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Rostock Behindertenbeirat: Für eine Stadt mit mehr Gleichberechtigung
Mecklenburg Rostock Behindertenbeirat: Für eine Stadt mit mehr Gleichberechtigung
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06:30 27.08.2019
Volker Kirste (62) sitzt bereits sein ganzes Leben im Rollstuhl. Der öffentliche Nahverkehr ist in Rostock für ihn mittlerweile top. Immer wieder Probleme bereiten hingegen an Bordsteinabsenkungen parkende Autos. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

„Was Behindertenfreundlichkeit betrifft ist unsere Stadt anderen um Längen voraus“, berichtet Volker Kirste (62) stolz. Das ist auch ein Stück weit ihm zu verdanken. Der Rostocker, der als Bürokraft in einem Sanitätshaus angestellt ist, sitzt schon sein Leben lang im Rollstuhl. Er kennt die Probleme, die der Alltag für einen Rollstuhlfahrer bereithält – vor allem in der Öffentlichkeit. Von Beginn an engagiert er sich deshalb im Behindertenbeirat Rostocks, der vor 15 Jahren gegründet wurde.

Beirat vereint Menschen mit Handicaps aller Art

Rund 60 ehrenamtliche Mitglieder hat der Beirat heute, die nahezu alle Behinderungen haben. „Wir versuchen Leuten mit verschiedensten Behinderungen zu vereinen, sprich: Blinde, Gehörlose, Gehbehinderte, Spastiker und so weiter“, erklärt Kirste. Außerdem lege man Wert darauf, dass Bewohner jedes Stadtteils vertreten sind. Nur so könne man alle Probleme erkennen und auch beheben. „Am Anfang ging es hauptsächlich um Barrierefreiheit. Nach und nach haben wir dann auch geschaut, was andere Behinderte brauchen“, berichtet der 62-Jährige.

Petra Kröger ist seit elf Jahren mit Leib und Seele Behindertenbeauftragte der Stadt Rostock. Quelle: privat

„Es hat sich bereits viel getan: Die Blindenleitsysteme, also die Rillen vor Kreuzungen und Ampeln, sind stadtweit top. Auch Ansagen in und außerhalb der Straßenbahnen wurden für Blinde eingerichtet, ebenso wie Handlaufbeschriftungen zum Abtasten, wie beispielsweise am Bahnhof“, führt Petra Kröger, Behindertenbeauftragte der Stadt, aus. Sie beziehe den Behindertenbeirat in alles mit ein: „Es wirkt einfach besser, wenn ein Betroffener seine Einschätzung kundtut. Bei vielen Bauherren und Architekten setzt dann oft ein Aha-Moment ein.“

In fünf Arbeitsgruppen (AG) ist der Beirat unterteilt, die sich alle vier bis sechs Wochen zusammenfinden: „Ich leite die Schwerpunkte öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) und Planen, Bauen Wohnen“, teilt Kirste mit. In Sachen ÖPNV sei mittlerweile kaum noch etwas zu verbessern: „Selbst viele ortsfremde Rollifahrer sind begeistert davon“, freut er sich und Kröger ergänzt: „Die RSAG fragt uns sogar bei der Anschaffung von neuen Bahnen, inwieweit diese behindertengerecht gestaltet werden sollten. Eine tolle Zusammenarbeit.“

Zoo, Stadion und Stadthalle zu besuchen bedeutet Freiheit

In der zweiten AG, die Kirste leitet, geht es hauptsächlich um Barrierefreiheit: „Wir achten darauf, dass bei Baumaßnahmen die Landesbauordnung eingehalten wird. In Neubauten muss nämlich mindestens eine Etage barrierefrei gebaut werden.“ Zusammen mit Kröger begehe er häufig Baustellen, vor allem wenn es um behindertengerechten Wohnraum geht. „So kann ich gleich vor Ort feststellen, was nicht rolligerecht ist. Man bedenke nur Fenstergriffe, an die man rankommen muss“, erklärt der Rostocker.

Wiltraud Kornagel (75) ist die Vorsitzende des Behindertenbeirats in Rostock. Bereits seit 15 Jahren engagiert sie sich für mehr Toleranz und Verständnis. Quelle: privat

Selbstständig sein zu können, ist für einen Menschen mit Handicap eine enorme Bereicherung, wie Kirste weiß: „Kurz nach der Wende war es mir nicht mal möglich, mit der Straßenbahn zu fahren. Heute habe ich so viele Freiheiten.“ Er engagiere sich deshalb in erster Linie für sich selbst – das gibt er offen zu – es sei aber schön zu sehen, dass auch andere etwas davon haben. Der Zoo, das Ostseestadion, das Landgericht und mittlerweile auch die Stadthalle sind nur einige positive Beispiele für behindertengerechte öffentliche Einrichtungen. „Innerhalb der Stadtgesellschaft haben viele erkannt, was getan werden muss und arbeiten gut mit uns zusammen“, freut sich Kröger.

Dennoch gebe es immer noch „Sorgenkinder“: Beim Volkstheater müsse man klingeln und warten, ehe man hineingebracht wird, da keine Barrierefreiheit gegeben ist. Das sei demütigend, kritisiert die Behindertenbeauftragte. Zudem seien etliche Geschäfte und Institutionen in der Kröpeliner Straße für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich. Hier wäre laut Kröger oft eine einfache Rampe die Lösung. Und eine Katastrophe sei der Bahnsteig am Holbeinplatz. Zu ihm gebe es zwar einen Aufzug, dennoch sei das Einsteigen in die Bahn nicht möglich. Das Problem: Die Plattform ist nicht an die Züge angeglichen, der Absatz zu hoch um mit einem Rolli rein- oder rauszukommen. An einem so zentralen Knotenpunkt müsse das dringend geändert werden.

Kita, Schule und Beruf sind weitere Schwerpunkte

Neben all den baulichen und verkehrstechnischen Maßnahmen darf man aber auch die anderen Belange, die für Menschen mit Handicap relevant sind, nicht vergessen. Dafür sorgen die AGs „Kita, Frühförderung, Schule“, „Ausbildung und Arbeit“ sowie „Gesundheit und Soziales“. „In diesen Bereichen werden unter anderem Fachtagungen veranstaltet und Stellungnahmen zu Gesetzesentwürfen angefertigt. Außerdem arbeiten sie eng mit dem Sozialamt zusammen“, erklärt Kröger. Natürlich stehen die AGs auch mit Rat und Tat bereit, wenn es darum geht, die richtigen Einrichtungen und Ausbildungsstätten zu finden, sich auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren und Unterstützungen zu beantragen.

In Rostock ist bereits viel für körperlich beeinträchtigte Menschen aller Art getan worden. Doch es gibt immer noch genug zu verbessern. Hier zeigen wir Ihnen, wo es noch hapert und wohingegen alles 1a ist.

Für weniger Barrieren auch in den Köpfen

Sich für behinderte Menschen einsetzen, die es für sich selbst allein nicht können, sei die oberste Prämisse des Behindertenbeirats, wie die Vorsitzende Wiltraud Kornagel betont. Die 75-Jährige, die aufgrund einer Kinderlähmung seit ihrem 14. Lebensjahr im Rollstuhl sitzt, ist ebenfalls seit 15 Jahren fester Bestandteil des Beirats. „Ich möchte meine Kraft dafür einsetzen, das Leben der Leute einfacher zu machen, Barrieren abzubauen, auch – oder besonders – in den Köpfen und Herzen der Mitmenschen“, erklärt sie voller Überzeugung. Und peu à peu gehe es auch immer weiter voran – da sind sich Kröger, Kirste und Kornagel einig.

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