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Rostock Arbeitgeber will alleinerziehende Mutter von Zwillingen aus Rostock vor die Tür setzen
Mecklenburg Rostock Arbeitgeber will alleinerziehende Mutter von Zwillingen aus Rostock vor die Tür setzen
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18:01 03.07.2019
Eine alleinerziehende Mutter aus Rostock fürchtet um ihren Job (Symbolbild).
Eine alleinerziehende Mutter aus Rostock fürchtet um ihren Job (Symbolbild). Quelle: dpa
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Rostock

 „Familienfreundlichkeit wird in Deutschland großgeschrieben? Arbeitsbedingungen für Eltern werden besser? Die Realität sieht doch ganz anders aus“. Die 36-jährige Zwillingsmutter aus Rostock, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist empört. Nach 14 Monaten Elternzeit will die alleinerziehende Mama von Zwillingen zurück auf ihren Arbeitsplatz – doch ihr Chef möchte sie offenbar lieber loswerden.

Als „blanken Hohn“ bezeichnet die Zwillingsmutter ihre derzeitige Situation: Die gebürtige Rostockerin ist Sozialarbeiterin in der stationären Jugendhilfe und ambulanten Familienhilfe. Ihr Arbeitgeber ist eine mecklenburgische Einrichtung, die zu einem weltweiten Sozialverband mit kirchlichem Hintergrund gehört. Der Träger wirbt mit dem Leitbild, Perspektiven zu öffnen, Chancen zu geben und Engagement zu ermöglichen. Doch diese edlen Motive scheinen nicht für die Mutter aus Rostock zu gelten.

Ein anderes Arbeitsmodell sei den Kollegen gegenüber anmaßend

Seit 2015 ist sie für den Träger tätig. „Vor meiner Elternzeit lief alles gut. Auf mich war immer Verlass, ich habe ausgeholfen, wo es ging“, erzählt die Rostockerin. Im Mai wollte sie sich lediglich die Arbeitgeberbescheinigung für die Kita-Plätze ihrer beiden Jungs unterschreiben lassen. Da konfrontierte ihr Chef sie damit, dass eine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses vermutlich nicht zustande kommen werde. „Als Alleinerziehende ist es mir nicht möglich, weiterhin Schichten zu arbeiten“, erklärt die 36-Jährige. Es sei ihren Kollegen gegenüber anmaßend, ein anderes Arbeitszeitmodell zu verlangen, wie ihr der Geschäftsführer unmissverständlich klarmachte.

Dabei ist es ihr gutes Recht: Im Arbeitszeitgesetz (ArbZG) ist verankert, dass der Arbeitgeber den Nachtarbeitnehmer auf dessen Verlangen auf einen geeigneten Tagarbeitsplatz umsetzen muss, sofern im Haushalt des Arbeitnehmers ein Kind unter zwölf Jahren lebt, das nicht von einer anderen im Haushalt lebenden Person betreut werden kann. Das bestätigt auch der Rostocker Rechtsanwalt Horst Kerls. Der Spezialist für Arbeitsrecht ergänzt jedoch nachdrücklich: „Sofern dem nicht dringende betriebliche Erfordernisse entgegenstehen. Auch das ist im Paragraf 6 des Gesetzes verankert.“

Ob die spezielle Situation rechtens ist, kann Kerls, ohne den Fall genau zu kennen, nicht sagen. „Es spielen wahnsinnig viele Faktoren eine Rolle, die man eingehend betrachten muss“, gibt auch Ralf Leist, ebenfalls Rostocker Rechtsanwalt, zu bedenken. „Es ist immer sinnvoll, gegenseitiges Einvernehmen herzustellen. Bei einer Änderung der Arbeitszeiten des einen Arbeitnehmers kann sich diese auch auf die Arbeitszeiten anderer Arbeitnehmer auswirken. Insofern wären dann auch diese in den Lösungsprozess einzubeziehen. Wenn das wiederum zu unüberwindlichen Spannungen führt, wäre zum Beispiel zu prüfen, ob der unmittelbar betroffene Arbeitnehmer andere als die vorher vertraglich geschuldeten Aufgaben zukünftig wahrnehmen kann und will“, erklärt Kerls.

Mutter hat ihrem Chef Kompromiss vorgeschlagen

Kompromissbereit ist die Sozialarbeiterin: „Ich habe meinem Chef mehrere alternative Vorschläge gemacht. Meine Arbeitsstunden zu reduzieren, nur im ambulanten Dienst zu arbeiten oder einige Spätschichten zu übernehmen.“ Er werde darüber nachdenken, sei die Antwort gewesen. Seitdem hat die 36-Jährige nichts mehr von ihm gehört. „Am Ende wollte er noch nicht mal das Formular für die Kita unterschreiben, da es ja zur Kündigung kommen könne. Ich musste ihm erst klarmachen, dass ich aktuell im Beschäftigungsverhältnis stehe und es seine Pflicht sei“, erzählt sie fassungslos.

„Wenn ein Arbeitnehmer aus der Elternzeit zurückkehrt, kommt es häufiger zu Spannungen – vor allem in kleineren Betrieben“, weiß Kerls als erfahrener Arbeitsrechtler. Viele solcher Fälle enden in Kündigungsschutzklagen. „Von der ’Rückkehrproblematik’ sind aber nicht nur Alleinerziehende betroffen. Die auftretenden Spannungen werden allerdings von Menschen, die in einem Familienverband eingebettet sind, oft nicht als so bedrohlich wahrgenommen und sind auch tatsächlich oft nicht so brisant wie bei Menschen, die allein für ein Kind zu sorgen haben. Wichtig ist, dass zwischen den Parteien möglichst eine einvernehmliche Lösung gefunden wird“, so Kerls weiter. Ansonsten wird die Arbeitsgerichtsbarkeit eine Entscheidung treffen müssen. Jedoch wird eine streitige Entscheidung durch das Gericht das Arbeitsverhältnis möglicherweise erheblich belasten.

Vorurteile gegenüber Müttern sind oft falsch

„Beruf und Familie zu vereinbaren ist kompliziert“, bedauert Cathleen Kiefert-Demuth, Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Rostock. „Wir leben nicht mehr in der Zeit von Großfamilien. Vieles hängt leider von der Flexibilität des Arbeitgebers ab.“ Gesellschaftliche Vorurteile, Mütter könnten nicht so viel leisten, weil die Kinder oft krank sind oder sie nur Teilzeit arbeiten, verkomplizieren die Lage zusätzlich. Laut Kiefert-Demuth zeigen Studien jedoch, dass sich die Vorurteile selten bewahrheiten. „Zudem wird unterschätzt, welche Kompetenzen man sich als Eltern aneignet, die auch für die Arbeit nützlich sind: Konflikt- und Stressbewältigung oder Zeitmanagement“, gibt Kiefert-Demuth zu bedenken.

Auf staatlicher Ebene müsse man gute Rahmenbedingungen schaffen: „Verlängerte Kita-Öffnungszeiten oder 24-Stunden-Kitas, wie wir sie in Rostock bereits haben, können hilfreich sein“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Ansonsten rät sie Frauen, selbstbewusst aufzutreten und sich nicht auf das Muttersein reduzieren zu lassen.

Sollte es hart auf hart kommen, möchte die Zwillingsmutter ihren Arbeitsplatz einklagen: „Ich habe einen unbefristeten Vertrag. Den will ich nicht einfach aufgeben.“ Diese Woche hätte die Zweifach-Mama eigentlich ein Vorstellungsgespräch, doch weil ihr der Babysitter fehlt musste sie den Termin wieder absagen. „Natürlich habe ich Existenzängste“, beklagt sie. „Ich möchte meinen Kindern etwas bieten: Urlaube, Vereinssport, eine gute schulische Ausbildung. Das alles wird unmöglich, wenn ich meinen Job verliere.“

Maria Baumgärtel