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Rostock „Satire will nicht beleidigen“
Mecklenburg Rostock „Satire will nicht beleidigen“
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07:09 04.02.2015
Der Satiriker und Cartoonist Ivan Prado (l.) aus Rostock, lernte den Karikaturisten Georges Wolinski (1934-2015) bei einem Cartoon-Festival in Porto (Portugal) kennen. Wolinski wurde am 7. Januar 2015 von den IS-Attentätern in der Redaktion des französischen Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ ermordet. Ivan Prado stammt aus Peru, seine Heimat hat er wegen politischer Verfolgung verlassen müssen. Foto: privat Quelle: Ivan Prado
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Rostock

Interview von Nele Baumann

Rostock – Nun macht die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo doch eine Pause. Die Mitarbeiter fühlen sich nach den Anschlägen vom 7. Januar, bei denen 12 Menschen ermordet wurden, derzeit nicht in der Lage, weiter zu arbeiten. Einen der getöteten Redakteure von Charlie Hebdo kannte Ivan Prado aus Rostock persönlich. Im Gespräch sagt der Karikaturist, der aus Peru stammt, was die Anschläge bei ihm ausgelöst haben.

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OSTSEE-ZEITUNG: Was bedeutet für Sie karikieren?

Ivan Prado: Die Karikatur reißt eine Maskerade herunter. Die Leute denken, sie haben eine bestimmte Nase, eine bestimmte Augenform. Aber das ist nicht so. Der Zeichner interpretiert dich von einer anderen Seite. Er betrachtet dich von hinten, enthüllt Verborgenes. Am meisten leiden die Politiker darunter. Leute, die dogmatisch bestimmte Meinungsrichtungen vertreten.

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OZ: Charlie Hebdo hat den Islam aufs Korn genommen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von dem Anschlag gehört haben?

Prado: Ich war sehr wütend. Die Traurigkeit kam später. Erst habe ich nur starke Wut empfunden. Solche Aktionen sind so ein Unsinn. Über Katholiken und Protestanten machen sich Karikaturisten lustig. Warum sollte der Islam da eine Ausnahme bilden? Charlie Hebdo wollen das Thema banalisieren und die Leute sollen darüber lachen. Satire will nicht beleidigen, sondern enthüllen. Ein Zeichner hat mal gesagt: Karikaturisten sind Soldaten mit Bleistiften, die die Meinung verteidigen. Es ist ein einfaches Prinzip, das auch die Redakteure von Charlie Hebdo genutzt haben. Leute gehen am Kiosk vorbei, haben nicht viel Zeit und sehen die Zeichnungen. So kriegt man schnell mit, was der Karikaturist zu sagen hat.

OZ: Haben Sie einen der Zeichner mal kennengelernt?

Prado: Ich habe Georges Wolinski kennengelernt auf einem Cartoonfestival in Porto. Das war einer der älteren Zeichner. Er war ein großer Fan von Porto. Die Stadt gilt ja weltweit als Hauptstadt der Karikatur und des Humors. Wolinski wollte sich da sogar ein Haus kaufen.

OZ: Was halten Sie von Wolinskis Karikaturen?

Prado: Das ist schon ein sehr harter Humor. Wolinski aber habe ich als einen angenehmen Menschen empfunden. Er wirkte selbstbewusst und charmant.

OZ: Wolinski und seine Kollegen sind mit ihren Karikaturen des Propheten Mohammed sehr weit gegangen. Die Redaktion von Charlie ist schon früher attackiert worden. War es eine richtige Entscheidung, zu publizieren?

Prado: Ich denke schon, dass es die richtige Entscheidung war. Die Witwe des Charlie-Zeichners Stephane Charbonnier hat gesagt, dass sie ihren Mann gebeten habe mit dem Zeichnen von Mohammed-Karikaturen aufzuhören. Er solle an seine Familie denken. Charbonnier habe entgegnet, dass Aufhören für ihn wie Aufgeben sei – und das wolle er auf keinen Fall. Die Redakteure von Charlie Hebdo haben einen Kampf begonnen und wollen nicht aufgeben.

OZ: Sie sind weit gegangen mit Karikaturen. Was ist in Peru passiert?

Prado: Ende der 90er Jahre gab es in Peru große Probleme mit Korruption, politische Morde, verschwundene Menschen. Da musste man ja was sagen als Zeichner. Ich habe politische Karikaturen in einer Zeitung veröffentlicht. Als es brisant wurde, hatte ich das große Glück, dass mich jemand gewarnt hat. Später habe ich erfahren, dass er beim Geheimdienst war. Er meinte, ich solle aufhören zu karikieren und nicht allein auf die Straße gehen. Da habe ich Angst gekriegt. Ein Karikaturist hatte dann schließlich zwei tote Ratten vor der Tür liegen. Die Botschaft war klar: Ihr seid nicht mehr als Ratten für uns, die ruhig sterben können.

OZ: Sie haben Peru verlassen.

Prado: Wir waren alle der Korruption ausgeliefert. Niemand hat uns beschützt, schon gar nicht die Polizei. Das waren ja die Korruptesten. Für Geld wechselten Politiker sogar zur Gegenpartei. Das Parlament gab es nicht mehr und die Intellektuellen verließen das Land. Als die Zeitung pleite ging, für die ich arbeitete, hatte ich genug. Mein Bruder lebte in Deutschland. Da habe ich beschlossen, hierher zu gehen. Ich habe auch über Frankreich nachgedacht.

OZ: Hier leben Sie jetzt bereits mehr als 15 Jahre, hatten schon Ausstellungen unter anderem in der Kunsthalle Kühlungsborn. Haben Sie jemals die Kirche aufs Korn genommen?

Prado: In meinen öffentlichen Karikaturen habe ich dieses Thema ausgespart. Als Jugendlicher aber habe ich mal Mönche karikiert. Ich war in Peru auf einer Klosterschule, in der es recht hart zuging. Die Karikaturen hat ein Mitschüler kopiert und eine Bank auf dem Schulhof vollgeklebt. Die Lehrer waren entsetzt. Da aber kein Name draufstand, konnte sie mir keiner zuordnen. Seitdem weiß ich, was Karikaturen bewirken können.

OZ: Was halten Sie von Zensur?

Prado: Gar nichts. Mit Zensur verrätst du nicht nur dich, sondern alle. Du kannst nicht mehr auf die Straße gehen, wenn du eine Karikatur für jemanden machst. Dann ist es keine Karikatur mehr, sondern nur eine blasse glatte Sache.

OZ: Wie gehen Sie vor?

Prado: Ich zeichne heute viele Porträts. Wie ich eine Person darstelle, entscheide ich meist nach ein paar Sekunden. Ich schaue mir ein Gesicht an und habe eine Version im Kopf. Ich zeichne meist zuerst auf Papier und übertrage die Zeichnungen digital auf den Computer.

OZ: Politische Karikaturen zeichnen sie gar nicht mehr?

Prado: Ein paar Jahre habe ich keine gezeichnet. Seit den Anschlägen habe ich wieder begonnen. Mit der Wut über den Anschlag ist auch die Lust an politischen Karikaturen wieder in mir erwacht.

OZ: Wenn Sie das Angebot hätten, bei „Charlie Hebdo“ zu arbeiten – würden Sie es annehmen?

Prado: Da muss ich nachdenken. Es wäre eine große Ehre. Aber nein, ich denke nicht. Ich habe eine Freundin und eine Tochter hier in Rostock, die mich brauchen. Außerdem ist der Stil von Charlie ein anderer als meiner.



Nele Baumann