germanistin zu dem Zeitpunkt vier Reisebüros führt, beschließt sie, selbst einen Urlaubsplatz zu schaffen. Ihr Plan: eine kleine Pension. Statt Happy End erlebt sie ein Fiasko. „Der Architekt hat sich total verkalkuliert.“ Das Geld geht aus, der Baustopp folgt, das Haus ist unbewohnbar. Dreieinhalb Jahre habe sie mit ihrer Familie im Wohnwagen gelebt, berichtet Conny Brock.

Dann geht der Traum doch in Erfüllung. In größerem Ausmaß als gedacht. Die Bank will es so, als Bedingung für den Kredit. Das Gutshaus wird renoviert, mit vier Nebengebäuden ergänzt und 1998 eröffnet – als Deutschlands erstes Bücherhotel.

Park wie bei Rosamunde Pilcher

Gästen und Büchern räumen die Brocks viel Platz ein. Sie selbst leben bescheiden: Die Privatwohnung im Nebenhaus misst nur 40 Quadratmeter. Umso weitläufiger ist der Literaturpark ringsum, der unzählige Leseecken bietet. Begehrtester Schmökerplatz ist die „Therapiebank“. Von hier aus streift der Blick ungehindert über Wald und Hügelland. „Da denkst du doch, du bist bei Rosamunde Pilcher“, scherzt Torsten Brock.

Naturkulisse und Aussicht auf schier unerschöpflichen Lesestoff wirken. Stammgäste erliegen dem Zauber genauso wie Radtouristen auf der Durchreise. Die Hotelchefin tut’s auch. Nachts, wenn im Haus alles schläft, steckt Conny Brock die Nase in Bücher und verliert sich in Romanwelten. Lieber noch tauscht sie sich über ihre Leidenschaft aus. Deshalb richtet sie regelmäßig Veranstaltungen, wie Lesungen oder Schönschriftkurse, aus.

„Wir schreiben hier unsere eigene Geschichte“

Im Gegensatz zu vielen anderen Gutshäusern sei ihres nicht für Adlige berühmt und komme nicht in großen Chroniken vor, sagt Conny Brock. „Macht nichts. Wir schreiben hier unsere eigene Geschichte.“ Das nächste Kapitel ist in Sicht: Ein ausrangierter Zugwaggon wird bald das Brocksche Leseparadies ergänzen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

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