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Rostock Bei Adipositas-Patienten zählt jedes einzelne Kilogramm
Mecklenburg Rostock Bei Adipositas-Patienten zählt jedes einzelne Kilogramm
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04:00 27.02.2018
Ernährungsberatin Dr. Simone Gärtner (l.) erklärt Claudia Ertelt aus Gransebieth bei Grimmen, auf welche Zutaten sie beim Einkauf besonders achten muss und welche lieber nicht im Einkaufswagen landen sollten. Quelle: Mathias Otto
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Rostock

„Ich habe Diäten probiert und auch abgenommen. Danach kamen die Kilos wieder rauf. Meistens waren es dann mehr als vorher.“ Petra Prasser aus Rostock verzweifelte. Deshalb fasste sie jetzt den Entschluss, sich unters Messer legen und einen chirurgischen Eingriff am Magen vornehmen zu lassen. Die 59-Jährige verfolgt wie viele Bürger aus MV das Ziel: abnehmen und gesünder leben. Die OSTSEE-ZEITUNG begleitet Petra Prasser und weitere Teilnehmer über mehrere Monate bei ihren Abnehm-Bemühungen und startet die Aktion „MV speckt ab“.

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Seit mehr als einem halben Jahr bereitet sich die Rostockerin auf diesen Eingriff vor. Eine Gallen-OP habe sie damals wachgerüttelt, „meine Werte waren katastrophal“. Sie hatte sich in einer Adipositas-Veranstaltung im Südstadtklinikum über dieses Thema informiert. Petra Prasser geht seitdem zur Ernährungsberatung und treibt Wassergymnastik. Das schont die Gelenke. „Mein Ziel ist es, unter 100 Kilogramm zu kommen. Außerdem soll es meinen Gelenken besser gehen und sich das Asthma nicht verschlechtern. Ich will einfach mehr Lebensfreude haben“, berichtet sie. Am 5. März wird sie operiert.

Für Dr. Nicole Strater komme ein Eingriff dieser Art nur infrage, wenn der Body-Mass-Index bei 40<TH>oder mehr liegt und konservative Möglichkeiten, wie eine Ernährungsumstellung, keinen Erfolg gebracht haben. Wichtig sei auch die Zeit nach der Operation. „Kurz danach gibt es Flüssignahrung. Danach geht es mit gesunder Mischkost weiter. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf Gemüse und Eiweiß“, so die Ärztin. Dies sollte für den Rest des Lebens so beigehalten werden.

Alfred Matthäus (74) hat sich seinen Magen im vergangenen Jahr verkleinern lassen. „16 Kilogramm Gewicht sind weg. Ich hatte im Keller eine schöne Jacke aufbewahrt. Die Knöpfe gingen nicht mehr zu. Mittlerweile passt sie wieder“, sagt der Rentner. Um sich fit zu halten, arbeitet der Rostocker gern im Garten, malt oder geht schwimmen. Sein Wunsch: mindestens das 85. Lebensjahr erreichen.

Auch Andrea Ahnfeldt (52) aus Krakow am See ließ sich vor einem Jahr einen Schlauchmagen legen. „Das Spazierengehen war vorher kaum möglich, nach 100 Metern war Schluss. Jetzt macht es Spaß, die frische Luft bei langen Spaziergängen zu genießen“, sagt sie. Das Essen hat sie umgestellt und es landen nur noch mäßige Portionen auf ihrem Teller. „Wichtig ist, dass man sich kleine Ziele beim Abnehmen steckt. Ich stehe deshalb auch mit anderen Patienten in Kontakt. Wir tauschen uns aus und geben uns Tipps“, erklärt sie.

Thomas Greve (47) sei als Kind schon übergewichtig gewesen. Immer wieder hatte er mit großen Gewichtsschwankungen zu kämpfen. Als er mit Anfang 20 über einen längeren Zeitraum Medikamente nehmen musste, habe er 40 bis 50 Kilogramm an Gewicht zugelegt. „Erst als ich 1998 ein neues Medikament bekommen habe, bin ich beweglicher und unternehmungslustiger geworden. „Für eine kurze Zeit habe ich dann weder auf Ernährung noch auf Sport geachtet. Zu schnell waren die Pfunde wieder rauf“, sagt er, 146 Kilogramm sind es aktuell. Eine Magen-Operation kommt für den Rostocker nicht infrage. Er möchte mithilfe der Experten im Südstadtklinikum sein Gleichgewicht finden und sich gesund ernähren. „Dazu gehören auch der Rehasport und Wanderungen“, so Thomas Greve. Sein Ziel: 121 Kilogramm – „jedes einzelne zählt“.

Abgespeckt ohne Operation hat Dirk Krüger aus Ribnitz-Damgarten. Er reduzierte sein Gewicht von 123 auf 104 Kilogramm. „Ich bin der Fettfalle entkommen.“ Ein Stoffwechselprogramm bei „Medprevio“ im Rostocker Stadthafen brachte für den 52-Jährigen den Erfolg.

Übergewichtig war Dirk Krüger schon länger, dennoch fühlte er sich vital und fit. Erst nach einem Arbeitsunfall im März 2017 bewegte er sich weniger und aß dafür mehr. Nach einem Reha-Aufenthalt landete er bei Dr. Philip Michel, Ärztlicher Leiter des Reha- und Präventionszentrums „Medprevio“.

„Ich habe dann hier viel über Ernährungsfehler, Gesundheit und Stoffwechsel erfahren. Die ernährungsmedizinische Beratung hat mich schließlich beeindruckt und überzeugt“, sagt der Ribnitz-Damgartener. Statt Medikamente zu geben, empfahl ihm Dr. Michel eine komplette Ernährungsumstellung.

Zuerst begann der Mann ein zweiwöchiges Leberfasten und probierte kohlenhydratarme Rezepte aus. „Nach sechs Wochen Stoffwechselprogramm waren meine Messwerte deutlich verbessert“, erinnert er sich. Auch die Blutwerte und das Gewicht haben sich zum Besseren geändert. Das Body-Mass-Index von anfangs 37,3 ist bis auf 31,4 gesunken. Noch immer zu hoch, aber eindeutlicher Fortschritt.

„Wir machen bei jedem Teilnehmer vorher und nachher Laborkontrollen. Das heißt, wir reduzieren keine Medikamente, ohne dass wir nicht sicher sind, dass die Werte auch besser geworden sind“, erklärt der Arzt. Dies sei vor allem bei Fettstoffwechselstörungen notwendig.

Insgesamt dauert dieses Stoffwechselprogramm, das in den vergangenen Jahren entwickelt wurde und von den Krankenkassen unterstützt wird, drei Monate. „Es wendet sich an Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck, koronarer Herzerkrankung und hohen Cholesterinwerten“, erklärt der Mediziner. „Ziel ist es, dass die Teilnehmer ihren Diabetes oder Bluthochdruck ohne Medikamente behandeln. Das heißt auch, dass die Frauen und Männer Medikamente während des Programms vermeiden beziehungsweise deutlich reduzieren und vielleicht ganz weglassen können“, so Dr. Philip Michel.

„Ziel ist immer, eine Nachhaltigkeit und Langfristigkeit zu erreichen. Wir sehen hier oft, dass innerhalb kurzer Zeit Blutzuckerwerte so weit sinken, dass Insulin reduziert werden kann und Diabetiker zum Teil die Spritzen loswerden.“ Gleichzeitig sinke der Bluthochdruck deutlich.

Mathias Otto