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Rostock „Die Marke Volkstheater mit Leben und Sinn erfüllen“
Mecklenburg Rostock „Die Marke Volkstheater mit Leben und Sinn erfüllen“
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11:48 12.09.2014
Der Schauspieler Sascha Gluth (44) vor dem Volkstheater Rostock.
Der Schauspieler Sascha Gluth (44) vor dem Volkstheater Rostock. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock

Einst spielte er den berühmtesten Piraten des Ostseeraums, jetzt will er als Markenbotschafter des Volkstheaters für die Bühne werben: Sascha Gluth. Ab 20. September steht der 44-Jährige im Rostocker Auftakt-Spektakel „Stapellauf“ auf der Bühne. Mit dem Motto „Neubeginn“ ist zugleich die Diskussion um das Profil des traditionsreichen Hauses neu eröffnet. Im OZ-Interview spricht der Schauspieler, der als Schüler unterm Dach einer Rostocker Schule Theater zu spielen begann und später als Störtebeker auf der Naturbühne in Ralswiek auf Rügen berühmt wurde, über Ziele und Probleme dieses Neubeginns.

OSTSEE-ZEITUNG: Herr Gluth, in Norddeutschland kennen wir Sie als Störtebeker, den Sie elf Sommer lang auf der einzigartigen Naturbühne Ralswiek auf der Insel Rügen gespielt haben. Jetzt sind Sie einer der berühmten Schauspieler im neuen Ensemble des Volkstheaters Rostock.

Sascha Gluth: Naja, das ist vielleicht ein bisschen übertrieben.

OZ: Wie sehen Sie die Entwicklung des Volkstheaters Rostock, das jetzt mit dem Motto „Neubeginn“ startet?

Gluth: Es heißt ja so schön, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Ich war zwölf Jahre in festen Engagements, danach dreizehn Jahre frei tätig, darunter lange als Störtebeker. Ich kenne also viele Seiten dieses Berufs. Und da dachte ich manchmal, wenn man mal irgendwo ein Haus von Grund auf neu mitgestalten könnte (was ja sehr schwierig und relativ selten ist), das würde mich interessieren. Allerdings habe ich zwei kleine Kinder, wir leben bei Berlin und haben dort viele Projekte, deshalb konnte ich das Angebot, festes Ensemblemitglied in Rostock zu werden, nicht annehmen. Aber dieser Neubeginn interessierte mich sehr, es ist spannend, in meiner alten Heimat etwas zu machen. Der neue Intendant Sewan Latchinian sagte zu mir: Sie sind für mich ein Volksschauspieler, die Leute kennen Sie, und so möchte ich Sie gern einsetzen. Da freut man sich natürlich auf die Rollenangebote und es wird noch spannender.

OZ: Sie bleiben also freier Schauspieler, der aber künftig oft auf der Rostocker Bühne spielt?

Gluth: Ja, ich bin hier jetzt Stammgast ...

OZ: … und als Stammgast sollen Sie außerdem der Markenbotschafter fürs Volkstheater sein, hörte ich.

Gluth: Ja, den Begriff hat wahrscheinlich der Kollege Latchinian in die Runde geworfen.

OZ: Was ist denn das? Was macht so ein Markenbotschafter?

Gluth: Zu dieser Geschichte gehört, dass ich in den letzten dreieinhalb Jahren nebenbei ein Fernstudium am Institut für Kultur- und Medienmanagement absolviert habe, an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Kurz bevor wir in diesem Sommer den „Jedermann“ in Wismar angefangen haben, hatte ich meine Abschlussarbeit fertiggeschrieben, die ich demnächst noch verteidigen muss. Danach bin ich Kultur- und Medienmanager, und da meine Berufserfahrungen im Theaterbereich liegen, wird es um Theater- und Festivalmanagement gehen.

OZ: Welches Thema untersuchen Sie in Ihrer Abschlussarbeit?

Gluth: Es geht um die kooperative Zukunft der öffentlichen Theater, um die Zusammenarbeit zwischen freien Theatern und etablierten Theaterstrukturen. Die Frage ist: Müssen sich die Stadttheater, um ihre Rolle neu zu definieren, der freien Szene und anderen Formen öffnen? Müssen Stadttheater tatsächlich neu definiert werden.

OZ: Und zu welchen Antworten kommen Sie?

Gluth: Ich habe eine Umfrage gemacht. Das Programm läuft noch; es sind sehr unterschiedliche Theater beteiligt, also Schwerin, Stuttgart, Greifswald, aber auch ein kleines Theater in Dresden. Was die finanzielle Ausstattung dieser Häuser betrifft, ist das ein bisschen wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Aber alle betonen, dass es notwendig ist, die Theater zu öffnen als Diskursräume für eine Stadtgesellschaft, dass sich dort wirklich die Stadt trifft.

OZ: Passt jedenfalls sehr gut zu dem verkündeten Neubeginn des Volkstheaters, oder?

Gluth: Ja, es passt. Als Sewan Latchinian hörte, dass ich dieses Studium gemacht habe, sind wir uns über das Thema Fundraising näher gekommen. Er meinte, dass ich auch „Türöffner“ sein könnte, einen Vertrauensvorschuss mitbringen kann. Das Problem ist ja, das Theater ist eine öffentliche Institution und wird mit öffentlichen Geldern finanziert. Und da finden sie nur schwer ein Wirtschaftsunternehmen, das da Geld reinpumpt, besonders dann nicht, wenn das Haus wiederholt in den Schlagzeilen war, dass immer zu wenig Geld da ist. Wir können sowas also nur für Leuchtturmprojekte machen.

OZ: Und haben Sie als Markenbotschafter schon damit angefangen?

Gluth: Ich bin mit Gesprächen und Vorträgen beschäftigt. An diesen Themen muss man langfristig arbeiten, aber es kann nicht alles gleichzeitig passieren. Wenn man als Markenbotschafter etwas erreichen will, muss – um mal bei diesen Begriffen zu bleiben – die neue „Marke“ Volkstheater erstmal entwickelt werden. Sie muss mit Sinn und Inhalten gefüllt werden. Das geschieht gerade, es ist ein Prozess. Ich finde es toll, dass hier so ein Neuanfang gestartet wird. Und ich finde, Rostock hat ein eigenes und lebendiges Theater verdient. Es ist die größte Stadt dieses Bundeslandes, daher verstehe ich manche Diskussionen nicht, ob es ein eigenes Theater geben muss oder nicht. Ich habe lange Tournee-Theater gespielt und dabei in der Schweiz und im süddeutschen Raum mit vielen Leuten gesprochen, die traurig waren, weil ihre Stadttheater abgewickelt worden waren. Aus diesen Gründen bin ich gern Teil dieses Neubeginns in Rostock und werde auf der Bühne dazu beitragen, die Marke Volkstheater mit Leben zu erfüllen. Und auch ich bin sehr gespannt, ob sich das so realisieren lässt.

OZ: Sie erwähnten andere Projekte, an denen Sie auch arbeiten. Welche sind da die wichtigsten?

Gluth: Es gibt verschiedene Dinge, in Berlin und anderswo. Also der „Jedermann“ in der Wismarer St.-Georgen-Kirche war so ein Projekt, das ist in diesem Sommer zehn Mal gelaufen. Im nächsten Jahr läuft es zwölf bis fünfzehn Mal, weil wir jetzt ausverkauft waren, wir hätten mehr spielen können. Das ist etwas, womit wir eine Nische besetzt haben. Man macht also nicht Freilicht-Theater wie auf Rügen, in Bad Segeberg, Waren, Grevesmühlen, oder wie in Schwerin mit dem Musiktheater. In Wismar passte eben zu dem besonderen Ort im Unesco-Welterbe diese Form gehobener Schauspielklassik. Das war noch nicht mein eigenes Projekt, ich war da Mittäter, hab die Mitstreiter herangeführt und werde dafür weiter trommeln. Und ich würde mich freuen, wenn in Rostock ähnliches möglich wäre, so dass ich einfach auch die Erkenntnisse mit praktischem Leben erfüllen könnte.

OZ: Haben Sie Herrn Latchinian Ihre Arbeit schon gezeigt?

Gluth: (lacht) Nein. Gegenwärtig müssen zu viele andere Dinge gleichzeitig entschieden werden. Diesem Prozess muss man Zeit geben. Ob es nun das „Mission Statement“ ist, also das Leitbild, die Frage: Was ist jetzt neu hier? Ich meine, das Volkstheater Rostock hat eine lange Geschichte. Viele sagen beispielsweise: Ja, die gute alte Zeit unter dem Intendanten Hanns Anselm Perten ...

OZ: Aber, unabhängig davon, wie man diese Zeit bewertet – dahin zurück kann man doch ohnehin nicht.

Gluth: Nein, das geht nicht. Und andere berufen sich auf den Begriff „Bayreuth des Nordens“. Diese ganze lange Geschichte ist ja auch Teil dieser Marke, sie steckt dahinter. Der Name ist immer noch der gleiche: Volkstheater.

OZ: Da sprechen Sie einen interessanten Punkt an, dass sich in der Geschichte viele verschiedene Marken als Teildefinitionen bzw. Wunschvorstellungen zu dem einen Volkstheater angesammelt haben. Was halten Sie von diesen sehr unterschiedlichen Teiltraditionen?

Gluth: Naja, auch ein „Bayreuth des Nordens“ kann man heute nicht einfach wiederholen. Aber ich hatte vor kurzem eine Diskussion über das Volkstheater, es ging um eine Herunterstufung der Philharmonie auf den Status eines B-Orchesters, also weniger Leute mit weniger Gehalt. Einer meiner Kollegen wunderte sich sehr, als ich sagte: Du, das hier ist ein A-Orchester. Ich meine, Rostock hat über 200.000 Einwohner und hat auch deshalb die Norddeutsche Philharmonie. Ich denke, man kann solche historisch gewordenen Erwartungen zielgruppengerecht mit bedienen, so ein Theater mit mehreren Sparten ist auch immer ein bisschen ein „Gemischtwarenladen“. Allerdings finde ich die Absicht, über 50 Premieren in einer Spielzeit zu bringen, sehr ehrgeizig. Wir sollten mal das Ergebnis abwarten. Normal wären so 14 bis 24 Premieren, das muss ja dann auch alles im Repertoire-Spielplan untergebracht werden.

OZ: Welche Rollen werden Sie in dieser Spielzeit übernehmen?

Gluth: Gegenwärtig bin ich als Reporter Frank Holloway in den letzten Proben in der Oper „Untergang der Titanic“.

OZ: Singen Sie da auch?

Gluth: Ja, ich hab da einen Song. Und die Opernsänger freuen sich bei den Proben immer und rufen: Wir wollen den Reporter-Song hören. Die anderen singen wirklich große Oper, und ich spiele so einen schlitzohrigen Typen, der singt zwischendurch einen Gassenhauer, während der Kahn schon untergeht. Der hat sich bestechen lassen durch die Reederei White Star Line, weil er eigentlich aufdecken wollte, dass zu wenige Rettungsboote an Bord der „Titanic“ sind.

OZ: Für einen Markenbotschafter ist das womöglich nicht die günstigste Rolle, oder?

Gluth: (lacht) Ach, das sollte man nicht zu eng sehen. Hier spiele ich Theater und unterstütze damit das Ganze. Und als Markenbotschafter mache ich dafür viel zusätzliche Werbung. Aber wenn man das ernsthaft betreiben will, muss man es auf ein gesundes Fundament stellen. Das „Mission Statement“ des neuen Volkstheater muss klar sein. Wie ist unser Leitbild? Was wollen wir in dieser Stadt sein? Das kann nur die Theaterleitung formulieren, und es muss explizit formuliert sein. Sonst wird es schwierig, denn wenn Sie in die Wirtschaft gehen, um Geld aufzutreiben, dann fragen die natürlich nach Kennzahlen, aber sie fragen auch genau nach diesen Formulierungen.

OZ: Hätten Sie persönlich Vorschläge zu solchen „Mission Statements“ fürs Volkstheater? 

Gluth: Naja, das hängt wirklich von der Ausrichtung ab, von den Zielen des Intendanten. Bisher ist mir noch nicht ganz klar, wohin es gehen wird. Ich weiß, dass er das Haus für alle Rostocker öffnen und attraktiv machen möchte. Aber darin liegt auch eine Schwierigkeit, deshalb sagte ich vorhin „Gemischtwarenladen“, wegen all der unterschiedlichen Ansprüche und Wünsche. Man muss da Diener vieler Herren sein. Wir können das Haus zu einer offenen Begegnungsstätte machen, und ganz dringend müssen wir wegkommen von dieser Diskussion über Nutzen oder Nichtnutzen des Theaters. Die hat immer so einen unangenehmen Beigeschmack, wir haben manchmal das Gefühl, wir sollen uns für unsere Existenz entschuldigen.

OZ: Das Volkstheater muss ein Grundvertrauen wieder herstellen, so dass die Leute davon ausgehen, dass auf der Bühne nichts Beliebiges angeboten wird, sondern etwas, das für sie wichtig ist, aus ganz verschiedenen Gründen.

Gluth: Und jeder Zuschauer muss bei uns auch wertgeschätzt werden. Ich glaube, das ist der Grund, warum jetzt erstmal so viel angeboten wird: Dass sich möglichst viele Gruppen angesprochen fühlen. Ich möchte jetzt nicht mit Sewan Latchinian tauschen, weil sein Tag, glaube ich, mindestens 28 Stunden hat.

OZ: Zurück zu Ihren nächsten Rollen. Was spielen sie in dieser Saison noch?

Gluth: Latchinian bot mir „Der moderne Tod“ an. Das kannte ich noch nicht, ich verstand aber auch den Vorschlag nicht. Er wollte mich doch als Volksschauspieler, aber es gab da keine Rolle, die diesem Profil entsprochen hätte. Er hat dann noch den Gerichtsrat Walter im „Zerbrochenen Krug“ in die Runde geworfen.

OZ: Der Begriff Volksschauspieler kommt wahrscheinlich auch wegen des Namens Volkstheater ins Spiel. Könnte man ihn nicht weiter oder gar neu definieren und dann beispielsweise an Ihren Rollen ablesen, wie der Begriff des Volkstheaters mit neuen Inhalten gefüllt wird?

Gluth: Ja, das kann man weiter definieren. Aber ich denke, wenn ich das Publikum über diesen Haken interessieren möchte, dann sollte man das vielleicht zunächst mit Stücken machen, wo die Leute sagen: Ach, den wollte ich schon immer mal sehen. Wie beim Milchmann Tevje in „Anatevka“. Ich weiß natürlich, dass das auch schwierig ist. Ich habe hier in Rostock Katharina Thalbach als Striese gesehen, das war sehr schön – aber die Vorstellung war nur halb voll. Trotz ihres Spiels, Frau Thalbach ist ja eine ganz andere Preisklasse. Jedenfalls war ich dann froh, dass wir uns bei meinen Rollen noch auf den Dorfrichter Adam im „Zerbrochenen Krug“ geeinigt haben.

OZ: Gibt's noch weitere Rollen in dieser Rostocker Spielzeit?

Gluth: Nein, das wars. Sonst hätte ich ja gleich fest unterschreiben können. Aber ich spiele zur Zeit in Berlin am Kriminaltheater „Arsen und Spitzenhäubchen“ weiter. Außerdem mache ich relativ viel als Synchronsprecher, das ist auch etwas, das man pflegen muss. Ich habe in verschiedenen Serien mitgewirkt, „Breaking Bad“ oder „The Winter Suns“ waren die letzten. Und Ende September geht es weiter mit Live-Hörspielen.

OZ: Dass Sie sich jetzt fürs Rostocker Theater engagieren, hat auch etwas von Heimkehr. War nicht Rostock die Stadt Ihrer ersten Schritte auf den Brettern, die die Welt bedeuten? Ganz am Anfang in einem kleinen Dachtheater einer Schule. Wie alt waren Sie denn da?

Gluth: Der Anfang war das Theater unterm Dach der St.-Georg-Schule, also Kabarett in der Amateurszene. Ich begann in der achten Klasse beim Sprung in die neunte. Unser Lehrer Klaus-Peter Mahnke hatte das initialisiert, und für ein Schülertheater war das schon recht professionell aufgezogen. Wir hatten da fast einen wöchentlichen Rhythmus mit Auftritten und Gastspielen.

OZ: Soweit ich mich erinnere, hatten Sie damals schon ganz gute Gelegenheiten, Ihr Talent zu präsentieren.

Gluth: Das war etwas später. Ich habe dann bald eine eigene Gruppe aufgemacht mit Jürgen Mertag, einem Dramaturgen des Volkstheaters. Da waren Leute dabei wie Robert Beyer, der heute sehr erfolgreich an der Schaubühne in Berlin spielt, oder Ralph Martin, der auch Schauspieler geworden ist. Theater hat sich schon immer so durchgezogen in meinen Jugendinteressen.

OZ: Aber gelernt haben Sie nach der Schule trotzdem erstmal einen ganz anderen Beruf.

Gluth: Ja, ich habe Koch mit Abitur gelernt.

OZ: Kochen Sie immer noch gerne?

Gluth: Ne, ach gar nicht.

OZ: Intendant Sewan Latchinian will ja hier in Rostock auf der Bühne kochen. Da sind Sie doch bestens qualifiziert als kochender Promi.

Gluth: (lacht) Ich bin auch sein erster Gast, am 2. Oktober im Großen Haus.

OZ: Konnte man damals als Lehrling ahnen, dass diese Kunst später mal für die Rolle der Prominenten so wichtig werden könnte?

Gluth: Nicht unbedingt. Aber man sagt ja, Gaukler und Gastronomen, das liegt nahe beieinander. Ich habe meine Ausbildung 1987 bis 1990 im Interhotel Warnow gemacht, die Klasse war geteilt: die eine Hälfte im Neptun, die andere Warnow-Hotel. Die Wende erlebte ich genau in meiner Abiturzeit.

OZ: In dieser bewegten Zeit gingen Sie dann nach der Lehre doch zum Theater, aber ganz direkt und ohne Schauspielstudium. Wie kam das?

Gluth: Doch, ich wollte schon studieren. Ich hatte ja schon nach der achten Klasse, als ich hier anfing im Schülertheater, an verschiedenen Schauspielschulen Interesse gezeigt. Man musste damals einen Test machen und eine Eignungsprüfung, und wenn man beides bestanden hatte, dann wurde ausgesiebt. Da machte ich mehrere Anläufe, zuerst in Berlin, dann in Rostock. Da hieß es, naja, Sie sind noch zu jung, aber wir werden Sie später nochmal einladen. Und während meiner Lehre bestand ich den Test und die Prüfung in Leipzig.

OZ: Normalerweise wären Sie damit zum Studium zugelassen worden?

Gluth: Ich denke schon. Aber ich hatte etwas Ärger mit den Leuten von der Staatssicherheit. In unsere Berufsschule kam ein Werbeoffizier, es ging um die Armeezeit und die Forderung, wer studieren will, der solle drei Jahre zur Armee, damit er dem Staat was zurückgibt und so. Und da ich wenig begeistert war von der Aussicht, irgendwo hinter Anklam durchs Gelände zu robben, ließ ich mich fürs Wachregiment „Feliks Dzierżyński“ in Berlin werben. Ich hatte ja keine Ahnung, was das war. Das sind die Unter den Linden, dachte ich, zackzack, Beine hoch, hat auch was mit Show zu tun. In meiner Naivität wusste ich nicht, dass es das Stasi-Wachregiment war.

OZ: Und was haben Sie gemacht, nachdem Sie es erfahren, hatten?

Gluth: Mein Vater sagte: „Feliks Dzierżyński“? Das ist das MfS! Und dann ging ich los und hab diesen Offizier lange gesucht. Beim Wehrkreiskommando wusste niemand, wer der Kollege war mit den buschigen Augenbrauen. Dann hab ich ihn gefunden, ich musste ins Rostocker Hauptquartier, und die haben mich drei, vier Stunden lang schmoren lassen in einem Verhörzimmer. Als er endlich runterkam, sagte ich, dass ich das unfair finde, weil er sich nicht als Mann von der Stasi vorgestellt hatte, das würde ja schon Bände sprechen, und ich wolle mein Interesse zurückziehen. Er hatte da eine Akte, blätterte darin und sagte: Ich sehe, Sie wollen Schauspiel studieren. Da können wir Ihnen dann aber leider nicht helfen. Und ich in meiner großmäuligen Art sagte: Na, Gottseidank gibt's noch Studienrichtungen, bei denen Talent zählt. Aber dann kriegte ich ein halbes Jahr später trotz bestandener Prüfungen keine Zulassung zum Studium.

OZ: Sie wurden dennoch Schauspieler und das war eigentlich der härtere Weg. Der hatte aber wahrscheinlich in der stürmischen Umbruchszeit nach 1990 seine Vorteile.

Gluth: Ich hatte damals zwei Möglichkeiten, Koch oder Gaukler. Aber das Kochen in so einer Großküche, das war ja anders als heute. Ich habe sogar mal einen Antrag bei der Treuhand gestellt auf Übernahme eines Lokals in Rostock. Ohne Geld und ohne Businessplan, ich dachte einfach, versuch es mal. Es war natürlich nicht möglich. So ging ich 1990 ans Volkstheater und war ein Jahr Regieassistent bei Axel Richter, dem damaligen Oberspielleiter. Dann ging ein Teil des Rostocker Ensembles nach Magdeburg an die Freien Kammerspiele, die sich dort gründeten, die eine Hälfte waren Schaupielstudenten aus Leipzig, die andere Hälfte kam von hier, Andreas Hermann, Stefan Dierichs, Thomas Dehler. Und ich ging mit. Das Ensemble dort war relativ klein, aber hochmotiviert, wir haben dort auch Theaterspektakel gemacht. Weil das Haus so klein war, musste jeder Spielaufgaben übernehmen, und diese Aufgaben wurden immer größer. Ich hab in dieser Zeit Sprecherziehung gemacht und in vielen Inszenierungen mitgewirkt, nebenbei meine Arbeit als Regieassistent gemacht. Und 1994 in Berlin vor der Paritätischen Prüfungskommission meinen Abschluss als Schauspieler bestanden, die Bühnenreife nach einer Elevenausbildung am Theater.

OZ: Inzwischen sind Sie berufserfahrener Schauspieler und demnächst Kultur- und Medienmanager. Haben Sie als neuer Markenbotschafter des Volkstheaters eine Vorstellung, wieviel Geld sich für die Rostocker Bühne einsammeln ließe. Das ist ja ein Thema, das das Volkstheater lange Zeit vernachlässigt hat, gezwungenermaßen. Wird das nun anders?

Gluth: Ein Problem bleibt weiter bestehen. auch die neue Intendanz hat damit zu tun, dass natürlich nur ein geringer Bruchteil selbst eingespielt wird, der Rest der Gelder sind öffentliche Mittel. Man wird es nur über spezielle Projekte schaffen, Partner zu finden, die sich darin irgendwie widergespiegelt finden, so dass ihr Geld nicht in einer Struktur, vielleicht sogar nur in einem Überbau, verschwindet. Man muss jetzt einfach in der ersten Spielzeit beobachten: Kommen die Leute? Was passiert da am Theater, nimmt das Schiff kräftige Fahrt auf? Dann kann man für die zweite Saison Projekte kreieren, in denen sich Partner wiederfinden. Es geht dabei nicht um Kleinanzeigen im Programmheft oder sowas, es geht um signifikantere Beträge. Und dafür werden wir gezielt auf die Partner zugehen.

 

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Zur Person: Sascha Gluth

Sascha Gluth kam 1970 im vorpommerschen Karlsburg zur Welt. Im Rostocker Schülertheater „Klabauterschüler“ begann er Theater zu spielen, 1990 begann seine professionelle Theaterlaufbahn als Regieassistent am Volkstheater Rostock. Nach einer Elevenausbildung in Magdeburg erwarb er 1994 die Bühnenreife, spielte in mehreren Festengagements sowie als freier Schauspieler. Berühmt wurde er von 2002 bis 2012 als Störtebeker auf der Naturbühne Ralswiek. Sascha Gluth lebt mit seiner Frau, der Schauspielerin Julia Horvath, und zwei kleinen Töchtern in Wandlitz bei Berlin.

 

Auftakt-Spektakel: „1. Stapellauf: Neubeginn“

Die 120. Spielzeit des Volkstheaters Rostock wird am 20.September mit einem langen Theaterabend eröffnet. Gezeigt werden ab 16 Uhr drei abendfüllende Premieren nacheinander: „Untergang der Titanic“, eine „Mitspieloper“ von Wilhelm Dieter Siebert, die Uraufführung von Uwe Johnsons „Ingrid Babendererde“ in der Theaterfassung von Holger Teschke und das Stück „Wie im Himmel“ nach dem gleichnamigen schwedischen Film.

Nach der Premiere am 20. September gibt es weitere Aufführungen des kompletten Spektakels am 27. September, 3. und 4., 11., 18. und 25. Oktober, jeweils ab 16 Uhr im Großen Haus des Volkstheaters Rostock.



Interview: Dietrich Pätzold