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Rostock Kreativ, subversiv, plakativ: Das waren die Losungen der Demonstranten 1989 in MV
Mecklenburg Rostock Kreativ, subversiv, plakativ: Das waren die Losungen der Demonstranten 1989 in MV
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08:08 10.11.2019
Demonstration in Rostock am 21. Oktober 1989: Eine der Hauptforderungen der Demonstranten ist „Wir wollen freie Wahlen“. Quelle: Dietmar Weidler/Archiv Schmidtbauer
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Rostock

Die Demonstrationen in den Wochen des Umbruchs im Herbst 1989 sind DDR-weit von neuen Losungen geprägt. Im September gehen im Süden der DDR, in Leipzig, die ersten Menschen auf die Straße. Viele folgen Anfang Oktober in weiteren Städten, unter anderem in Dresden, Magdeburg, Potsdam, Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) Plauen oder Berlin. Die Machthaber in SED und Staat verweigern in diesen Wochen jedoch zumeist den Dialog mit den Bürgerrechtlern und Demonstranten. Deshalb lassen die Menschen auch im damaligen Bezirk Rostock – Teil des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns – ihrem Protest kreativ, subversiv und plakativ freien Lauf. Was die Bürger wollen, schreiben sie auf Transparente und Plakate, praktisch als „Literatur der Straße“.

Ihre Forderungen – und damit auch die Losungen – verändern sich im Laufe der Monate deutlich: Anfangs geht es um demokratische Rechte, Reisefreiheit, die Entmachtung der SED und der Staatssicherheit sowie eine eigenständige DDR. Später verlangen die Demonstranten immer häufiger die Vereinigung mit der Bundesrepublik – aber auch die Gegner der Einheitspläne treten zunehmend lauter auf.

Bei den Demonstrationen in Rostock wird der Schmetterling mit der Aufschrift „Gewaltfrei für Demokratie“ vorangetragen. Quelle: Dietmar Weidler/Archiv Schmidtbauer

Oktober 1989: „Wir wollen freie Wahlen“

Am 19. Oktober wagen sich etwa 10 000 Rostocker im Anschluss an die Fürbittandachten, zeitgleich in der Petri- und Marienkirche, mit ihrem Protest das erste Mal auf die Straße. Einige rufen ihre Forderungen: „Wir wollen freie Wahlen“ und „Zulassung des Neuen Forums“. Viele Menschen tragen brennende Kerzen – Symbole des friedlichen Protests – in ihren Händen.

Die Massen ziehen von der Marienkirche durch die Rostocker Innenstadt, über die Lange Straße und den Wilhelm-Pieck-Ring hin zur Bezirkszentrale der Staatssicherheit in der August-Bebel-Straße und dann weiter. „Schließt euch an“, ist unterwegs aus der Menge zu hören.

Vor dem Stasi-Gebäude stehen uniformierte Wachposten. Obwohl die Demo-Organisatoren mehrfach zur „absoluten Gewaltfreiheit“ aufrufen, bleibt ein mulmiges Gefühl. Viele der Demonstranten haben die Bilder der Gewaltexzesse der Polizei zwölf Tage zuvor in Berlin und anderen Städten im Kopf. Und sie fragen sich, ob es hier in Rostock friedlich bleibt – oder ob jemand „durchdreht“.

In der Bezirksverwaltung sind die Mitarbeiter überrascht von dieser Aktion, stellt sich später heraus. An dem Abend fordert nur eine Lautsprecherstimme: „Lösen Sie die Demonstration auf!“ Der Verlauf der Demo wird jedoch akribisch dokumentiert – schriftlich und als Fotosammlung. Ziel: Damit sollen „Rädelsführer und Initiatoren“ im nachhinein ermittelt werden.

Im Herbst 1989 demonstrierten Hunderttausende in der DDR für Reformen und gegen Staatsgewalt. Auch in Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald und anderen Städten im Nordosten protestieren viele Menschen gegen die Zustände im Land.

Beim Halt vor der Stasi-Zentrale geschieht etwas Unglaubliches: Einige Demonstranten gehen auf die Wachposten zu und stellen direkt vor ihnen brennende Kerzen auf die Gehwegplatten. Nichts passiert. Und die Angst verschwindet. Der Sprung aus dem Schutzraum der Kirche auf die Straße in Rostock ist geschafft. „Wir sagen unserer Angst ‚Auf Wiedersehen!‘, so hat Joachim Gauck das Gefühl der Rostocker nach der Demonstration beschrieben. Der Pastor hatte zuvor Tausende in der Marienkirche ermutigt: „Wir wollen hier leben in Wahrheit und Gerechtigkeit.“

Quelle: Dietmar Weidler/Archiv Schmidtbauer

November 1989: Deutschland einig Vaterland

Immer mehr Menschen trauen sich nun in den folgenden Wochen, ihre Meinung bei den Demonstrationen zu äußern. Am 2. und am 9. November sind es jeweils mehr als 40 000. Jetzt ist auch klar: Gewalt gegen Protestierer wird es in Rostock von der Polizei oder anderen „staatlichen Organen“ nicht geben. Nicht nur zu den für die Stadt typischen Donnerstagsdemonstrationen – stets abends nach der Arbeit – gehen die Leute, auch an vielen Sonnabenden sind sie auf der Straße.

Die Losungen ihrer Transparente und Plakate werden zunehmend kreativer: „Bildung fürs Volk – ja, Volksbildung mit Margot – nein“, „Demokratie in dieser Zeit nur ohne Mielkes ‚Staatssicherheit‘“, „Reisen ohne KRENZkontrollen“ oder „Im Frühling die Wahl frisiert, im Sommer China gratuliert, im Herbst ein wenig korrigiert, die SED hat ausregiert!“ Erstmals tauchen auch ausländerfeindliche Losungen auf: „Polen ja – aber in Polen“.

Eine andere Losung vereint von Woche zu Woche immer mehr Demonstranten: „Deutschland einig Vaterland“. Die Vereinigung beider deutscher Staaten ist ihr großes Ziel, das sie mit Druck von der Straße durchsetzen wollen. Am 9. November rückt die deutsch-deutsche Einheit ein großes Stück näher: In Berlin wird die Mauer geöffnet, dasselbe geschieht mit den Sperranlagen entlang der Grenze zur Bundesrepublik.

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Dezember 1989: Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört!

Als der große Sozialdemokrat Willy Brandt am 6. Dezember nach Rostock kommt, wird der Ex-Bundeskanzler und Ehrenvorsitzender der SPD von knapp 50 000 Menschen vor der Marienkirche stürmisch begrüßt. Seinen aktuellen Spruch „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ haben Demonstranten in den letzten Tagen bei den Demos auf ihren Transparenten gezeigt. Auch Brandt setzt sich – wie Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) – für ein einheitliches Deutschland ein. Aber er sagt auch zu den Rostockern: „Es wird nichts wieder so, wie es war.“ Die deutsche Einheit werde kommen, es müsse aber ein gleichberechtigtes Zusammenwachsen sein.

Demonstration in Rostock am 6. Dezember 1989: Ein Mann hält ein Transparent mit dem Ausspruch Willy Brandts: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“.  Quelle: Dietmar Weidler/Archiv Schmidtbauer

Am 4. Dezember verkündet ein Plakat vor der Stasi-Bezirksverwaltung – gerade in Amt für Nationale Sicherheit (Nasi) umbenannt – Ungeheuerliches: „Mahnwache gegen die Vernichtung von Beweismitteln“ ist dort zu lesen. Junge Leute und Bürgerrechtler blockieren das Gebäude am Nachmittag und besetzen es später. Die mehr als 300 anwesenden Mitarbeiter müssen den Trakt verlassen, er wird der Volkspolizei übergeben. Gemeinsam mit Bürgerrechtlern versiegeln sie die Räume und Flure. Generalleutnant Rudolf Mittag, der Stasi-/Nasi-Chef für den Bezirk Rostock, wird kurzzeitig wegen des Verdachts der Beweismittelvernichtung festgenommen. Alles verläuft gewaltfrei – von allen Seiten. Am 6. Dezember beginnt der Unabhängige Untersuchungsausschuss mit der weiteren Sicherstellung und Überprüfung der Stasi-/Nasi-Unterlagen.

Viele Bürgerrechtler befürchten, dass die Ex-SED – seit kurzem SED-PDS – ihre Macht wiederherstellen will. Die Partei soll ihre Eigentums- und Finanzierungsverhältnisse aufdecken, wird gefordert. Auch bei den Demonstrationen in Rostock behält das Thema weiter seine beherrschende Rolle. So heißt es auf Transparenten „SED = NSDAP, Stasi = Gestapo, beides nie wieder“, „SED-PDS hopp hopp raus aus dem Kopp“ oder „Keine Stimme für die SED“. Es gibt aber auch Stimmen, die für Toleranz gegenüber den SED-PDS-Mitgliedern eintreten. Eine der zentralen Forderungen der Demonstranten ist die „Wiedervereinigung Deutschlands“. Auch die Gegner einer schnellen Vereinigung melden sich zu Wort: „Wie 1937? Ohne uns. Wir hätten es gern eine Nummer kleiner“.

Rostocker Losungen des Herbstes 1989

„Egon – laß uns Reformen sehn! Sonst werden auch die letzten gehn!“

„Wir danken – ab!“

„Echte Demokratie nur über freie Wahlen“

„Das Volk sind wir – Kontrolle der Macht!“

„Schließt den Darmausgang Europas Giftmülldeponie Schönberg!“

„Wendehälse in den Zoo!“

„Rechts abbiegen verboten“

„Der KRENZwert ist erreicht!“

„Mehr Macht den Räten, nicht den Aufsichtsräten“

„Friede, Freude, Eierkuchen? Wir woll’n mehr als Reisen buchen!“

„Die Ostsee muss ein Meer der Segler sein“

„Pässe für alle, Laufpässe für die SED

„Wir werden die SED nicht missen, sie hat uns 40 Jahre besch . . .“

„Die Einheit macht uns Deutsche frei. Sozialismus ist ein faules Ei“

„Mit Interflug sind WIR dabei, wö- chentlich Kronskamp – Hawaii

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