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Rostock Angst vor Mega-Kitas und Ärger um Platzvergabe
Mecklenburg Rostock Angst vor Mega-Kitas und Ärger um Platzvergabe
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11:05 28.02.2019
Eine Betreuerin kümmert sich um zwei Kinder. Eltern fürchten, dass es in Kitas bald nicht mehr so familiär zugehen könnte. Quelle: dpa
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Rostock

In der Hansestadt entstehen in den nächsten Jahren Hunderte neue Kita-Plätze. Wenige Kitas werden dafür neu gebaut, stattdessen sollen vor allem bestehende Einrichtungen erweitert werden – teilweise um mehr als 100 Plätze. Bastian Schwennigcke vom Vorstand des Stadtelternrats warnt daher vor Mega-Kitas: Gerade kleine Kinder könnten Schwierigkeiten haben, sich darin zurechtzufinden. Auch die pädagogische Qualität drohe zu sinken, meint er.

Schwennigcke verweist auf das Bildungskonzept des Landes. Das sehe vor, dass Kinder in Kitas „langfristige und belastbare Beziehungen“ zum Betreuungspersonal aufbauen sollen. „Ein Vorteil in großen Kitas ist, dass Personalausfälle besser kompensiert werden können. Aber wenn die Bezugspersonen häufig wechseln, ist es für die Kinder schwierig, eine Beziehung aufzubauen.“ Auch rein räumlich seien große Kitas eine Herausforderung für die ganz Kleinen. „Eigentlich möchte man, dass sich die Kinder alleine in der Kita orientieren können. Je größer sie ist, desto schwieriger wird das“, meint Schwennigcke.

Claudia, Sozialpädagogin (31): „Wir hatten Glück, unser Sohn war bereits in der Kita, da haben wir einen Platz bekommen. Mit der Wunschkita ist es aber schwieriger, einen Platz zu bekommen. Mittlerweile muss sich die Familienplanung schon fast nach den Kita-Plätzen richten. Bei den Kitas sind vor allem die Betreuungsschlüssel wichtig, die werden hin und hergerechnet. Aber am Ende ist das keine Realität." Quelle: Jana Schubert

Keine feste Obergrenze

Auf eine Obergrenze für Kitas will Schwennigcke sich jedoch nicht festlegen. „Ich möchte das gar nicht an einer Zahl festmachen. Wichtiger ist, dass die Kitas Konzepte haben, wie sie mit dem Thema umgehen.“ Als positives Beispiel nennt er die Kita St. Martin in der Südstadt, in die auch seine eigenen Kinder gehen: „Dort sind die Räume pädagogisch so gestaltet, dass Kinder schnell lernen, sich zu orientieren. Mein Sohn hat sich dort nach einer Woche zurechtgefunden.“

Viele Einrichtungen, großer Bedarf

Viele Einrichrungen, großer Bedarf. So lässt sich der Überblick zu den Kindereinrichtungen in Rostock zusammenfassen. Die Hansestadt hat auf ihrer Homepage neben dem Kita-Planer auch Infos zu den Kindertageseinrichtungen und in der Tagespflege aufgelistet. So weist der Überblick zur Tagespflege ab 1. März insgesamt 147 Möglichkeiten aus, geordnet nach Stadtteilen. Telefonnummern sind aufgeführt, und die Betreuungszeiten. Der Kita-Planer wiederum listet 93 Einrichtungen auf, von der „Anne Frank“-Kita bis zur Kita „Zwergenhaus“, beides übrigens Einrichtungen der Volkssolidarität.

Verständnis für Ängste

Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) sagte: „Ich kann die Ängste verstehen, teile sie aber nicht.“ Rostock habe zwar tatsächlich im MV-Vergleich große Kitas, im Vergleich zu anderen Großstädten seien sie jedoch relativ überschaubar – auch nach den geplanten Erweiterungen. Die Zielmarke bei Neubauten in der Hansestadt liege bei 150 Plätzen. „Und selbst in großen Gebäuden bleiben die einzelnen Räume klein“, so der Senator, der zudem verspricht: „Überdimensionierte Einrichtungen werden wir sicher nicht bauen.“

Henry Jungblut, Software-Berater (39): „Bei uns ist mit der Platzvergabe alles gut gelaufen, da hatten wir Glück. Der Nachschub an Erziehern muss gewährleistet sein, sonst bringen auch die größeren Kitas nichts." Quelle: Jana Schubert

Unzufriedenheit mit Kita-Planer

Ein weiteres Thema bei der Sitzung des Jugendhilfeausschusses der Bürgerschaft waren die Probleme mit dem Kita-Planer, mit dem offenbar viele Eltern unzufrieden sind. Die Online-Plattform informiert über die Zahl freier Plätze an den Einrichtungen in der Hansestadt und bietet auch die Möglichkeit, sich anzumelden. Das bleibt allerdings oft erfolglos „Die Eltern haben den Eindruck, dass ihnen das System etwas verspricht, was es dann nicht halten kann“, kritisiert Schwennigcke. Oft komme lange keine Rückmeldung, so dass die Eltern dann doch selbst direkt Kontakt zum Träger aufnähmen. „Dann kommt auch die Frage auf, wofür man den Kita-Planer überhaupt braucht.“

Luisa Strobel, Sekretärin (27): „Momentan stehen wir noch auf fünf Wartelisten und brauchen den Platz bis April, da wird es auf eine Tagesmutti rauslaufen. Ich finde kleinere Gruppen viel schöner, bei den großen Gruppen ist das eher eine Massenabfertigung der Kinder. Dieser Kita-Planer ist nicht wirklich durchdacht, da bekommt man zum Teil eine Woche im Voraus einen Platz angeboten.“ Quelle: Jana Schubert

Der Ausschussvorsitzende Martin Warning (SPD) bestätigte: „Für viele Eltern ist nicht nachvollziehbar, wie ein Platz vergeben wird.“ Schwennigcke forderte daher mehr Transparenz über die Vergabekriterien und darüber, auf welchem Platz einer Warteliste sich Eltern gerade befinden.

Keine Zuweisung

Laut Bockhahn liegen die Probleme mit dem Kita-Planer vor allem daran, dass nicht alle Kita-Träger mitmachen. In den Vereinbarungen mit der Stadt seien zwar einige Träger dazu verpflichtet worden, den Planer zu nutzen. Diese Pflicht sei allerdings in der Realität kaum durchzusetzen, weil das Personal dafür vom Rathaus nicht genehmigt worden sei. Die Probleme dadurch zu lösen, dass die Stadt die Kinder den Kitas zuweist, lehnt Bockhahn ab, schon aus rechtlichen Bedenken. Er setzt auf Kooperation: „Wenn wir besser mit den Trägern zusammenarbeiten, kommen wir auch ordentlich voran“, ist Bockhahn sicher. Aber: „Wir werden es auf keinen Fall schaffen, alle Eltern immer glücklich zu machen.“

Axel Büssem