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Rostock Nach Fund von Babyleiche in Rostock: 26-Jährige festgenommen
Mecklenburg Rostock Nach Fund von Babyleiche in Rostock: 26-Jährige festgenommen
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20:12 26.05.2019
Neben dieser Tischtennisplatte in Lichtenhagen soll die 26-Jährige ihr Kind zur Welt gebracht haben. Quelle: Stefan Tretropp
Rostock

Keine Polizei-Absperrungen, keine Flecken im Gras. Wirklich nichts deutet an der Mecklenburger Allee mehr auf das Grauen hin, das sich wenige Stunden zuvor hier – im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen – abgespielt haben muss. Am Sonnabendnachmittag gegen 15 Uhr entdeckte eine Fußgängerin am Straßenrand einen toten Säugling. Nackt, weggeworfen wie Abfall.

Knapp 24 Stunden später meldete die Kripo dann einen Ermittlungserfolg: Eine 26 Jahre alte Rostockerin wurde vorläufig festgenommen – und sofort zu Untersuchungen in ein Krankenhaus gebracht. Die genauen Umstände sind nach wie vor unklar: Wie starb der Säugling? Und warum griff keines der vielen Hilfsangebote für Schwangere und Mütter?

Eine Frau hat am Sonnabend im Stadtteil Lichtenhagen ein lebloses Baby gefunden. Die Polizei bittet nun die Bevölkerung um Mithilfe und sucht Zeugen.

26-Jährige lebt noch bei ihren Eltern

„Die Ermittlungen gehen weiter“, sagte Oberstaatsanwalt Harald Nowack, Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Rostock. Nachdem die Polizei am Sonnabend die Bevölkerung um Hinweise gebeten hatte, meldete sich gleich eine ganze Reihe von Anrufern bei der Polizei. „Zielführende Hinweise waren aber nicht dabei“, hatte Nowack noch am Sonntagmittag gesagt. Auf die Spur der Mutter kamen die Fahnder dann durch klassische Polizeiarbeit: „Die Kripo hat im Umkreis des Fundortes an jeder Haustür geklingelt und die Menschen befragt, ob sie etwas Ungewöhnliches beobachtet haben“, so der Staatsanwalt.

Als die Polizisten schließlich an einem unauffälligen Einfamilienhaus ganz in der Nähe des Fundesort läuteten, öffnete eine ältere Frau die Tür: „Sie sagte, dass die gesuchte Kindsmutter vermutlich ihre Tochter sei.“ Die 26-Jährige hatte am Freitagabend ihre Eltern besucht. Da war sie noch schwanger.

Nach OZ-Informationen hat die junge Frau das Kind in der Nacht zum Sonnabend im Freien zur Welt gebracht – neben einer Tischtennisplatte nur einige Hundert Meter von der Mecklenburger Allee entfernt. Bereits am Sonnabend hatten Ermittler dort Blutspuren entdecken, Spuren und auch DNA-Proben gesichert. Spürhunde hatten die Polizisten zu dem Ort geführt. Als der Säugling entdeckt worden war, lag bei ihm noch die Nabelschnur.

Ob das Kind bereits bei der Geburt starb, ob die Mutter es getötet hat oder ob es allein am Straßenrand starb – das alles sei noch unklar, sagt Oberstaatsanwalt Nowack. Die Obduktion der Babyleiche sei zwar abgeschlossen, noch liegen aber keine konkreten Ergebnisse vor. Auch die 26-Jährige machte noch keine Angaben zu den Vorkommnissen an der Mecklenburger Allee. „Sie wird noch im Krankenhaus untersucht und behandelt. Sie hat noch keine Aussage gemacht, konnte auch noch nicht vernommen werden.“ Nowack rechnet frühestens am Montag mit ersten belastbaren Auskünften der Rechtsmediziner. „Das ist auch für uns ein schrecklicher Fall. Besonders schlimm wäre es natürlich, wenn jemand dem Baby das Leben genommen hätte. Das wissen wir aber noch nicht.“

Möglicher Fall von „Neonatizid“

Neonatizid, Neugeborentötung oder Kindsmord, beschreibt den Tötungsdelikt eines Säuglings oft direkt nach der Geburt.

Dieses Verhalten, meist ausgeführt durch die Kindesmütter, schließt sich oft an Schwangerschaften an, die einschließlich der Geburt geheimgehalten beziehungsweise verleugnet wurden.

Mütter, die sich mit einer ungewollten Schwangerschaft überfordert fühlen, können sich bei Charisma e. V. unter der Telefonnumer 0381 518 76 oder bei Lebenshelfer unter der Nummer 0800 36 999 63 melden.

Eine Übersicht von Babyklappen deutschlandweit finden Sie hier.

Entsetzen im Stadtteil

In dem Rostocker Stadtteil ist das Entsetzen über den Fund der Babyleiche spürbar. Der Fundort liegt direkt gegenüber von neuen Reihenhäusern. In den kleinen Gärten spielen an diesem Sonntagnachmittag Eltern mit ihren Kindern. „Ich kann das gar nicht begreifen. Ich verstehe das nicht“, ruft ein junger Vater über den Gartenzaun. Und er drückt seine kleine Tochter noch ein Stück fester als sonst an sich. Auf einem Spielplatz ganz in der Nähe spielen eine Mutter und ein Vater mit ihren drei Kindern. Die beiden Kleineren schaukeln, der Große tobt auf der Rutsche und sein Papa zieht sichtlich mitgenommen an seiner Zigarette: „Wir haben da gestern Abend schon in der Kneipe drüber geredet. Das ist wirklich schrecklich.“

Auf dem Gehweg an der Mecklenburger Straße ist eine Familie mit ihren Kindern unterwegs – auf dem Weg ins Wahllokal. „Mir zerreißt es das Herz. Wie verzweifelt muss die Mutter gewesen sein?“, sagt die 38-Jährige. Ihr Mann (40) habe am Sonnabend noch die Rettungswagen am Fundort gesehen. „Es ist furchtbar, dass so etwas auch vor unseren Haustüren passiert“, sagt er. Er hat kein Verständnis für die Mutter, die ihr Kind weggeworfen hat: „Für solche Fälle gibt es doch die Babyklappe.“ Und: „Was wäre gewesen, wenn ein Kind die Leiche gefunden hätte?“

Auch in den sozialen Netzwerken sind viele Nutzer geschockt: „Sowas ist nicht zu entschuldigen – egal, in welcher Situation man sich befindet. Kinder sind immer die Unschuldigen“, schreibt Petra Müller bei Facebook. Und Melanie Schulz kommentiert: „Meine Kinder sind das Größte für mich! Ich bin so fassungslos, wie man zu solch einer Tat fähig sein kann.“ Verena Frank formuliert ihre Trauer so: „Manchmal wünscht man sich wirklich, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein! Armer kleiner Schatz!“

Stadt will Ermittler unterstützen

Rostocks Jugend- und Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) hatte bereits am Sonnabend auf die Nachrichten aus Lichtenhagen reagiert: Alle zuständigen Stellen der Hansestadt – das Jugendamt etwa – würden die Polizei und die Staatsanwaltschaft nach allen Kräften unterstützen. „Das Jugendamt bietet immer Unterstützung an - mit den Beratungsstellen für Schwangere und junge Eltern, mit der anonymen Geburt und wenn es sein muss auch der Babyklappe. Wir lassen niemanden allein“, verwies er auf die Hilfsangebote der Stadt, die offenbar in diesem Fall nicht gegriffen hätten. Auch der Lichtenhäger Ortsbeiratsvorsitzende Ralf Mucha (SPD) sagt: „In der heutigen Zeit muss kein Kind, keine Schwangere, keine Mutter ohne Hilfe sein. Es ist unfassbar, dass so etwas trotz aller Angebote noch passieren kann. Mir fehlen die Worte.“

Chronik des Schreckens

Im Kofferraum eines Autos wurde Klein Kedingshagen bei Stralsund im April 2017 in die Leiche eines Neugeborenen entdeckt. Die 33-jährige, aus Rostock stammende Mutter hatte das Kind bei ihrem Schwager zur Welt gebracht.

Im Juli 2017 wurde in Neubrandenburg eine 32-Jährige wegen Totschlags verurteilt. Sie hatte im Prozess gestanden, in einem Dorf an der Mecklenburgischen Seenplatte das Neugeborene getötet zu haben. Ermittler hatten die Leiche des Kindes später in einem Schrank in der Wohnung entdeckt.

Nach einem Massengentest konnte die Mutter (40) ermittelt und im Januar 2019 zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt werden. Sie hatte ihr Kind vier Jahre zuvor unmittelbar nach der Geburt erstickt, die Leiche mehr als zwei Jahre in der Kühltruhe aufbewahrt und dann unweit der Autobahn 24 bei Wittenburg abgelegt.

Im Februar 2019 ist im Rostocker Stadtteil Schmarl das Skelett eines Babys in einem Blumentopf gefunden worden. Die mutmaßliche Mutter (27) verweigert bislang die Aussage.

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