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Güstrow Im Alter wächst das Vorhofflimmer-Risiko
Mecklenburg Güstrow Im Alter wächst das Vorhofflimmer-Risiko
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11:11 16.10.2018
Prof. Dr. Dietmar Bänsch, Ärztlicher Direktor KMG Kliniken Güstrow, bei einer Radiofrequenz-Ablation Quelle: CHRISTIAN_ROEDEL
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Güstrow

Selbst kleine Strecken wurden für den heute 68-jährigen Rentner im vergangenen Jahr zu einer Art Marathon. „Für die wenigen Hundert Meter vom Parkplatz bis zum Haupteingang der KMG Kliniken in Güstrow habe ich mehr als 30 Minuten benötigt“, erinnert sich Ernst-Albert Weber.

Seit 1994 litt der heute in Zietlitz unweit von Krakow am See (Landkreis Rostock) lebende Rentner an Vorhofflimmern. Was sich anfänglich nur in einem leichten Unwohlsein und beschleunigten Pulsschlag bemerkbar machte, entwickelt sich für ihn zum massiven Problem. Immer häufiger „wurde die Luft knapp beim Gehen, der Puls raste“, erinnert sich Weber. Neben deutlichem Übergewicht machen ihm unter anderem ein Typ-2-Diabetes und eine durch einen Verkehrsunfall verursachte Wirbelsäulenverletzung zu schaffen.

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„Die Statistiken belegen eindeutig, dass mit zunehmendem Alter das Risiko, an Vorhofflimmern zu erkranken, zunimmt“

Während die normale Herzfrequenz bei 50 bis 100 Schlägen pro Minute liegt, leiden Vorhofflimmer-Patienten unter Extraschlägen in den Vorhöfen des Herzmuskels. Und das pausenlos.

„Die Statistiken belegen eindeutig, dass mit zunehmendem Alter das Risiko, an Vorhofflimmern zu erkranken, zunimmt“, betont Prof. Dr. Dietmar Bänsch (56). Das Gefähr- liche: Wenn das Herz aus dem Takt gerät, steigt auch das Risiko für einen Schlaganfall.

Stichwort Vorhofflimmern

Rund 15 Millionen Menschenin Europa haben laut Deutscher Herzstiftung Vorhofflimmern. Es handelt sich dabei um die häufigste Rhythmusstörung. Jedes Jahr kommen 150 000 Patienten hinzu. Allein in Deutschland leiden nach Expertenangaben 1,8 Millionen Menschen unter derartigen Beschwerden. In den 90er Jahren glaubte man, diese Rhythmusstörung sei ein Schönheitsfehler des Elektrokardiogramms (EKG). Heute weiß man: Vorhofflimmern ist eine ernst zu nehmende Herzrhythmusstörung, die unbemerkt und unbehandelt lebensbedrohlich für Herz und Gehirn werden kann, bis hin zu Herzschwäche und Schlaganfall.

Weist der Patient keine weiteren gravierenden Risikofaktoren auf, dazu gehört starkes Übergewicht, stehen aber die Chancen, ihm mithilfe einer sogenannten Katheter-Ablation helfen zu können, gut. Der Chefarzt der Klinik für Rhythmologie und klinische Elektrophysiologie des KMG Klinikums Güstrow beziffert die Erfolgsaussichten in diesen Fällen auf rund 60 Prozent nach der ersten Prozedur. Diese dauert etwa zweieinhalb Stunden.

Fettleibigkeit und starker Alkoholkonsum mindern Erfolgschancen

Gleichzeitig warnt er: „Die Erfolgsaussichten sinken bei fettleibigen Personen um zehn bis zwölf Prozent. Starker Alkoholkonsum und ein bestehender Bluthochdruck schmälern die Chancen um etwa zehn bis 20 Prozent!“

Konkret veröden die Spezialisten krankhafte elektrische Erregungsherde im Herzgewebe. Damit wollen die Ärzte das Vorhofflimmern praktisch an der Wurzel packen. Bereits 1998 hatte der französische Kardiologe Michel Haïssaguerre erkannt, dass ein elektrischer Impuls aus den Lungenvenen das Herz aus dem Takt bringt. Mittels der Isolation der sogenannten Pulmonalvenen wird versucht, die elektrischen Impulse aus den Lungenvenen zu unterbinden.

Deutsche Herzstiftung: Katheterablation ist derzeit wirksamste Therapie

Aktuell nutzen die Mediziner zwei Verfahren, um die Lungenvenen vom Vorhof zu isolieren. Zum einen geschieht dies mittels Hitze. Man nennt dies im Fachjargon Radiofrequenz-Ablation.

„Mit Hilfe eines Ablationskatheters setzt man kleine Verödungspunkte Punkt für Punkt um die Lungenvene. Das erinnert an eine Perlenschnur und erfordert Geschick und Erfahrung“, sagt der Ärztliche Direktor der Kliniken in der Barlachstadt. Laut Deutscher Herzstiftung ist die Katheterablation die derzeit wirksamste Therapie, um den normalen Herzrhythmus zu erhalten. Das bestätigt auch Prof. Bänsch. Von den etwa 600 Patienten, die allein in seinem Haus jährlich aufgrund von symptomatischem Vorhofflimmern behandelt werden, erhalten rund 500 eine solche moderne Radiofrequenz-Ablation.

„Ich fühle mich prima. Es ist wie ein anderes Leben“

Beim zweiten Verfahren, elek-trisch erregbare Leitungsbahnen, die für die Herzrhythmusstörung verantwortlich sind, zu unterbrechen, setzt man auf Kälte. Bei der sogenannten Kryo-Ablation wird mit einem speziellen Mini-Ballon das betreffende Gewebe kurzzeitig auf Minustemperaturen abkühlt.

In der Praxis sei es aber häufig schwierig, den runden Ballon genau der Form der Lungenvene anzupassen, verdeutlicht der Güstrower Mediziner. Sei eine zweite Ablation, wie auch bei Ernst-Albert Weber nötig, erfordere die Kryo-Methode einen höheren Aufwand: „Bei der erneuten Radiofrequenz-Behandlung sind nur noch vorhandene Lücken in der Ablationsleitung zu schließen. Mit dem Kryo-Ballon muss der Eingriff komplett wiederholt werden“. Trotz seiner schlechten Prognosen hat sein Zietlitzer Patient heute wieder allen Grund zum Lächeln. Nach einer zweiten, etwa 90-minütigen Hitzeablation zeigt auch ein aktuelles Elektrokardiogramm keinerlei Auffälligkeiten mehr. „Ich fühle mich prima. Es ist wie ein anderes Leben“, erklärt der Senior erleichtert.

Unregelmäßiger Herzschlag

Paroxysmales Vorhofflimmern: Patienten haben nur anfallsweise Vorhofflimmern. Es tritt plötzlich spontan auf und hort nach einigen Stunden oder Tagen spontan auch wieder auf.

Persistierendes Vorhofflimmern: Das Vorhofflimmern hört nicht mehr von selbst wieder auf, sondern muss durch einen Elektroschock (Kardioversion) oder durch eine akute medikamentöse Therapie beendet werden.

Lang anhaltendes Vorhofflimmern: Es wird auch als chronisches Vorhofflimmern bezeichnet. Damit soll deutlich gemacht werden, dass ein normaler Herzrhythmus (Sinusrhythmus) dauerhaft schwer oder gar nicht zu erreichen ist.

Normalerweise spurt man sein Herz nicht. Kommt es jedoch zum Vorhofflimmern, spuren die Patienten zumeist eine Unregelmäßigkeit ihres Herzschlags (.das Herz stolpert). Wenn das Vorhofflimmern langer dauert (Stunden bis Tage), kann sich eine allgemeine Leistungsschwache einstellen. Patienten spuren besonders, dass sie beim Treppensteigen schneller erschöpft sind. Symptome infolge von Vorhofflimmern sind: Herzstolpern, Herzrasen, Beunruhigung, Angst, Luftnot, Schwache, Schwindelattacken, Brustschmerzen, kurzzeitige Bewusstlosigkeit, Schlaganfall

Grundsätzlich gilt: Wenn Patienten über eine oder mehrere dieser Beschwerden klagen, sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden!

Volker Penne

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