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Rostock 89-Jähriger Rostocker pflegte seine kranke Frau: „Ich konnte nicht mehr“
Mecklenburg Rostock 89-Jähriger Rostocker pflegte seine kranke Frau: „Ich konnte nicht mehr“
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17:29 29.03.2019
Die Rostocker Pflegeberaterin Astrid Klinzing berät einen 89-jährigen Rostocker, dessen Frau in der Klinik liegt und der selbst erkrankt ist, unter anderem bei der Beantragung einer Haushaltshilfe Quelle: Volker Penne
Rostock

Ihm fehlte am Ende die Kraft. „Ich konnte ganz einfach nicht mehr“, erklärt der 89-jährige Rostocker. Fast ein Jahr hat er seine 91-jährige Frau, die an Demenz erkrankt ist, gepflegt.

Was er bei seiner Partnerin anfänglich noch als altersbedingte Vergesslichkeit empfand, wie er sagt, entwickelte sich für das kinderlose Ehepaar nach und nach zu einer Katastrophe. Die gebürtige Hansestädterin litt nämlich zunehmend unter Orientierungslosigkeit. Sie machte die Nacht zum Tag, verließ immer häufiger urplötzlich die gemeinsame Wohnung. „Die letzten drei Wochen habe ich keine Nacht mehr geschlafen, erzählt der schmächtige Mann, der selbst massive gesundheitliche Probleme hat. „Wir sind 59 Jahre verheiratet. Doch sie hat mich schließlich nicht mehr erkannt. Und seit Ende Februar befindet sie sich im Krankenhaus bzw. im Pflegeheim.“

Traurig schaut der gelernte Maschinenschlosser auf Astrid Klinzing (60), die ihm in seinem Wohnzimmer gegenübersitzt. Auf dem Tisch liegen verschiedene Papiere und amtliche Schreiben. Die Mitarbeiterin des Rostocker Pflegestützpunktes hilft dem Rentner, für den eine Welt „zusammengebrochen ist“, bei der Neuordnung des Alltags.

Ob das Beschaffen eines Rollators, der Umbau der Dusche, die tägliche Lieferung des Mittagessens, die Beantragung einer Haushaltshilfe ... – die erfahrene Fachfrau hört gut zu und packt an. „Ich bin für die Unterstützung so dankbar“, betont der Senior. Er erinnert sich, dass ihm einst sein Hausarzt den Tipp gab, sich bei einem der 18 Pflegestützpunkte des Landes, beraten zu lassen.

„Häufig zögern die pflegenden Angehörigen mit dem Hilferuf zu lange. Viele haben selbst die 70 überschritten und wollen trotzdem dem vertrauten Partner zur Seite stehen. Dabei geraten sie aber zunehmend körperlich und mental an ihre Grenzen“, verdeutlicht Astrid Klinzing. Und die Größenordnung ist gewaltig. Denn im Nordosten werden von den gut 91 000 Pflegebedürftigen mehr als 71 000 zu Hause betreut.

Hinzu kommt, dass der Wust an behördlichen Auflagen die ohnehin gestressten Frauen und Männer vor scheinbar unlösbare Aufgaben stellt. So ergab eine aktuelle Befragung von rund 2000 pflegenden Angehörigen durch die Barmer Ersatzkasse, dass sich 60 Prozent der Befragten weniger Bürokratie bei der Beantragung von Leistungen wünschen.

In der täglichen Beratungspraxis erleben die Pflege- und Sozialberater immer wieder, dass die Angehörigen „mit Haut und Haar vereinnahmt werden“. Die Erkrankten ihrerseits hätten meist wenig Verständnis dafür, dass fremde Helfer auftauchen könnten.

Die Folge: Die Pflegenden werden selbst krank. Nicht zuletzt der Mangel an Schlaf und die körperliche Belastung hinterlassen Spuren. Betreffende würden kraft- und lustlos, sie zögen sich aus den Freundeskreisen zurück, Depressionen häuften sich, bestätigt die Rostocker Pflegeberaterin Petra Wilhelms (58). Laut Barmer-Pflegereport leiden 22 Prozent der pflegenden Angehörigen im Nordosten unter einer Depression. Zum Vergleich: In der restlichen Bevölkerung liege die Erkrankungsrate bei 17 Prozent.

Umso wichtiger sei in diesem Zusammenhang, dass man sich mit entsprechenden Vorsorgevollmachten auf derartige Situationen einstellen sollte. Und dies nicht erst im Seniorenalter. Jeder Erwachsene sollte in Deutschland eine Vorsorgevollmacht erstellen. Denn können die Angehörigen im Notfall besagtes Dokument nicht vorlegen, muss das Betreuungsgericht eingeschaltet werden. Der Grund ist die Zustimmung zur Operation, die der Arzt benötigt, damit er operieren kann.

Viele hochbetagte Ehepartner verfügen über eine solche Vollmacht, sind aber selbst chronisch krank und in bestimmten Situationen schlichtweg überfordert. „Zur Sicherheit des Patienten und zur Unterstützung der Angehörigen empfehlen wir, einer weiteren Person – meist ist dies eines der Kinder – eine zusätzliche Vorsorgevollmacht zu erteilen“, erklärt Wiebke Cornelius von der Verbraucherzentrale MV. „Auf diese Weise kann die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden“, betont die Juristin.

Im Falle ihres 89-jährigen Rostocker Klienten ist Astrid Klinzing froh, dass dessen jüngste Cousine eine entsprechende Vollmacht besitzt. Und die Pflege-Expertin freut sich, dass es Ende April mit dem dreiwöchigen Reha-Aufenthalt in Klütz (Nordwestmecklenburg) für den erschöpften alten Herrn geklappt hat.

Das sind die 18 Pflegestützpunkte in MV

Volker Penne

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