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Rostock Alkohol am Arbeitsplatz: 30 Milliarden Euro Schaden pro Jahr
Mecklenburg Rostock Alkohol am Arbeitsplatz: 30 Milliarden Euro Schaden pro Jahr
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17:01 17.05.2019
Alkohol am Arbeitsplatz sorgt für einen immensen wirtschaftlichen Schaden. Dabei könnten die Unternehmen mit einfachen Maßnahmen dem entgegenwirken, meint Dr. Michael Köhnke, Chefarzt in einer Rostocker Rehaklinik. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Seit 2006 ist Dr. Michael Köhnke in der Friedrich-Petersen-Rehabilitationsklinik tätig. Darüber hinaus laufen bei dem Chefarzt alle Fäden bezüglich der 26. Rostocker Suchtwoche zusammen. In diesem Jahr ist das Motto der an vier Tagen stattfindenden Workshops und Veranstaltungen „Alkohol am Arbeitsplatz“ – ein Problem, welches auch in Mecklenburg-Vorpommern besteht, wie der gebürtige Kieler zu berichten weiß.

Die Menschen, die in der Rostocker Friedrich-Petersen-Rehabilitationsklinik landen, haben den ersten wichtigen Schritt schon hinter sich. „In der Regel leiten die Suchtberatungsstellen die Menschen mit Suchtproblemen zu uns weiter“, sagt Köhnke. Dabei seien 98 Prozent seiner Patienten alkoholabhängig. „Die restlichen zwei Prozent kommen wegen Medikamentenabhängigkeit zu uns.“

Hier bekommen Menschen mit Suchtproblemen Hilfe

In Rostock gibt es unterschiedlichste Anlaufpunkte, an denen suchtkranke Menschen Hilfe erhalten können. Diese Stellen bieten fast alle Rat zu den gängigsten Suchtstoffen wie etwa Alkohol oder Cannabis. Darüber hinaus sind sie auf bestimmte Themen besonders spezialisiert:

MVs größte Abhängigkeitsproblematik: Alkohol

In der Rehaklinik erhalten Alkoholabhängige dann in der Regel eine zwölfwöchige Therapie. „Das Durchschnittsalter unserer Patienten liegt etwa bei 44 Jahren“, sagt Köhnke. Zum Vergleich: Die Patienten, die mit einer Abhängigkeit von illegalen Drogen (Heroin, Kokain & Co.) eine stationäre Therapie wählen, sind deutlich jünger. „Da liegt das Durchschnittsalter zwischen 20 und 30 Jahren“, sagt Köhnke.

Dr. med. Michael Köhnke arbeitet seit 2006 in einer Rostocker Rehaklinik. Quelle: Lars Duering

Jedoch haben die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern mit Alkohol die größten Abhängigkeitsproblematiken. Das liege zum einen an den vielen Hotels und gastronomischen Einrichtungen der Tourismusstandorte an der Ostseeküste: „Im Bereich der Gastronomie besteht eine sehr hohe Alkoholexposition, was zum einen die Gefahr einer Suchtentwicklung erhöht, es aber auch schwierig macht, bei Notwendigkeit alkoholabstinent zu leben. Denken Sie nur einmal an den Koch, der mit Alkohol abschmecken muss.“

Instabiles Gefüge in ländlichen Gebieten

Zum anderen liege das an den ländlichen und abgehängten Gebieten im Landesinneren. „Dort haben die Leute oft ein instabiles soziales Gefüge. Und im dünn besiedelten Flächenland ist es oft nicht möglich, auf öffentliche Verkehrsmittel auszuweichen. Kommt es dann zu einem Verlust der Fahrerlaubnis, kann dieses sehr schnell den Verlust des Arbeitsplatzes bedeuten.“ Und klar: In Deutschland habe Alkohol als Genussmittel ohnehin einen sehr hohen Stellenwert. „98 Prozent der volljährigen deutschen Bürger hat schon einmal Alkohol getrunken.“

Die 26. Rostocker Suchtwoche ist eingebettet in die bundesweite Aktionswoche „Alkohol“. Das Motto „Alkohol am Arbeitsplatz“ habe man thematisch übernommen – „denn es sei wichtig, auf die Problematik hinzuweisen.“ So trinken nach Angaben der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zehn Prozent aller Beschäftigten in Deutschland zu viel Alkohol. Fünf Prozent trinken riskant, weitere fünf Prozent sind suchtgefährdet.

Termine der Rostocker Suchtwoche

Die Rostocker Aktionswoche gegen Suchtgefahren geht von 20. bis 24. Mai. Ausgewählte Termine:

Montag, 14 Uhr – Göthestraße 16 –“Rauchfrei leben – Informationen zum Rauchfrei-Kurs der Volkssolidarität / 17 Uhr – August-Bebel-Straße 2 –“Selbsthilfe wächst – Verbände stellen sich vor“

Dienstag, 14 Uhr – Gehlsheimer Straße 20, 18147 Rostock –“13. Suchtsymposium der Universitätsmedizin Rostock

Mittwoch, 8.30 Uhr – Rathaus – Fachtag: „Alkohol am Arbeitsplatz – was kann, darf, sollte ein Arbeitgeber tun?“, Teilnahmebeitrag: 10 Euro

Donnerstag, 10 Uhr –Taklerring 41 – Tag der offenen Tür bei Trockendock e.V. / 14 Uhr – Kleiner Warnowdamm 1b – „Hilfe bei Problemen mit Alkohol –Welchen Weg kann ich gehen?

30 Milliarden Euro Schaden durch Alkohol

Das führe zu einem großen wirtschaftlichen Schaden. Denn demnach fehlen Personen mit einem riskanten Alkoholkonsum 16 mal häufiger als die Gesamtbelegschaft. In etwa 25 Prozent aller Arbeitsunfälle sind Personen unter Alkoholeinfluss involviert und durch alkoholbedingte Ausfälle entstehen nach Einschätzung der DHS Kosten von bis zu 30 Milliarden Euro pro Jahr. Doch auch für die Gesundheit der Menschen spielt Alkohol am Arbeitsplatz eine wichtige Rolle. „Denken Sie nur mal an die Berufe mit großer Verantwortung. Zum Beispiel im Transportwesen. Alkoholkonsum gefährdet dort nicht nur einen selbst, sondern auch viele andere.“

Unter deutschen Führungskräften sei das Problem noch verbreiteter als in der Belegschaft. Die DHS geht davon aus, dass etwa 10 Prozent der deutschen Führungskräfte alkoholabhängig sein könnten. „Der Druck in einer Führungsposition mit großer Mitarbeiterverantwortung führt nicht selten zu einer ständigen Anspannung. Die Leute wissen oft nicht mehr, wie sie zu Schlaf kommen sollen. Viele greifen dann zum Alkohol.“

Alkohol: Unter Geschäftspartnern ritualisiert

Das beobachte Köhnke auch in seiner eigenen Branche: „Ich war erst vor Kurzem auf einem Ärztekongress. Und ich war einer der wenigen, die sich für Wasser entschieden haben.“ Auch würden Führungskräfte häufiger reisen, sich in Hotels aufhalten und in diesen einsamen Umgebungen häufiger den Weg zur Minibar suchen. Und darüber hinaus sei es ein Problem, dass es unter Geschäftspartnern ritualisiert ist, gemeinsam zu trinken.

„Es ist wichtig, dass Unternehmen Strukturen schaffen, um ihren Angestellten mit einer Suchtproblematik helfen zu können. Schließlich handelt es sich bei einer Alkoholabhängigkeit nicht um eine Charakterschwäche, sondern um eine anerkannte Krankheit.“ Und Köhnke sieht viel Optimierungspotenzial bei den deutschen Arbeitgebern. „Es sollte in jedem Unternehmen einen Ansprechpartner für Suchtfragen geben. Wir müssen weg von Strafen, Abmahnungen und Kündigungen“, appelliert der Chefarzt der Rostocker Rehaklinik.

Die OZ-Themen zur Rostocker Suchtwoche

Die 26. Rostocker Suchtwoche geht von 20. Mai bis 24. Mai. Die OSTSEE-ZEITUNG begleitet die Themenwoche mit verschiedenen Beiträgen:

Moritz Naumann

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