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Rostock Rostock wächst – aber Familien flüchten aus der Hansestadt
Mecklenburg Rostock Rostock wächst – aber Familien flüchten aus der Hansestadt
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05:30 04.04.2019
Blick auf die Rostocker Innenstadt - mit Baukränen: Die Hansestadt wächst. Allerdings flüchten Familien ins Umland. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

In der Hansestadt dreht sich seit Monaten alles um Wachstum: Neue Wohnungen für neue Bürger müssten her – und zwar Zehntausende. Auch Bauland für neue Unternehmen brauche die Hansestadt dringend. Doch bei all den Planungen könnte sich die Hansestadt gewaltig verrechnet haben: Denn Rostock wächst zwar weiterhin – allerdings längst nicht mehr so stark, wie es die Stadtverwaltung einst prognostiziert hatte. 2018 stieg die Einwohnerzahl gerade mal um 972 Einwohner. Vorhergesagt waren mehr als 2300 neue Bürger. Und: Laut neuen Statistiken verlassen junge Familien in Größenordnungen die Hansestadt.

Prognosen weichen massiv ab

Erst 2016 hatte die Hansestadt ihre neueste Bevölkerungsprognose vorgelegt – und die sieht ein enormes Wachstum vor. Von „nur“ 200 621 Bürgern Ende 2010 ist die Zahl der Einwohner mittlerweile auf als exakt 209 085 gestiegen. Das jedenfalls geht aus Angaben der Statistikstelle der Hansestadt hervor. Doch selbst die Fachleute im Rathaus sind dabei, ihre Voraussagen nach unten zu korrigieren: Rechnet die Stadt noch vor wenigen Monaten mit mehr als 230 000 Bürger im Jahr 2035, so gehen neue Schätzungen nur noch von etwas mehr als 224 000 Einwohnern aus. Immerhin 6000 weniger als geplant. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl der kompletten Großgemeinde Sanitz. Und: Rostocks Wachstum ist von Zuzug abhängig. Denn nach wie vor gibt es in der Hansestadt mehr Todesfälle als Geburten – obwohl die Geburtenrate geringfügig steigt.

Rostocks Rechen-Problem: Die Hansestadt hatte 2015 / 2016 damit gerechnet, dass noch jahrelange Tausende Flüchtlinge pro Jahr an die Warnow kommen würden. Doch das ist so nicht eingetreten. Die Zahl der Asylbewerber, die Rostock aufnehmen muss, sinkt. Gerade mal etwas mehr als 130 Flüchtlinge kommen perspektivisch und laut Hochrechnungen der Statistikstelle noch pro Jahr nach Rostock. „Die Annahmen zur Entwicklung der Asylbewerber- und Flüchtlingszahlen sind nicht eingetroffen“, räumt Oberbürgermeister Roland Methling (UFR) auf Anfrage der Grünen ein. Dennoch hat Methling die Verwaltung verpflichtet – die Stadtplaner ebenso wie den Finanzsenator und die Schulplaner – mit eben jenen offenbar zu hoch gegriffenen Zahlen weiter zu planen. Und: Methling gedenkt nicht, daran etwas zu ändern. Im Wohnungsbau beispielsweise bleibe es bei dem Ziel, bis zu 6000 neue „Wohneinheiten“ pro Jahr in der Hansestadt zu bauen. „Für das kommende Jahrzehnt bleibt es bei den Eckdaten unserer Planungen. Der Wohnungsbedarf besteht – allein um mit dem jetzigen Bedarf Schritt halten zu können“, so Stadtsprecher Ulrich Kunze.

Experte: Rostocks Wachstum wirft Fragen auf

Experten tun sich schon lange schwer mit den Prognosen der Hansestadt – und auch mit den Folgen und Konsequenzen, die das Rathaus daraus ableitet. So seien die ehrgeizigen Wohnungsbau-Ziele von OB Methling gar nicht umsetzbar, sagt beispielsweise Gunnar Przybill. Er ist Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Union, einem der größten Vermieter Rostocks. „Ein Problem sind die explodieren Baukosten“, sagt der Fachmann. Mit um die 2800 Euro pro Quadratmeter müssten Bauherren mittlerweile in der Hansestadt rechnen. „Wenn die Immobilienwirtschaft wirklich 20 000 neue Wohnungen in Rostock bauen soll, dann kommen wir auf Kosten von mehr als drei Milliarden Euro. Wer soll das bezahlen und finanzieren können?“, so Przybill. Die WG Union haben „drei, vier große Vorhaben“ in Planung. „Die werden wir bis Ende 2021 abschließen. Und dann werden wir uns mit unserem Bestand befassen müssen – und nicht zusätzlichen Bauten.“ Immerhin seien viele große Wohnblöcke in Reutershagen oder auch in der Südstadt schon älter als 60 Jahre.

Und noch ein Defizit sieht Immobilien-Fachmann Przybill: Rostock setzte bei der Stadtplanungen falsch Akzente. „In den vergangenen drei, vier Jahren sind viele Familien aus Rostock weggezogen.“ Denn große Wohnungen oder Bauland für Einfamilienhäuser gibt es in der Hansestadt kaum noch. „Sie müssen sich mal anschauen, was in dieser Zeit in Baugebieten in Sanitz oder auch Bad Doberan passiert ist.“ Dort seien die jungen, gut verdienenden Rostocker hingezogen. „Wenn wir uns hingegen den Zuzug ansehen, dann sind das oft ältere Menschen oder Menschen, die auf Hilfen vom Staat angewiesen sind.“ Die Befürchtung Przybills: Rostocks soziale Probleme werden sich noch verschärfen – statt verbessern.

Familien kehren Rostock den Rücken

Das bestätigen auch neue Zahlen aus der Statistikstelle der Stadt: Die Demoskopen haben die sogenannten „Wanderungsbewegungen“ untersucht. Im Klartext: Wer zieht von wo nach Rostock – und wer zieht aus welchen Gründen weg? Das Ergebnis: Nach wie vor zieht es mehr Menschen in die Stadt. 10 844 Menschen zogen 2017 nach Rostock, 9437 zogen aus der Hansestadt weg. Aber: Unter den „Zuzüglern“ ist der Anteil der Menschen, die bereits älter als 45 Jahre sind, besonders groß. Im Gegenzug verlassen vor allem junge Familien die Stadt: „Jeder zweite Haushalt, der 2017 ins Umland zog, war eine Familie mit Kindern“, heißt es aus der Statistikstelle. Aus dem Umland zurück in die Stadt zogen vor allem junge Singles „sowie alleinstehende Rentner und Rentnerpaare“. Rostock verliert durch die Wanderungen massiv an Kauf- und Wirtschaftskraft: Die Familien, die ins Umland gehen, haben nach Berechnung der Stadt ein „durchschnittliches monatliches Haushaltsnettoeinkommen“ von 3140 Euro. Die Zugezogen haben nur 2100 Euro pro Monat und Haushalt zur Verfügung.

Auch die Statistiker bestätigen die Probleme der Stadt: Ein großer Teil der Familien, die Rostock verlassen haben, gab an, keine passende Wohnungen oder keine bezahlbare Wohnung gefunden zu haben – und nun Eigentum im Umland erworben oder neu gebaut.

Andreas Meyer

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