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Rostock Alte Sprache neu aufgelegt: Interesse an Plattdeutsch in MV wächst
Mecklenburg Rostock

Alte Sprache: Interesse an Plattdeutsch in MV wächst

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09:50 02.11.2020
Hält Einzug in den Klassenzimmern: Plattdeutsch wurde 2016 Schulfach in Mecklenburg-Vorpommern. Lehrkräfte wie Erwin Schröder gibt es noch zu wenig. Er unterrichtet Niederdeutsch an einer Zingster Schule. Quelle: RIB
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Rostock

Dösbaddel, Bangbüx und Schietbüdel – auf Plattdeutsch klingen selbst kuriose Wörter niedlich. Die Sprache erfährt eine Renaissance, ist Kulturgut, Heimatgefühl und jetzt sogar Abiturfach. Viele Menschen verbinden mit ihr Eltern und Großeltern. Immer mehr würden es gern sprechen, haben es aber nie gelernt.

Um den Spracherhalt zu sichern, ist Plattdeutsch seit 2016 Unterrichtsfach an sechs Schulen in Mecklenburg-Vorpommern. An den norddeutschen Universitäten beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Erforschung dieser Regionalsprache, mit Varietäten, niederdeutscher Literatur und einer geeigneten Didaktik.

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Seit 100 Jahren wird an der Universität Rostock Niederdeutsch erforscht und gelehrt. Anlässlich des Jubiläums kommen in der Universität und per Videoübertragung 80 Forscher aus ganz Deutschland zusammen, um über Vergangenheit und Zukunft einer Sprache zu sprechen, die womöglich noch zu retten ist.

Niederdeutsch ist in Gefahr

Dass das Interesse an Niederdeutsch wächst, beurteilt Andreas Bieberstedt, Professor für Niederdeutsche Sprache und Literatur an der Universität Rostock, anhand verschiedener Aspekte. „Es gibt ein neues Bewusstsein dafür, dass die Sprache in Gefahr ist“, so der Professor. Wenn man jetzt untätig bliebe, könne man das Niederdeutsche nicht mehr retten.

Zum anderen, erklärt Bieberstedt, verschwinden die negativen Zuschreibungen. Galt Platt lange als Sprache der einfachen und ungebildeten Leute, ist es heute so etwas wie eine „Exklusiv-Varietät“, also eine Sprache, die nur wenige Menschen beherrschen. Das mache sie besonders.

Der Professor deutet die Renaissance des Niederdeutschen auch anhand der Rückbesinnung auf die Region. Die Globalisierung habe dazu beigetragen, dass heute im Umkehrschluss regionale Identität eine größere Rolle spiele. „Niederdeutsch zeigt an, wo jemand herkommt, wo seine Wurzeln sind. Das schafft Zugehörigkeit.“

Rückgang in den 1960er Jahren

Dass Niederdeutsch nicht immer beliebt war, erklärt Privatdozent Klaas-Hinrich Ehlers von der Freien Universität Berlin. Der Regionalsprachenforscher hat in seinem groß angelegten Forschungsprojekt 90 Dialektsprecher aus der Gegend um Rostock auf ihre Sprache untersucht. Er fragte nach Spracheinstellungen, nach der subjektiven Wahrnehmung der Menschen, aber auch nach ihren objektiv messbaren Fähigkeiten. „Ich bin mir mittlerweile sicher, dass es einen Bruch in den 1960er Jahren gab“, erzählt Ehlers. Der groß gewachsene Mann mit Zopf sitzt in einem Rostocker Café und erzählt von seinen Forschungsreisen. Ehlers beschreibt die Sprachkontakte zwischen Alteingesessenen und zugewanderten Vertriebenen in Mecklenburg-Vorpommern.

12 Millionen Menschen verloren nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat und trafen auf dem Gebiet der späteren DDR und BRD ein. Die sprachlichen Folgen dieser Migration sind in der Germanistik bisher weitgehend unerforscht. Was Ehlers herausfand, ist erstaunlich: Immigrierte Vertriebene haben das Niederdeutsche zu großen Teilen übernommen.

Mit einem Bruch meint Ehlers, dass Eltern zum Ende der 1960er Jahre aufhörten, mit ihren Kindern Niederdeutsch zu sprechen. Sie hatten Sorge, es würde ihre Kinder in der Schule benachteiligen. Seitdem habe es einen rapiden Prozess des Sprachsterbens gegeben. „Erst in den 1980er Jahren bemerkte man, dass Niederdeutsch eine Sprache der alten Menschen wurde.“ Dann war es zu spät. Nichterlerntes konnte nicht weitergegeben werden. Heute spricht Klaas-Hinrich Ehlers von einer neuen Qualität. Man habe verstanden, dass diese Sprache unterrichtet werden müsse, um sie zu erhalten. Das Konzept folge der klassischen Fremdsprachendidaktik.

Zahlen & Fakten

70,1 % der Befragten in Mecklenburg-Vorpommern geben an, Plattdeutsch sehr gut oder gut zu verstehen.

In Schleswig-Holstein (24,5 %) und Mecklenburg-Vorpommern (20,7 %) finden sich deutlich mehr (sehr) gute Niederdeutschsprecher als in Nordrhein-Westfalen (11,8 %), Sachsen-Anhalt (11,8 %) oder – deutlich abgeschlagen – Brandenburg (2,8 %).

Der Großteil der Norddeutschen (59,2 %) geht davon aus, dass es sich beim Plattdeutschen um einen Dialekt handelt. 39,0 % sehen Plattdeutsch als Sprache an.

Über zwei Drittel der Norddeutschen finden, dass mehr für das Plattdeutsche getan werden sollte. Den größten Anteil an Befürwortern gibt es in Mecklenburg-Vorpommern (84,5 %), Bremen (83,9 %) und Schleswig-Holstein (76,2 %).

Die Daten stammen aus einer repräsentativen Erhebung aus dem Jahr 2016 des Bremer Instituts für niederdeutsche Sprache.

Rund 2000 Schüler lernen Platt

Seit 2016 wird Niederdeutsch in Mecklenburg-Vorpommern als Schulfach angeboten und kann an sechs Profilschulen als mündliches und schriftliches Prüfungsfach sogar im Abitur belegt werden. 2021 ist in Mecklenburg-Vorpommern erstmals das „Plattinum“ möglich. Auch an Grund-, Regional- und Förderschulen lernen Kinder „die Sprache ihrer Großeltern“, wie sie Saskia Lampe von der Rudolf Tarnow Schule in Boizenburg sagt.

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Die junge Lehrerin gehört zu den Regionalbeauftragten Niederdeutsch und ist für die Umsetzung in den Schulen zuständig. „Es hat niemand damit gerechnet, dass das neue Fach von den Kindern und Jugendlichen so gut angenommen wird“, berichtet die Lehrerin. Einige Schulen haben mehr Anmeldungen, als sie personell und organisatorisch leisten können. Was macht Plattdeutsch so attraktiv für die Kids? „Es ist eine Fremdsprache, die vielen gar nicht so fremd ist“, so Lampe. Viele Kinder würden Plattdeutsch von Oma und Opa kennen, sie haben positive Erinnerungen.

Trotzdem fehlen in den Schulen ausgebildete Lehrkräfte. Darum wolle man sich jetzt im Ministerium und an der Uni kümmern.

100 Jahre Niederdeutsch an der Universität Rostock: Professor Andreas Bieberstedt (l.) und Professorin Doreen Brandt haben den Festtag mit Dr. Christoph Schmitt (nicht im Bild) organisiert. Die aufwendigen Konzepte mussten Corona-konform sein. Viele Teilnehmer werden per Video zugeschaltet. Quelle: L. Kenzler

Literatur sichert Spracherhalt

Ein ausgearbeiteter Studiengang liegt bereits vor, sagt Andreas Bieberstedt. Nun komme es auf die Ressourcen und die organisatorische Umsetzung an. Ein digitales Angebot durch das Länderzentrum Niederdeutsch soll helfen, nicht nur in der Corona-Krise. Damit die Sprache aber nicht verloren gehe, brauche es mehr als eine gute Didaktik und Sprachunterricht. „Es braucht Literatur“, sagt die Germanistin Doreen Brandt, Juniorprofessorin für Niederdeutsche Literatur an der Universität Oldenburg.

„In der Alltagskommunikation ist das Niederdeutsche rückläufig", so Brandt. Es sei auch fraglich, ob junge Leute "das Niederdeutsch, das sie in der Schule lernen, dann in den Alltag übernehmen". Darin sind sich die Wissenschaftler einig. Raik Flotow (46) aus Rostock ist Musiker und spricht fließend platt. „Meine Großeltern haben es immer gesprochen, nur wenn der Pastor kam, sprachen sie Hochdeutsch.“

Mehr Infos zum Länderzentrum Niederdeutsch: www.länderzentrum-für-niederdeutsch.de

Flotow spreche gern Plattdeutsch, weil es „so schöne Begriffe“ habe. „Tackelschwien“ (hochdeutsch: Igel) und „Karl Hucks“ (hochdeutsch: Frosch) sind seine Lieblinge. Mit seinen Kindern spreche er Niederdeutsch und ist sich sicher: „Man muss es sprechen, sonst verliert man es.“

Von Lea-Marie Kenzler