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Rostock „Mit Hilfe der Armee wurde eine Schneise geschlagen“
Mecklenburg Rostock „Mit Hilfe der Armee wurde eine Schneise geschlagen“
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15:31 28.12.2018
Die Eisenbahn-Transitstrecke nach Sassnitz wird im strengen Winter 1978/79 durch den Einsatz von Schneefräsen und teilweise sogar durch Sprengungen Meter für Meter geräumt. Quelle: dpa
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Rostock

Den Jahreswechsel 1978/79 werden die Norddeutschen, die ihn bewusst erlebt haben, wohl nie vergessen. Sieben Meter hoch türmten sich etwa auf Rügen die Schneewehen. Die Versorgung der Bevölkerung geriet in Gefahr. Eine Eisfront mit sibirischer Kälte überzieht zunächst den Norden und später den gesamten Osten Deutschlands. Vor allem die Ostseeinsel trifft es besonders hart. Auf Rügen sind rund 40 Dörfer nicht mehr erreichbar. Züge bleiben im Schnee stecken, das Essen wird knapp. OZ-leser erinnern sich an dieses Ereignis:

Blanca Riebling aus Rostock schreibt: „Meine Eltern wohnten im damaligen Bezirk Halle. Wir wollten zu Silvester mit der Bahn zu ihnen fahren. Alles war vorbereitet, Fahrkarten gekauft, Taschen gepackt, Säuglingsnahrung und Windeln verstaut. Zuerst regnete es lang anhaltend. Es wurde im Verlauf des Tages immer kälter. Der Regen ging in Schnee über. Gegen 20 Uhr fuhr mein Mann zum Bahnhof, um die Lage zu erkunden. Endlich, gegen 23.30 Uhr, kam er wieder durch hohen Schnee – mit der Erkenntnis, das wird morgen nichts mit unserem Besuch bei den Eltern. Es lagen überall riesige Schneemassen. Dann fiel sogar der Strom aus. Der Katastrophenstab aber funktionierte. Ein Lautsprecherwagen fuhr durch Schmarl und informierte alle Einwohner, wo sie ihre Kleinkinder versorgen und die Nahrung für sie zubereiten können. Das klappte wirklich gut. Als der Schneefall endlich nachließ, waren in Schmarl meterhohe Gänge auf den Fußwegen kunstvoll ausgeschachtet. Was nachteilig war, war die große Kälte. Leider haben wir damals keine Fotos gemacht, das bedauerten wir oft. Den Besuch bei meinen Eltern holten wir Ende Januar 1979 nach. Beim großen Treff gab es dann auch fast nur dieses eine Thema: Winter, Winter und kein Ende.

Milch direkt aus dem Stall

Dorothee Günther aus Sassnitz erinnert sich ebenfalls genau: „Schnee und Frost hatten uns richtig im Griff. Es fuhren keine Autos, keine Züge. Allmählich wurde es knapp mit der Versorgung. Was es wo gab, ging über die ’stille Post’ von Wohnung zu Wohnung. An einem Morgen klingelte es an unserer Tür. Die Nachbarin erzählte uns, dass die Milchviehanlage vor der Stadt Probleme mit dem Abtransport der Milch habe. Man könne sich dort auch selbst Milch holen. Zum Glück fand sich in unserem Küchenschrank in der hintersten Ecke noch eine Milchkanne, die wohl aus Nostalgiegründen aufgehoben worden war. Ich zog meine Kinder winterfest an, und wir zogen mit dem Rodel und der Milchkanne los. Eigentlich war es gar nicht weit, aber Schnee und Eis setzten uns doch heftig zu. Endlich am Stall, bekamen wir auch unsere Milch. Die Kinder sahen zum ersten Mal in ihrem Leben, woher eigentlich die Milch kommt. Trotz der Bitte um Anreise mit dem Zug, waren auch viele Urlauber zur Jahreswende per Pkw nach Binz gereist. Eis und Schnee hatten den Straßenverkehr vollkommen zum Erliegen gebracht. Um überhaupt eine Heimreise zu ermöglichen, wurden die Autos in einem Konvoi zusammen gestellt, um gemeinsam von der Insel gelotst zu werden. Mit Hilfe der Armee und großen Räumfahrzeugen wurde eine Schneise geschlagen und die Autos fuhren wie eine große Entenfamilie hintereinander her Richtung Stralsund.

Ofen hielt das Kinderzimmer warm

Anett Quandt von der Insel Usedom weiß noch genau: „Mein Vater hat damals bei der Bahn gearbeitet und war auch mit ’draußen’. Wir Kinder fanden den Winter nicht schlimm. Wir wohnten damals in Heringsdorf. Wir haben nicht gefroren. Die Öfen in Küche, Stube und Kinderzimmer war immer warm, denn sie wurden mit Kohle geheizt und die war reichlich im Keller.

Jens Burmeister