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Rostock Altenpfleger aus Liebe zu Mitmenschen
Mecklenburg Rostock Altenpfleger aus Liebe zu Mitmenschen
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09:18 19.03.2019
Der nächste Pflegebedürftige wartet schon: Altenpfleger Christian Pahl und die angehende Krankenschwester Rabea Stiller bei ihrer Vormittagstour durch Wismar.
Der nächste Pflegebedürftige wartet schon: Altenpfleger Christian Pahl und die angehende Krankenschwester Rabea Stiller bei ihrer Vormittagstour durch Wismar. Quelle: ANTJE BERNSTEIN
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Wismar

Fünf kleine Worte zwischen zwei Hapsen von einer Marmeladenstulle. „Kopf hoch und tapfer bleiben.“ Ein tiefer Blick in glasige Augen. Ein starker Arm, der eine gebrechliche Schulter umschließt. Das Lebewohl ist kurz. Zu kurz, für Christian Pahls Geschmack, doch immerhin lang genug, um Herrn G. ein Lächeln aufs faltige Gesicht zu zaubern. Pahl wird den Anfang 90-Jährigen wohl nicht wiedersehen. Morgen kommt der alte Mann ins Heim. Dann werden andere ihm frühmorgens die Stützstrümpfe überziehen. Bislang war das Christian Pahls Job. Einer, für den der 42-Jährige nur wenige Minuten hat. Pahls Tag ist durchgeplant, den Takt gibt eine App auf dem Smartphone vor. Sobald Pahl die Wohnung eines Pflegebedürftigen betritt, läuft die Uhr und lässt ihm wenig Zeit. „Ich wünsche Ihnen alles Gute.“ Schon ist Pahl aus der Tür und Herr G. wieder beim Frühstück, noch immer lächelnd, weil ihn einer mit netten Worten beschenkt hat.

Auch Christian Pahl fühlt sich beschenkt. „Den Menschen in die Augen zu schauen und darin diese Dankbarkeit zu sehen, ist das Schönste an meinem Beruf.“ Pahl ist examinierter Altenpfleger. Kaum eine Branche kämpft so sehr mit einem schlechten Ruf wie seine. Belastend, schlecht bezahlt, miese Arbeitszeiten – Pahl kennt die Klischees, und ja, sagt er, manche treffen zu. „Wochenend- und Feiertagsdienste gehören bei uns dazu.“ Auch ein gewisser Stressfaktor sei nicht von der Hand zu weisen. Mit Zeitdruck habe der – jedenfalls bei seinem Arbeitgeber – nichts zu tun, viel mehr mit dem Unplanbaren. „Wir wissen nie, in welchem Zustand unsere Klienten sind, wenn wir ihre Wohnung betreten.“

„Wurden schlechtgeredet“

Christian Pahl liebt seinen Beruf. „Ich habe daran mein Herz verloren.“ Überraschenderweise. „Als Jugendlicher haben mich alte Leute abgestoßen.“ Das ändert sich als er für einen Monat aushilfsweise einen Job als Pflegehelfer im Heim antritt. „Ich wusste, dass ist das Richtige für mich. Danach kam mir mein Studium leblos vor.“ Er schmeißt die Uni, bricht auch eine Maurerlehre ab, wird Altenpfleger. Damit andere ihren Lebensabend im eigenen Zuhause verbringen können, tourt Pahl seit drei Jahren durch Wismar und versorgt jene, die meist keinen anderen haben, der das könnte. für sie ist Pahl der Lichtblick im Alltag.

Landesweit sind mehr als 26 000 Pflegebedürftige auf Menschen wie ihn angewiesen. Ambulanten Pflegediensten fällt es jedoch zunehmend schwer, ausreichend Fachkräfte zu finden, die den Bedarf der alternden Gesellschaft abdecken könnten. „Man hat unseren Berufsstand lange schlechtgeredet und damit seinen Ruf ruiniert“, sagt Bettina Hollstein. Die 34-Jährige ist Christian Pahls Chefin. Ihr Team zählt 15 Mitarbeiter, die sich um 115 Klienten kümmern. Mehr sei nicht möglich, zumindest was Härtefälle betrifft, sagt Hollstein. „Wir nehmen nur noch an, was geht.“ Zum Wohle der Klienten, zum Schutz ihrer Angestellten. Dass ihr und vielen anderen Arbeitgebern an Letzterem gelegen sei, habe die Politik in der Vergangenheit oft angezweifelt. „Das war sehr verletzend. Sie hat damit unseren Berufsstand zunichte gemacht. Wir haben seit mehr als zehn Jahren auf den Fachkräftemangel hingewiesen. Das wurde ignoriert. Also haben wir versucht, den Notstand mit eigenen Ressourcen aufzufangen, damit die Pflegebedürftigen gut versorgt sind. Statt uns dabei unter die Arme zu greifen, hat man uns das zum Vorwurf gemacht.“ Zwei Wochen durcharbeiten, immer auf Abruf – wären das tatsächlich die Konditionen, würde kein Mensch mehr für sie arbeiten, sagt Hollstein. „Klar, muss man auch mal Schichtdienst machen, aber das ist die Ausnahme.“

„Vermisse Zeit für Gespräche“

Damit kommt Christian Pahl zurecht. Er hadert mit einer anderen Folge des Personalmangels. Als er vor Jahren in einem Pflegeheim beschäftigt war, seien fast alle seiner Kollegen Fachkräfte gewesen und hätten sowohl Grund- als auch Behandlungspflege übernommen. Heute ist Pahl – mit Ausnahme von Wochenenddiensten – fast nur dafür zuständig, Senioren Spritzen zu setzen, Verbände zu wechseln, sprich alles was vom Arzt verordnet wurde, umzusetzen. Den Rest – waschen, anziehen, Essen reichen – übernehmen Pflegeassistenten. „Darum beneide ich sie. Ich wäre gern öfter nah dran am Patienten, vermisse zeit für Gespräche. Reden und zuhören, das ist doch das wichtigste.“

Pahl steigt in seinen weißen Flitzer. Nächster Stopp: die Wohnung eines Dialysepatienten. Das Reden erübrigt sich, denn der Besuchte ist spazieren. Pahl schlüpft in blaue Einweg-Schuhüberzieher, zückt den Schlüssel, tritt ein und steuert zielstrebig das Schlafzimmer an. Hier hängt der Medizinschrank, die Tablettenbox für die Woche muss aufgefüllt werden. „Das darf nur zehn Minuten dauern“, erklärt Pahl. Heute dauert es länger, denn er überlässt Rabea Schiller das Pillenverteilen. Die angehende Krankenschwester absolviert ein Praktikum beim Pflegedienst Hollstein und spielt nun mit dem Gedanken, nach ihrer Ausbildung ganz in die ambulante Pflege zu wechseln. „Auf Station ist der Stress viel größer, oft fehlt Zeit für Menschlichkeit.“ Da sei eine Schwester schon mal allein für 16 Zimmer verantwortlich. „Dann muss man sich zerreißen. Hier kann dagegen keiner klingeln.“ Wie aufs Stichwort geht ein Alarm los: Christian Pahls App meldet das Ende der zehn Minuten an. Pahl lässt sich nicht hetzen. „Wenn ich beim Nächsten ein paar Minütchen später ankomme, entschuldige ich mich mit Knuddeln und Herzen.“ Von starren Zeitvorgaben halte er nichts. „Algorithmen auf dem Smartphone wissen nicht, was gut für meine Klienten ist.“

„Zu viel Chaos im Heim“

Christian Pahl hätte eine andere Laufbahn wählen können. Dass er sich für die Altenpflege entschied, habe er nicht bereut. Auch wenn er den für ihn passenden Arbeitgeber, bei dem Chef und Kollegen aufeinander achten, erst suchen musste. Er findet ihn vor drei Jahren, als Bettina Hollstein ihren Pflegedienst gründet und Pahl als einen ihrer ersten Mitarbeiter einstellt. In seiner vorherigen Laufbahn hat der gebürtige Sachsen-Anhaltiner unter anderem eine Einrichtung für Alkoholiker geleitet. „Das war mir zu viel Chaos.“ Wie fordernd stationäre Pflege ist, sehe er an seiner Frau. Die ist Pflegedienstleiterin in einem Altenheim. Stress gehört zum Alltag. Christian Pahl hingegen arbeitet in Teilzeit. Sich selbst und seinen beiden Kindern zuliebe. Wenn er es, weil der Job ruft, trotzdem mal nicht zu einer Feier schaffe, hätten seine Freunde Verständnis. „Die kommen fast alle aus der Pflege und wissen: In unserem Beruf gibt es keine Kontinuität.“

20 Klienten stehen heute auf Christian Pahls Tourenplan. Manchmal, zwischen zwei Terminen, denkt er daran, wie es sein wird, wenn er alt ist. „Der Tod macht mir keine Angst, aber der Weg dahin. Ich weiß, dass es elendig zu Ende gehen kann.“ Er hat es oft erlebt. „Ich habe an vielen Gräbern geweint.“ Dafür, dass Senioren trotz Gebrechen in Würde und versorgt zu Hause alt werden können, tourt er täglich durch Wismar. Begleitet von dem einen Wunsch, dass junge Leute wie er einst entdecken, dass Altenpflege erfüllend sein kann, und den Beruf ergreifen. Denn dann hätte er wieder mehr Zeit für das, was für ihm am Herzen liegt: die Menschen, die tagtäglich auf ihn warten.

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