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Rostock Akzent-Hotel Residenz wird leergeräumt
Mecklenburg Rostock Akzent-Hotel Residenz wird leergeräumt
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17:09 23.01.2019
Das Akzent Hotel Residenz in Graal-Müritz wird abgerissen. Quelle: Doris Deutsch
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Graal-Müritz

Matratzen, Lattenroste, Federkerne – Überbleibsel der Hotelbetten liegen fein säuberlich getrennt auf dem Innenhof. Drinnen stapeln sich Steh- und Tischlampen in einem Zimmer, ein Riesenberg von Kartons versperrt den Weg im Flur. „Da steckt ein halbes Leben drin“, sagt Steffen Weber, „Rechnungen, Anmeldungen, Unterlagen, die wir zehn Jahre lang im Archiv aufbewahren müssen und das von etwa 9000 Gästen pro Jahr“, erklärt der Hotelbetreiber. Für ihn heißt es nun Abschied nehmen vom Akzent Hotel Residenz in Graal-Müritz. „Am 4. Februar kommt die Abrissfirma, dann muss das Haus leer sein.“

Damit endet die Ära eines der traditions­reichsten Hotels des Ostsee­heilbades. 1894 erbaut, um 1900 als erstes Hotel im Ort mit Strom versorgt, hat es Oberkellner Rath mit seiner Familie ab 1929 als „Grand Hotel Mecklen­burger Hof“ geführt. In Kriegszeiten war es Beamtenerholungsheim für den Reichsfinanzhof und bis kurz nach der Wende Versorgungsgebäude für ein großes Kinderferienlager. Schließlich hat es ein Bauunternehmer aus dem Westen gekauft und es wieder dem ursprünglichen Betrieb zugeführt. Nach einer günstigen „Pinselsanierung“, wie es die Nachbesitzer nennen. Steffen Weber und seine Frau Madeleine haben die „Residenz zur Seebrücke“ 2003 gekauft. Ihnen sei schnell klar gewesen, dass eine Grundsanierung nötig, aber zeitnah nicht zu stemmen und zudem nicht wirtschaftlich sei. „So ist schon 2006 etwa die Entscheidung für den Abriss gefallen“, sagt Weber. Dennoch hätten sie bis 2007 noch über eine Million Euro in den Erhalt des Drei-Sterne-Hauses investiert.

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Neue Pläne wurden geschmiedet, zusammen mit dem Thüringer Planer und Bauunternehmer Hans-Peter Schirm, an den Webers 2016 auch die Immobilie verkauften. Schirm hat schon mehrere Ferienhäuser und Hotelanlagen entwickelt und gebaut. So auch das Akzent Apartmenthotel Residenz in der Straße zur Seebrücke, das von Familie Weber betrieben wird. Der Komplex beherbergt 35 großzügige Apartments mit Pantryküche und modernen Bädern, die private Besitzer für den Hotelbetrieb zur Verfügung stellen. Am 1. April 2017 war Eröffnung und vor allem Familien stoßen in die die touristische Lücke – „den Luxus Raum verbunden mit dem Fullservice eines Hotels“, wie es Steffen Weber beschreibt. Die durchschnittliche Hotelauslastung von 52 Prozent in Graal-Müritz hätten sie schon nach dem ersten vollständigen Geschäftsjahr gut übertroffen, sind auch die Juniorchefs Carsten und Erik Weber zufrieden.

Dieses Hotelkonzept soll nun auch gleich nebenan auf dem Platz der alten Residenz umgesetzt werden. 101 Apartments mit Hotelrezeption und einer Frühstücksversorgung für die Hotelgäste sowie fünf Läden im Erdgeschoss plant Investor Schirm. Zwei Baukörper soll es geben, die Eröffnung des ersten Hauses ist für Frühjahr 2021 avisiert.

Zunächst aber muss ausgeräumt werden. Am 2. Januar sind die letzten Gäste verabschiedet worden. „Eine Stammkundin aus Bonn habe ich persönlich zum Zug gefahren“, erzählt Steffen Weber, der nun täglich durch den Hotelkomplex streift und sortiert: „Teller, Bestecke, Stühle, Bilder, Lampen, Deko – was noch verwendet werden kann, wird eingelagert.“ Decken und Kissen haben die Hoteliers an die Rostocker Obdachlosenhilfe gegeben. 126 Boxspringbetten wurden auseinandergenommen und wandern in die Container. Kaffeemaschinen, Eiswürfelbereiter, jede Menge Gläser –Haustechniker Marko Friedrich füllt die Kartons im früheren Restaurant „Pescado“. „Die kann man noch nehmen“, sagt der 39-Jährige.

Über ihm hängt ein vier Meter langer Fisch aus Metall. „Ein Künstler aus Berlin hat den Stör für uns gebaut“, erklärt Steffen Weber. „Den auf den Schrott zu schmeißen, würde mir sehr weh tun“, bekennt der Unternehmer, der das 200-Kilo-Kunstwerk gern einem Liebhaber als Leihgabe oder zum Verkauf anbieten würde. Ein Stammurlauber will noch seine Original-Zimmernummer vor dem Abriss retten. Und auf einer „Resterampe“ wollen die Webers am Freitag ab 9 Uhr noch diverse Kleinigkeiten aus dem Hotelbetrieb öffentlich anbieten.

Wehmut beschleicht ihn, wenn er durchs Haus geht, 65 Doppelzimmer, Halbpensionsrestaurant. 15 Jahre lang hätten sie das Hotel mit Herzblut betrieben. „Es gab viele Stammgäste. Die sind traurig, reagieren aber verständnisvoll“, sagt Steffen Weber. Die Zeit des klassischen Hotelbetriebs gehe hier zu Ende, der Grundstein für eine neue Hotelzukunft werde bald gelegt. Zur Erinnerung legt Weber die gerahmten Klassifizierungen und Bewertungen des Drei-Sterne-Hotels auf einen Tisch. „Die kann man ja aufheben.“

Doris Deutsch