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Rostock Zwischen Aufregung und Gelassenheit: Rostock vor der Evakuierung
Mecklenburg Rostock Zwischen Aufregung und Gelassenheit: Rostock vor der Evakuierung
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10:14 27.03.2019
Bei Bauarbeiten auf der Baustelle am Rosengarten in der Rostocker Innenstadt ist am Montag eine Bombe gefunden worden. Am Mittwoch muss zur Entschärfung die komplette Innenstadt geräumt werden. Quelle: Stefan Tretropp
Rostock

Martin Kaiser ist ganz gelassen – dabei wird der morgige Tag für ihn, seine Mitarbeiter und vor allem „seine“ Bewohner ein nervenaufreibender. „Aber was sollen wir denn machen?“ Kaiser ist Leiter der Seniorenresidenz „Am Warnowschlösschen“ am Rande der Rostocker Innenstadt. Und wenn am Mittwoch die 250-Kilo-Fliegerbombe am Rosengarten entschärfte wird, muss auch die Residenz evakuiert werden. 135 Bewohner müssen raus. „Wir werden das schon hinkriegen“, sagt Kaiser.

Ausnahmezustand in Rostock

Dass sich im Rosengarten noch Weltkriegsmunition unter der Erde verbergen könnte – Fachleute waren davon ausgegangen. 21 Mal war Rostock im Krieg aus der Luft bombardiert worden. Wo jahrzehntelang nur Rasen wuchs, standen bis zu den Angriffen Häuser. Nun soll dort wieder gebaut werden. Seit Wochen sondieren Fachleute der Kampfmittel-Firma MAKS deshalb das Erdreich – und treiben dafür Plastikrohre sechs Meter Tief in das Erdreich. „Anschließend messen wir mit Sonden Veränderungen im Erdmagnetfeld. Das gibt uns Aufschluss darüber, ob dort noch etwas liegen könnte“, erklärt Willi Buth, Fachmann der Firma. Es gäbe eine Vielzahl von „Verdachtspunkten“ in dem Bereich. „75 Prozent der Verdachtsmomente haben wir schon überprüft.“

Auf einer Baustelle am Rosengarten in Rostock ist eine Fliegerbombe gefunden worden.

Am Montag dann ein „Treffer“. In gut zwei Metern Tiefe wurde die amerikanische Bombe entdeckt. Sie kann nicht abtransportiert, muss vor Ort entschärft werden. Die komplette Innenstadt muss ab 8 Uhr evakuiert werden. Das Gebiet wird begrenzt von den Straße Am Vögenteich und Am Kanonsberg im Westen, Warnowufer/Am Strande im Norden, im Osten sind die alte Stadtmauer bis zum Mühlendamm die Grenze und im Süden die Goethestraße, Herweghstraße und Schwaaner Landstraße/Blücherstraße bis zum Puschkinplatz. „Im Umkreis von einem Kilometer um den Fundort der Bombe geht nichts mehr“, so Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke). „Krieg ist Mist – auch 74 Jahre danach.“

Dieser Bereich muss evakuiert werden Quelle: Benjamin Barz

Geschäfte bleiben geschlossen

Betroffen ist unter anderem die komplette Kröpeliner Straße. Die wichtigste Einkaufsmeile des Landes wird am Mittwoch frühestens gegen Mittag öffnen. „Es hilft ja nichts“, sagt City-Manager Peter Magdanz. „Dass schon am frühen Morgen mit der Entschärfung begonnen wird, können wir als Händler nur begrüßen. Aber es bleibt dabei: Sicherheit geht vor Geschäft. Mit so einer Bombe ist nicht zu spaßen!“ Er appelliert an die Vernunft der Rostock, wirklich bis 8 Uhr die Innenstadt verlassen zu haben: „Jeder, der sich danach noch im Sperrgebiet aufhält, verzögert das Ganze.“

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Karte: Dieses Gebiet wird evakuiert

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Betroffen sind zudem 100 Arztpraxen, sieben Kitas und drei Schulen. „Wir haben uns mit dem Staatlichen Schulamt verständigt, dass die Jenaplan-Schule am Standort Lindenstraße, die St.-Georg-Grundschule und die Schule am Alten Markt geschlossen bleiben. Der Unterricht fällt aus“, so Senator Bockhahn. Für Kinder, die nicht von Eltern oder Großeltern betreut werden können, werde eine Notbetreuung eingerichtet – für die Kinder Schule am Alten Markt findet sie in der Turnhalle Petrischanze statt, für St.-Georg-Schüler am Innerstädtischen Gymnasium.

Auch das Land- und das Oberlandesgericht Rostock bleiben am Mittwoch vorerst geschlossen. Sämtliche Prozesse am Vormittag müssen verlegt werden. Das Rathaus, das Jobcenter und auch das Behördenzentrum an der St.-Georg-Straße, die Mensa der Uni und viele weitere Einrichtungen bleiben zu. „Wir werden mit den Beschäftigten der Stadtverwaltung noch interne Regelungen zur Arbeitszeit treffen“, so Stadtsprecher Ulrich Kunze.

Rostock zählt am 1. Mai 1945 zu den am stärksten zerstörten Städten Deutschlands.Die Abbildungen stammen aus dem Band „Bomben auf Rostock“, erschienen 1995 im Konrad Reich Verlag Rostock

Stadthalle wird Notlager

Als Notunterkunft für die 10 000 Bürger, die die Innenstadt verlassen müssen, stellt die Stadt die Stadthalle bereit. Dorthin wird vermutlich auch Martina Kaiser mit den Bewohnern aus der Seniorenresidenz „Am Warnowschlösschen“ fahren. „Das besprechen wir am aber Dienstag genau mit dem Brandschutz- und Rettungsamt.“ Kaiser plant eine Alternative: „Wir haben überlegt, mit den Damen und Herren einen Ausflug in den Zoo zu machen.“ Wenn das Wetter mitspielt, könnte das entspannter für die Senioren sein: „Viele von ihnen haben noch im Krieg die Evakuierungen miterlebt. Schön ist das für sie nicht.“

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Auch Alexander Winter wird seinen Gästen anbieten, sie in die Stadthalle zu bringen. Winter ist Chef des Steigenberger Hotels „Sonne“. Ab 7 Uhr wird das Hotel geräumt. „Wir werden die Gäste vernünftig versorgen und in Sicherheit bringen.“ Auf etwaigen finanziellen Schäden bleibe das Hotel sitzen: „Bombenentschärfungen decken nur sehr wenige Versicherungen ab.“

Alle Infos:Am Dienstag ist in der Zeit von 10 bis 18 Uhr ein gemeinsames Bürgertelefon von Stadt und Polizei geschaltet, das unter den Rufnummern 0381-49 16 28 29 erreichbar ist. Am Dienstag ab 18 Uhr informiert die OZ zudem im Live-Ticker unter www.ostsee-zeitung.de/bombe über die Lage.

Andreas Meyer

Ausnahmezustand in Rostock: Für die Entschärfung einer Fliegerbombe muss am Mittwoch die komplette Innenstadt geräumt werden. 10 000 Bürger sind betroffen. Alle Geschäfte, 100 Arztpraxen bleiben zu. Zwei Pflegeheime müssen geräumt werden.

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