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Rostock Sandmann, lieber Sandmann
Mecklenburg Rostock Sandmann, lieber Sandmann
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08:19 22.11.2014
Ein Sandmann sitzt am als Dekoration vor einer DDR-Fahne. Quelle: Jan Woitas/dpa
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Rostock

Man weiß nicht, was sich Sigmund Jähn dabei gedacht hat. Jedenfalls drehten er und sein Kollege Wladimir Kowaljonok an Bord von „Saljut 6“ einen Film mit dem Inhalt: Sandmännchen heiratet Braunbärin „Mascha“.

„Mascha“ war das Maskottchen des russischen Kommandanten, das Sandmännchen gehörte Jähn, dem ersten Deutschen im All, im August 1978 war das, damals umkreisten die beiden in der sowjetischen Raumstation die Erde. Die Verantwortlichen beim DDR-Fernsehen waren entsetzt, das ging dann doch zu weit. Die Aufnahmen wurden – entgegen ursprünglichen Plänen – nicht gesendet. Sandmann blieb solo. Die Dinge waren aus dem Ruder geraten. Jähn erklärte später etwas kleinlaut: „Die Albernheit ging nach hinten los.“

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Es gibt wenige Dinge, die die DDR überdauerten und gesamtdeutsch Karriere machten. Ampelmännchen, Polizeiruf 110. Und eben der Sandmann oder Sandmännchen, wie man so sagt. Er oder es ist ein Star. Seit 55 Jahren. Die dienstälteste Fernsehfigur überhaupt. Lädt sich bei wildfremden Menschen zum Fernsehen ein und schickt dieselben nach einer Gute-Nacht-Geschichte mit Schlafsand ins Bett, Widerspruch zwecklos. Das Sandmännchen ist, wenn man so will, der Überbringer der schlechten Nachricht, trotzdem haben es alle lieb.

Dabei war man anfangs empört. Zum ersten Mal trat das Ost-Sandmännchen am 22. November 1959 auf. Eltern und Kinder sahen, wie eine kleine Figur mit „verquollenen Säuferäuglein“ („Frankfurter Rundschau“) und ungekämmten Haaren durch eine kurze Geschichte stolperte, und am Ende schlief sie auch noch im Schnee und im Schein einer Straßenlaterne offensichtlich vor Erschöpfung ein.

Der Potsdamer Bühnenbildner Gerhard Behrendt hatte die Figur frei nach dem alten literarischen Vorbild entworfen; zwei Wochen soll er dafür gebraucht haben, er überarbeitete sie ein zweites Mal, Kinder boten derweil dem Sandmann ihre Betten an, und seither feiert der kleine Kerl (24 Zentimeter) ungebrochen Erfolge. Eine Million Menschen sehen ihn heute täglich, sogar am Polarkreis kennt man ihn, in Schweden heißt er „John Blund“, in Finnland „Nukku Matti“, seine Karriere steht auf festen Füßen. Und doch, auch das Sandmännchen musste Rückschläge hinnehmen. Etwa 1991, als die Umstrukturierung der Ostsender und die Abwicklung des DFF bekanntgegeben wurden. Von seinem Abschied war plötzlich die Rede, von der Suche nach billigem Ersatz. Protestbriefe folgten, der Sandmann war gerettet.



Marion Hahnfeldt