Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rostock Bretschneider besiegt den Krebs: „Ich komme wieder“
Mecklenburg Rostock Bretschneider besiegt den Krebs: „Ich komme wieder“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:33 27.06.2018
Reha tut gut: Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD, 57) will nach der Sommerpause wieder ins politische Geschäft einsteigen.
Reha tut gut: Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD, 57) will nach der Sommerpause wieder ins politische Geschäft einsteigen. Quelle: Frank Pubantz
Anzeige
Graal-Müritz

Sie lacht wieder. Sylvia Bretschneider (57, SPD), seit 2002 – teils respektierte, teils gefürchtete – Präsidentin des Schweriner Landtags, ist nach einer schweren Krebserkrankung auf dem Weg zurück ins politische Leben. Neun Monate lang habe sie Höhen und Tiefen erlebt; nach der Sommerpause werde sie wieder in den Landtag zurückkehren. „Ich will noch nicht zu Hause bleiben“, sagt sie mit spitzbübischem Blick. Doch die Erkrankung werde ihr Handeln verändern.

Sie kommt mit Sport-Outfit und Walking-Stöcken. Kurze Pause, dann geht es zur Tanztherapie. Die Reha-Klinik an der Ostsee, in der sie zuletzt Kraft tankte, tue ihr gut. Acht Kurse am Tag, vier morgens, vier nachmittags. Fitness, autogenes Training, Ernährungsberatung. „Ich fühle mich sehr gut“, sagt Bretschneider. Das war bis vor kurzem anders. Im Spätsommer 2017 bekam sie die erschütternde Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. „Nur 20 Prozent der Betroffenen überleben“ – das wisse sie heute. Angst und Ungewissheit hätten sie gelähmt. Im Landtag hielt die Präsidentin, die sonst Rechtsextremisten der NPD und AfD-Grenzgänger rigoros in die Schranken weist, zur Eröffnung des neuen Plenarsaals eine Rede mit zitternder Stimme. Zuhörer ahnten: Da stimmt etwas nicht. „Ich wollte die Rede unbedingt halten“, sagt Bretschneider heute. Sie habe gedacht, es könnte die letzte sein. Tage zuvor habe sie von einem Tumor erfahren, drei Zentimeter groß. Untersuchungsergebnisse blieben rätselhaft oder verzögerten sich. „Es war wie im Traum. Ich bin wahnsinnig geworden.“

Mitte Oktober dann die OP. Das habe ihre Familie sehr belastet. Sie erzählt von ihrem Vater, der an Magenkrebs verstorben sei. Daher hätten sie und ihre Schwestern stets Vorsorge getroffen. „Mein Mann hat versucht, stark zu sein“, sagt sie. Einfach sei dies nicht gewesen. Da habe sie entschieden: „Ich will stark sein.“ Ab November Chemo-Therapie. „18 Giftbeutel“, sagt Bretschneider. Die Wirkung habe sie immer intensiver und länger niedergeschlagen. „Im Mai war ich körperlich am Ende.“ Doch dann sei es wieder bergauf gegangen. Und heute? „Alle Werte sind top. Ich habe Glück gehabt.“ Wie viel, das wisse sie, seit sie Menschen mit noch schwereren Schicksalen traf. Alle drei Monate müsse sie zur Nachuntersuchung. „Das Risiko bleibt.“

Nun sitzt sie unter einem Pavillon im Garten der Reha-Klinik. Ihre Haare sind wuschelig wie eh und je. Schmaler ist sie geworden, hat Gewicht verloren. Bevor sie sich neue Kleidung kaufte, habe sie überlegt: „Lohnt sich das noch?“ Sie habe sich positiv entschieden. Generell. Zum Glück habe sie immer viel Sport getrieben, das helfe heute beim Genesungsprozess. Da plötzlich schießt ihr der Tollensesee-Lauf in ihrer Heimatstadt Neubrandenburg durch den Kopf. Zehn Kilometer. „Vielleicht schaffe ich das noch mal.“ Fest stehe für sie: Sie möchte viel Zeit mit ihren Töchtern und Enkeln verbringen.

Wenn sie redet und gestikuliert, erwacht die alte Powerfrau. „Leben auf der Überholspur“ steht in ihrem Status bei What’sApp. Das werde sich ändern müssen. „Ich möchte die Zeit effektiver nutzen“, so Bretschneider. Heißt: nicht mehr jeden Termin annehmen. Vielleicht. Sie wolle es „sachte und langsam“ angehen, „nicht wieder auf 180“. Ob das gelingt? Bretschneider nimmt Ordner in die Hand. Sie bearbeite weiter die Post für den Landtag, die ihr die Verwaltung aus Schwerin bringt. Zum Glück sei der Kontakt zu Kollegen nie abgerissen. „Ich habe viele Briefe, Anrufe und Nachrichten erhalten“, sagt sie. Von Landtag, SPD-Fraktion und ihren beiden Vize-Präsidentinnen. „Das hat mir sehr geholfen.“

Ziele habe sie noch einige. Im November wolle sie erneut Präsidentin des Landestourismusverbandes werden. Dann liege ihr die Internationalisierung am Herzen. Stolz hält sie ein Buch hoch, das Erfolge der südlichen Ostsee-Region einordnet. Da könne Politik etwas bewirken. Im Plenarsaal, wo sie als Landtagspräsidentin das Wort führt, werde sie wie immer sein, in Debatten beherzt die Regeln durchsetzen. Für manchen in der Politik dürfte das wie eine Drohung klingen. Bretschneider: „Ich komme wieder.“

Pubantz Frank