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Mittleres Mecklenburg Große Pläne der Nazis in MV: Hier testete Hitler seine Welthauptstadt Germania
Mecklenburg Mittleres Mecklenburg Große Pläne der Nazis in MV: Hier testete Hitler seine Welthauptstadt Germania
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21:03 05.09.2019
Zwei der „Weißen Häuser“ in einem Waldstück zwischen Granzow und Schillersdorf (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte). Quelle: Norbert Fellechner
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Rechlin

Ein Kiefernwald südöstlich der Müritz, am Großen Kotzower See. An den Bäumen: Warnschilder. „Munitionsbelastetes Gebiet. Lebensgefahr!“ Angst vor Blindgängern, Brennnesseln und Zecken sollte man also besser nicht haben. Setzt man sich über die Warnungen hinweg, kann man sie – mit etwas Glück und Google-Maps – finden. Mitten im dichten Wald.

Verlassene, gespenstische Betonblöcke. Riesige Bunker-Hochhäuser aus der Nazizeit. Bombensichere Türme, zahllose Bunkerreste, gewaltige Betonwände. Einheimische nennen die zum Teil eingestürzten, gesprengten, verwitterten und zugewachsenen Bauten „Weiße Stadt“. Denn zumindest die insgesamt vier erhalten gebliebenen Bunker-Häuser waren wohl einst mit weiß getünchten Ziegeln verkleidet.

Graue Stahlbeton-Bauten blieben zurück

Nach dem Krieg versorgten sich die Anwohner mit begehrten Baustoffen, schlugen die Fassaden ab. Zurück blieben nackte, graue Stahlbeton-Bauten, meterdicke Wände mit tonnenschweren, protzigen Gesimsen. Die „Berliner Siedlung“ oder „Neuberlin“, wie das vergessene Areal auch genannt wird.

Bilder vom ehemaligen Bombenabwurfgebiet an der Müritz, der Halbinsel Wustrow, dem KdF-Bad Prora und dem Flugplatz Pütnitz

Das Gelände war jahrzehntelang No-Go-Area. Militärisches Sperrgebiet. Das preußische Kriegsministerium entschied schon vor mehr als 100 Jahren, im nahen Rechlin Flugzeuge zu erproben. Denn das Areal schien ideal: nur dünn besiedelt, abgelegen und doch nicht zu weit von Berlin entfernt, eben und – damals – noch fast ohne Wald.

1917 wurden fast 1400 Hektar Land enteignet und im Jahr darauf die „Flieger-Versuchs- und Lehranstalt am Müritzsee“ gegründet, mit Flugplätzen in Mirow, Lärz und Rechlin. Nach dem Ersten Weltkrieg stillgelegt und später reaktiviert, entstand hier ab 1935 die mit insgesamt 120 Quadratkilometern größte „Erprobungsstelle der Deutschen Luftwaffe“, erklärt Torsten Heinrichs, Vorsitzender des Fördervereins Luftfahrttechnisches Museum Rechlin.

Getestet wurde fast alles

Getestet wurde hier an der Müritz bis 1945 fast alles, was für einen Luftkrieg gebraucht wird: Flugzeuge und Motoren, Funk- und Navigationsanlagen, Turbinen und Reifen, Kraftstoffe, Fallschirme, Schleudersitze und natürlich Waffen und Munition. Es gab ein Versuchsgelände für die Zerstörung von Überlandleitungen, Schiffe für den Test von Bombenabwürfen. Auch ein Stück Autobahn wurde in den Wald geklotzt, um die Wirkung von Bombentreffern zu analysieren.

Und: Auch neue Häuserformen, Armierungen und Baustoffe ließ Adolf Hitler auf dem Bombenabwurfgelände testen. Die vier verwitterten Türme seien damals „aus allen Rohren beschossen“ worden, erklärt Heinrichs. Aus der Luft von Sturzkampfbombern, vom Boden durch Artillerie oder direkt per Fernzündung.

Zweck der Türme: Weil es kaum möglich schien, genügend unterirdische Bunkeranlagen zu errichten, sollten sich die Bewohner von Mehrfamilienhäusern im Notfall von jeder Etage aus in verbunkerte, bombensichere Treppenhäuser beziehungsweise Luftschutz-Bäder retten können – sogenannte Geschossbunker. „Stabile Kerne, die Bombentreffer aushalten sollten“, erklärt der Berliner Stadtplaner Dietmar Arnold.

Häuser für WelthauptstadtGermania

Die Test- beziehungsweise Typenbauten waren für die von den Nazis nach dem „Endsieg“ geplante WelthauptstadtGermania“ gedacht, betont der Experte für Architektur der Nazizeit.

Germania-Experte Prof. Wolfgang Schäche hat noch eine ganz andere Theorie: „Hitler konnte mit Berlin nichts anfangen – insbesondere mit der Stadtverwaltung Berlins“, betont der Architekturhistoriker aus Berlin. Diese sei in den Augen Hitlers zu unbeweglich, zu preußisch gewesen. Denn: Die Verwaltung habe viele von Hitlers größenwahnsinnigen Ideen nicht so einfach umsetzen wollen. Deshalb habe es 1936 und 1937 die Idee gegeben, eine „Hauptstadt aus der Retorte“ zu erbauen. Und zwar an der Müritz, behauptet Schäche.

Germania

Die Reichshauptstadt Germania sollte nach dem Willen von Adolf Hitler nach dem „Endsieg“ Mittelpunkt eines großgermanischen Weltreichs werden. Hitler verlieh dem Architekten Albert Speer den eigens geschaffenen Titel „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ und unterstellte ihm die gleichnamige Behörde, mit der Speer zwischen 1937 und 1943 den Umbau von Berlin startete. Zuvor war wohl auch eine neu zu bauende Stadt im Gespräch. Die Planungen für Berlin sahen schließlich ein Kreuz von zwei breiten Verkehrsachsen vor, die vom Autobahnring durch die Innenstadt wieder zum Autobahnring führen sollten. Anfänglich zwei, später vier Ringe sollten den Verkehr von den Achsen in der Stadt verteilen. Nördlich des Schnittpunkts der Monumentalachsen, im Spreebogen, sollte eine zentrale Versammlungsstätte, die „Große Halle“, liegen. Die Bauarbeiten für die Halle begannen am 23. Juni 1938. Die Nord-Süd-Achse sollte die wichtigste Prachtstraße werden.

Darauf könnten auch die Reste der Klinkerfassaden an den Türmen an der Müritz hindeuten. Und der aufwendige Wandschmuck. Die nach historischem Berliner Vorbild ausgeprägten Traufprofile.

Unklar ist, ob Nazi-Stararchitekt Albert Speer eine Rolle beim Bau gespielt hat. Offen bleibt auch, warum die recht gut erhaltenen Turmgeschosse lediglich durch Stahlleitern verbunden sind. Und was dran ist an den Erzählungen, dass während des Beschusses in den einzelnen Stockwerken lebende Tiere, möglicherweise Ziegen angebunden gewesen sein sollen. Ziel: zu testen, wie sich Bombentreffer auf das Gehör von Menschen auswirken.

Jetzt wohnen hier Fledermäuse

Apropos Tiere: Die Treppenhäuser, Bunker und riesigen Wände aus Stahlbeton, an denen man die zerstörerische Wirkung von Detonationen bis heute genau erkennen kann, sind mittlerweile zum Zuhause für Vögel und Fledermäuse geworden. Der mit Munitionsresten belastete Wald wurde im April 2018 von der Deutschen Wildtier Stiftung übernommen. Es gebe hier Rehe, Rot- und Damwild, Wildschweine, erklärt Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Stiftung. Eine „Kartierung und Erfassung der Brutvogelarten“ laufe, die Erfassung der Fledermausarten sei geplant.

Nicht geplant sei dagegen, die „Weißen Häuser“ begehbar zu machen, betont von Münchhausen. „Eine vollständige Entmunitionierung der Fläche ist unmöglich.“ Zudem: Ziel der Wildtier Stiftung sei der „Natur- und Artenschutz“. Und der funktioniert am besten ganz ohne Menschen ...

Vergessene Orte

In Pütnitz bei Ribnitz-Damgarten befinden sich zahlreiche ehemals militärisch genutzte Gebäude, die ältesten von einer Seefliegerschule des Dritten Reiches. Ab 1952 stationierte die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland Einheiten der 16. Luftarmee. Von 1954 bis 1994 war Pütnitz Standort des Stabes der 16. Gardejagdfliegerdivision und des 773. Jagdfliegerregiments mit etwa 7000 Militärangehörigen. Heute ist in den ehemaligen Hangars des Militärflugplatzes das Technik-Museum Pütnitz untergebracht, getragen vom Technikverein Pütnitz, der auch die Öffnungszeiten für das Gelände festlegt. Zudem ist der Flugplatz Standort des Pangea-Festivals.

In Prora, Ortsteil von Binz auf Rügen, stehen die Überreste des zwischen 1936 und 1939 gebauten, unvollendet gebliebenen KdF-Seebades Rügen. Im Komplex sollten durch die Organisation Kraft durch Freude (KdF) 20 000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen können. Der Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 verhinderte die Fertigstellung. Der „Koloss von Prora“ bestand aus ursprünglich acht auf einer Länge von 4,5 Kilometern entlang der Prorer Wiek aneinandergereihten baugleichen Blöcken. Dazu kamen sogenannte Liegehallen, Versorgungsbauten und eine Kaianlage. Die zwei nördlichen Blöcke wurden zwischen 1945 und 1949 bis auf wenige Segmente zerstört, der südlichste Block, der im Gegensatz zum Rest der Bettenhäuser nie seine geplante Stockwerkszahl erreicht hatte, wurde komplett zerstört. Die verbliebenen Blöcke wurden auf einer Länge von etwa 2,5 Kilometern zur wohl monumentalsten Kasernenanlage der DDR ausgebaut und bis zur Wende militärisch genutzt. Mittlerweile sind hier Hotels und Ferienwohnungen entstanden, die Ruinen im Norden sind abgesperrt.

Auf der derzeit nur im Rahmen von Planwagenfahrten zugänglichen Halbinsel Wustrow westlich von Rerik wurde während der NS-Zeit eine Flakartillerieschule errichtet. Ein Luftwaffenübungsplatz entstand, zudem eine Wohnsiedlung, ein Flugplatz und Sportanlagen. Seit 1949 waren auf der Halbinsel Truppen der Baltischen Rotbannerflotte, Einheiten der Baltischen Südflotte und der 4. Baltischen Flotte stationiert sowie die 2. Spezial-Aufklärungsbrigade der sowjetischen Streitkräfte GRU. Auch Landungsschiffe gab es hier, sie wurden beim Abzug der Truppen in den 1990er-Jahren zum Transport von Technik von Wustrow in die UdSSR eingesetzt. Übrig blieben zahlreiche Ruinen und Munitionsreste. Die Halbinsel Wustrow gehört zum Vogelschutzgebiet „Küstenlandschaft Wismar-Bucht“.

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