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Güstrow Güstrower Ärzte öffnen Baraa (5) aus Gaza eine neue Welt
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Güstrower Ärzte öffnen Baraa (5) aus Gaza eine neue Welt

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12:00 08.02.2020
Prof. Dr. Tino Just, Chefarzt der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie am KMG Klinikum Güstrow mit seinem kleinen Patienten Baraa. Quelle: Klinikum
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Güstrow

Die Welt des Hörens war dem kleinen Schwarzschopf bislang völlig fremd. Denn der fünfjährige Baraa aus dem Gaza-Streifen, der einen Teil der Palästinensischen Autonomiegebiete darstellt, ist seit seiner Geburt taub. Die Chance, dass er künftig zumindest Sprache verstehen kann, hat sich seit einigen Stunden aber gewaltig erhöht. Denn Spezialisten des KMG Klinikums Güstrow –unter Leitung von Prof. Dr. Tino Just – haben ihm in einer zweieinhalbstündigen Prozedur ein hochmodernes Hörimplantat eingesetzt. Während der OP erfolgte eine Vielzahl von Hörtests.

Einstündiger Eingriff verlief erfolgreich

„Ab 18. Februar wird sich erweisen, ob der Eingriff , der sehr gut verlaufen ist, erfolgreich war“, erklärt der Chefarzt der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. Dann nämlich werde der Sprachprozessor aktiviert. Und erst in den Wochen der Rehabilitation ist dann sicher zu beurteilen, ob das Kind Sprache versteht. Der Fachmann ist sich noch nicht sicher, ob dies möglich sein wird. Denn es liegt eine Missbildung des Innenohres vor. Bei Baraa ist die Hörschnecke –auch Cochlea genannt – nur zum Teil ausgebildet.

Ein absoluter Spezialfall

„Dies ist ein wirklich seltener Fall“, verdeutlicht der Facharzt. So sei unter anderem eine Spezial-Elektrode nötig gewesen. In seiner mehr als 20 Jahre währenden Tätigkeit an der Unimedizin Rostock und am KMG Klinikum Güstrow hat er bisher nur drei Patienten mit derartigen Problemen operiert. Durch das sogenannte Cochlea-Implantat könne der Hörnerv praktisch elektrisch stimuliert werden. Dabei stellt die Operation nur einen kleinen Baustein in der langen Behandlungskette dar.

Kontakt zu Patienten ein Leben lang

So wurde Baraa bereits im Oktober des vergangenen Jahres in der HNO-Klinik der Barlachstadt vorgestellt. Es folgten eine umfangreiche Diagnostik und intensive Abstimmung beispielsweise mit dem Cochlear-Implant-Centrum „Ernst LehnhardtMecklenburg-Vorpommern in Güstrow.

Per Internet halten die Fachleute in diesen Fällen den engen Kontakt zu den Patienten. Denn nach dem Einsetzen eines derartigen Hörsystems verpflichten sich die Ärzte, den Erkrankten sein ganzes Leben lang zu betreuen.

Allein Hightech-Implantat kostet bis zu 20 000 Euro

Seit 2015 haben Prof. Just und seine Mitarbeiter in Güstrow insgesamt 123 Patienten damit die Chance eröffnet, an einer ihnen bisher verschlossenen Welt teilzuhaben. „Etwa zehn Prozent der Operierten waren Kinder“, so der Mediziner. Allein ein solches Hightech-Gerät kostet zwischen 16 000 und 20 000 Euro. Hinzu kommen die OP- und Reha-Aufwendungen, sodass Gesamtkosten von 50 000 Euro schnell zusammenkommen.

Hörtest für Neugeborene in MV

In Mecklenburg-Vorpommern wird bei Neugeborenen in den Kliniken und bei niedergelassenen Hals-Nasen-Ohren-Ärzten stets ein sogenanntes Hörscreening durchgeführt. Die entsprechenden Daten werden in der Unimedizin Greifswald erfasst und ausgewertet. „Pro Jahr stellt man bei etwa 360 Kindern Auffälligkeiten fest“, erläutert Prof. Just. Bei diesen folgen weitere Tests und Untersuchungen. „Nur bei einem sehr kleinen Prozentsatz ist eine Cochlea-Implantation erforderlich“, so der Güstrower Facharzt. Und er merkt an: Auch wenn aus medizinischer Sicht eine umgehende Versorgung des schwerhörigen oder ertaubten Patienten angezeigt sei, bedürfe es der eingehenden Beratung mit den Familien.

Projekt „Schenken Sie den Kindern Gehör“

Der kleine Baraa indes wartete mit seiner Familie im „Internationalen Friedensdorf Oberhausen“ in Nordrhein-Westfalen auf die Operation. Dass er in Güstrow behandelt werden konnte, ist dem Projekt „Schenken Sie den Kindern Gehör“ zu verdanken. Konkret wird damit schwerhörigen Kindern weltweit geholfen. Es wurde von der in Hannover beheimateten Lehnhardt-Stiftung initiiert. Diese half zudem bei der Finanzierung. Hinzu kamen Gelder der Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“, Eigenmittel der Familie, private Spendengelder und die Unterstützung durch das KMG Klinikum.

Elf Millionen Deutsche hören schlecht

360 Millionen Menschen (5,3 Prozent der Weltbevölkerung) leiden laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter Hörschäden. Ein Drittel der Betroffenen sind älter als 65 Jahre.

Rund 32 Millionen (neun Prozent) der Hörgeschädigten sind Kinder.

Eine besondere Häufung dieser Erkrankungen findet sich in den Regionen Südostasien, Asien und Afrika.

Laut Statistik gab es 2017 bereits rund elf Millionen Bundesbürger, die Hörschäden aufwiesen. Das waren immerhin 16,2 Prozent der hiesigen Bevölkerung.

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Von Volker Penne

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