Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rostock Mecklenburg: Bei dieser Familie spielen sich kriminelle Szenen ab
Mecklenburg Rostock Mecklenburg: Bei dieser Familie spielen sich kriminelle Szenen ab
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
06:28 11.04.2019
Kay und Christine Tönnsen leben in einer Filmkulisse. Ihr Haus in Wismar haben die beiden schon viele Mal für Dreharbeiten zur Verfügung gestellt. Quelle: ANTJE BERNSTEIN
Anzeige
Wismar

Ein Stuhl zerschmettert die Terrassentür der Tönnsens. Ein Einbrecher räumt ihre Vitrine aus. Eine Gerichtsmedizinerin sitzt am Familienesstisch und bangt um ihre entführte Nichte. Ein Kommissar schnarcht auf der Couch, ein Fremder wälzt sich im Ehebett. Und Millionen Menschen schauen bei all dem begeistert zu.

Auch Christine (47) und Kay (47) Tönnsen amüsieren sich, wenn sich in ihrem Haus kriminelle Szenen abspielen. Und das passiert häufiger. Die Wismarer stellen ihr Zuhause regelmäßig als Drehkulisse für Kino- und TV-Produktionen zur Verfügung.

Per Zufall zum Film

Der Zufall bringt die Familie zum Film: Ein Unbekannter schaut sich im Wismarer Stadtteil Redentin um. Verdächtig lange geht er vor dem Haus der Tönnsens auf und ab. Christine Tönnsen beobachtet den Herren vom Küchenfenster aus, geht raus und bietet Hilfe an.

Dass jemand an ihrem Gartenzaun hängen bleibt, ist für sie nichts Ungewöhnliches. Denn das Haus macht viel her und hat zudem einen besonderen Blickfang zu bieten: Das Redentiner Betonschiff liegt im Flachwasser der Bucht, die an das Grundstück der Tönnsens grenzt. Bei Touristen ist der auf einer Sandbank festsitzende Frachter, in dessen Hintergrund sich Wismars Stadtsilhouette samt Werft abzeichnet, ein beliebtes Fotomotiv.

Der Fremde aber will vom Boot nichts wissen. Er ist Location Scout und hat sein Auge auf das Backsteinhaus geworfen. „Er hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass hier ein Film gedreht wird. Wir waren neugierig und haben zugesagt“, erinnert sich Christine Tönnsen. Kurze Zeit später steht Barbara Rudnik vor ihrer Tür, Kamera- und Tonleute im Schlepptau. Die Schauspielerin dreht eine Folge für ihre Krimiserie „Solo für Schwarz“. Das war 2007.

Christine und Kay Tönnsen stellen ihr Zuhause regelmäßig als Kulisse für die Vorabendserie zur Verfügung

Bei einem Dreh bleibt es nicht. Kaum sind die Aufnahmen mit Rudnik im Kasten, klingeln die Nächsten an: Die Produktionsfirma der Vorabendserie „Soko Wismar“ möchte ins Reetdachhaus. Das ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht ganz fertig. Die Tönnsens haben sich das Schätzchen Baujahr 1872 im Jahr 2003 gekauft, entkernt und komplett neu ausgebaut.

Als das Soko-Team anklopft, ist die obere Etage noch nicht fertig. Die Fernsehleute stört es nicht, sie drehen zwei Tage am Stück. „Hinterher hab’ ich gesagt, das mach’ ich nie wieder“, erzählt Christine Tönnsen und lacht. Den Schwur hält sie nicht. Stattdessen wird die Soko gewissermaßen Dauergast unter ihrem Dach.

Drehtag mit XL-Team

Sechs Mal fielen die Seriencops um Udo Kroschwald alias Kriminalhauptkommissar Jan Reuter bisher schon im Fischkaten ein, wählten die Adresse sogar für ihre „Bittere Weihnacht“, eine Episode in Spielfilmlänge. Normalerweise schalten drei bis vier Millionen Zuschauer ihre Fernseher ein, wenn die Soko über die Bildschirme flimmert. Das Weihnachts-Special wurde dagegen auf einer XL-Leinwand gezeigt. Der 90-Minüter feierte beim Filmkunstfest MV 2017 in Schwerin Premiere.

Im Kino mit dabei: die Tönnsens. „Unser Haus so groß zu sehen, war etwas ganz Besonderes“, sagt Christine Tönnsen. Als der Film dann im Fernsehen lief, riefen sogar Bekannte aus Hamburg an, weil sie das Haus wiedererkannten. Was dem vorausging, ahnten sie nicht. „Ein Drehtag ist in etwa so, als würde man seinen Polterabend mit 50 Leuten zu Hause feiern“, sagt Christine Tönnsen.

Die Firma zahlt

Was zu Bruch geht, wird von der Produktionsfirma ersetzt. Nur ein Andenken bleibt auf ewig: „Hier ist eine Kamera umgefallen. Da bringt Drüberschleifen nichts“, sagt Kay Tönnsen. Die Delle im Holzfußboden nimmt er genauso gelassen wie den Trubel, der mit Dreharbeiten einhergeht. „Die Crew schlägt selbst für kleine Szenen mit großem Besteck bei uns auf.“ Und das sieht meistens so aus: Vier Wochen vor dem Drehtermin kommen Ausstatter und Regisseur vorbei und besprechen, welches Möbelstück bleiben und welche Dekostücke verschwinden sollen, wo die Kameras hinkommen und wie sich der jeweilige Raum so in Szene setzen lässt, dass er zur Geschichte passt.

Familie zieht aus, Fernsehleute ein

Einen Tag vor Drehstart werden die ersten Requisiten gebracht. Alle Fotos, die Christine und Kay Tönnsen, ihre drei Kinder (10, 11, 14) und den Familienhund zeigen, werden ausquartiert. Am Stichtag rollen im Morgengrauen die Laster mit der Technik an. Ein gut 50-köpfiges Team zieht ein, die Tönnsens ziehen aus. Sie begnügen sich für die Drehdauer mit ihrer Ferienwohnung nebenan. Zuschauen ist aber erlaubt. „Das ist nicht immer so spannend, wie man sich das vorstellt“, sagt Kay Tönnsen. Viele Szenen werden wieder und wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln gefilmt. Was in der Serie zwei Minuten dauert, hat mitunter mehrere Stunden Arbeit gekostet.

Die Profis tricksen

Und doch lohnt es sich hin und wieder, einen Blick aufs Set zu riskieren. Als der Regisseur beispielsweise einen Stuhl durch Tönnsens Terrassentür fliegen sehen wollte, musste erst ein Tischler ran. Er baute die Originaltür aus, eine Attrappe ein und als diese dem Geschoss standhielt, beschwerte der Fachmann die Stuhlbeine, damit es ordentlich scheppert. „Es ist sehr spannend, wie hinter den Kulissen getrickst wird und welche Effekte man mit Licht und Ton erzielen kann“, befindet Kay Tönnsen. Dass mitzuerleben, bereichere seinen Alltag. Im Gegensatz zur Familienkasse. Unsummen verdiene man als Kulissen-Bereitsteller nicht. „Wir machen es auch nicht des Geldes wegen. Wir haben Spaß daran.“

Von Krimi bis Liebesschnulze: Rostock, Wismar und Nordwestmecklenburg boten bereits etlichen Schauspielern die passende Kulisse.

Tabuzonen gibt es für die Filmleute so gut wie keine. Lediglich das Arbeitszimmer schließt Christine Tönnsen ab. Dass die Fernsehnation sehen kann, wie es in ihrer Küche und in ihrem Schlafzimmer aussieht, stört sie nicht. „Da bin ich entspannt. Ich mach’ mir keinen Kopf darüber, was die Nachbarn denken könnten.“ Wem diese Gelassenheit fehle, dem rät sie von öffentlichen Drehterminen in den eigenen vier Wänden ab. „Wir können potenzielle Kulissenanbieter gern beraten, damit sie nicht ihr Waterloo erleben“, scherzt Kay Tönnsen. Als Tippgeber hat er Erfahrung: Der Landwirt coacht Unternehmen und führt zusammen mit seiner Frau einen Agrarbetrieb. Keine Lust auf eine Schauspielkarriere? So oft, wie bei ihnen gedreht wird, müsste doch zumindest mal eine Statistenrolle abfallen, oder? Nun, den Komparsen würde er bei Bedarf wohl geben, sagt Kay Tönnsen. „Ich bin spontan. Mal sehen, wie das Leben so spielt“, sagt der Wismarer und fügt lachend hinzu: „Dann müssten wir aber noch einmal über das Budget verhandeln.“

Mehr zum Thema:

Tipps: So wird ihr Haus zur Filmkulisse

Abgedreht: Alles über Film und Fernsehen in Mecklenburg-Vorpommern

Polizeiruf 110: Rostock“ vs. „Soko Wismar“: Welcher Krimi ist besser?

Antje Bernstein

Ob Fernsehen oder Kino: In Mecklenburg stehen Schauspieler regelmäßig für Szenen vor der Kamera. Gedreht wird auch an ungewöhnlichen Orten. Die OZ verrät, wie Sie ihr Haus zur Kulisse machen und was Sie damit verdienen können.

10.04.2019

Feuer, Rauch und Explosionen: Bei der Kinder-Uni zum Thema Chemie sorgten vor allem die Experimente für Begeisterung.

10.04.2019

Lasershow, Feuerwerk, Live-Musik: 75.000 Besucher waren am Samstagabend beim Turmleuchten in Warnemünde. Wir zeigen Ihnen, wie schön das Spektakel am Strand war.

10.04.2019