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Rostock Der Merkel-Schreck – wie ein Mann aus Dummerstorf die CDU zerlegt
Mecklenburg Rostock Der Merkel-Schreck – wie ein Mann aus Dummerstorf die CDU zerlegt
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21:28 04.12.2019
CDU-Parteitag in Binz: Wolfgang Grieger (44) hat zum zweiten Mal Kanzlerin und Parteispitze attackiert. Die Partei müsse sich neu aufstellen, Politik wieder bürgernäher gestalten, fordert er im OZ-Gespräch. Quelle: Frank Pubantz
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Dummerstorf

Im November 2017 erlangt Wolfgang Grieger bundesweit Bekanntheit. Beim Parteitag der Landes-CDU in Kühlungsborn geht er ans Mikrofon und zertrümmert die erhoffte Aufbruchstimmung seiner Partei nach verkorksten Wahlen. Er macht Merkel persönlich für die Stimmenverluste der CDU verantwortlich, benutzt drastische Worte. Die Energiepolitik sei „eine Farce“, Soziales „ein Desaster“, die Asylpolitik „eine Katastrophe“. Grieger fordert Merkels Rücktritt, spitzt zu: „Die Kaiserin hat keine Kleider. Sie ist nackt.“ Alle Kameras sind auf ihn gerichtet. Tumult im Saal. Merkel erstarrt.

Vorwurf-Salve an „Chef-Schlafwandlerin“ Merkel

Zwei Jahre später tut er es wieder. In Binz geht Grieger beim CDU-Parteitag nach vorn. Thema: ein Grundsatzprogramm für die Partei. Merkel hat gerade geredet, wenig gesagt, ist schon wieder gen Berlin verschwunden. Grieger wirkt angespannt. Seine Stimme ist hart; er spricht schnell. Kaum Redezeit. Er bezeichnet die Kanzlerin als „Chef-Schlafwandlerin“, wirft der CDU die „Zerstörung der Autoindustrie“, „eine „katastrophale Agrar- und Umweltpolitik“ und „peinliche Anbiederung an die Endzeit-Sekte Fridays for Future“ vor. Die Digitalisierung sei „auf dem Stand der Dritten Welt“. Kritik wie Salven aus einem Geschütz.

Drei, vier Minuten donnert es durch den Saal. Gesichter entgleisen. Eckhardt Rehberg, Merkel-Vertrauter und Bundestagsmitglied, drischt mit Worten auf Grieger ein. Er sehe die Lebensleistung der Menschen in MV beschädigt, sagt er. Grieger kocht. Genau darum gehe es: Rehberg versuche die Kritik an der Partei-Spitze auf andere umzulenken. „Pluralis Majestatis“, nennt Grieger das. Multiple Persönlichkeit, wie absolutistische Herrscher sie früher sprachlich benutzten.

Profil: Unternehmer, Familienvater, Konservativer

Tage später sitzt Wolfgang Grieger aufgeräumt vor einem Glas Wasser. Hemd und Krawatte hat er gegen einen Pullover getauscht. Seine Augen blicken bohrend. Der 44-Jährige ist Land- und Forstwirt, führt mehrere Firmen südlich Rostocks. Dass er ein Gutshaus bewohnt, soll nicht in der Zeitung stehen. Doch das gehört zur Geschichte. Grieger junior ist der Sohn eines anderen Geschäftsmanns: Prof. Wolfgang Grieger, Rechtsanwalt und Gründer der Firma Ecovis, eines großen Beratungsunternehmens. Grieger junior studierte in England und an der Uni Rostock Landwirtschaft. Er ist verheiratet, hat sechs Kinder. Seit 25 Jahren halte er der CDU die Treue. „Aus Überzeugung.“ Er sitzt in der Gemeindevertretung von Dummerstorf, arbeitet im Konservativen Kreis der CDU. Ein Wertkonservativer.

Die Basis hat ihn wieder zum CDU-Parteitag geschickt. Trotz der ersten Attacke auf Merkel. Oder gerade deshalb? Viele Parteimitglieder würden so denken wie er, sagt Grieger. 2017 habe er viele Anrufe und E-Mails erhalten. „Nur zwei waren kritisch.“ Selbst auf dem Parteitag habe er stattdessen gehört: „Machen Sie weiter so.“

CDU als „Kaste alimentierter Funktionäre“

Merkel lähme die ganze CDU, findet Grieger. „Personenkult“ sei schädlich für die Demokratie. Seine Abrechnung mit der Partei ist hart: Sie sei zur „Kaste alimentierter Funktionäre verkommen“. Die meisten auf dem Parteitag seien finanziell von der Partei abhängig, daher hörig. Angestellte, Mitarbeiter. Nicht Leistung zähle, sondern „bedingungslose Loyalität“. Niemand traue sich mehr, Kritik zu üben. Es werde registriert, wer beim Parteitag wie lange klatscht und wer mit wem redet.

Die CDU müsse sich erneuern, Minister und Funktionäre austauschen, den „Funktionärs-Filz“ durchbrechen. „Caffier, Glawe und Rehberg sind Teil des Problems und nicht der Lösung“, sagt Grieger und geißelt eine „Kultur des Mittelmaßes“. Er plädiere für maximal zwei Legislaturen in politischen Ämtern. Die Partei habe genügend gute Leute, um Posten zu besetzen. Ihm sei „ein Malermeister als Staatssekretär lieber“ als jemand der Dauer-Funktionäre.“ Die Parteistruktur müsse „durchlässiger“ werden.

Partei solle sich wieder um die Sorgen der Bürger kümmern

Er sorge sich um die Zukunft, erklärt der Familienvater. Die CDU habe durch den Kurs vergangener Jahre die „politischen Ränder“ gestärkt. „Die sind nur so stark, weil wir so schwach sind.“ AfD will er nicht sagen. „Je länger wir warten, desto extremer werden die Veränderungen sein.“ Die CDU müsse sich wieder auf ihre Rolle als Volkspartei besinnen. Auf die Menschen, auf Familien mit Kindern und Haus, die auf ein Diesel-Auto angewiesen seien. „Solche Leute zahlen Energiewende und Klimapolitik.“ Parallel vernichte die geduldete Null-Zins-Politik Spareinlagen der Bürger. Angela Merkel reagiere „erratisch“, schlingernd. „Erst dann, wenn das Kind wieder ins Wasser gefallen ist.“

Diese Politik von oben setze sich im Landesverband fort, moniert Grieger. Als Beispiel nimmt er das neue Grundsatzprogramm. Als der Konservative Kreis Änderungen vorschlug, „hat man uns diese um die Ohren gehauen“. Nun sei das Programm „inhaltslos“, austauschbar.

Griegers Versprechen: „Ich werde keine Ruhe geben“

„Es geht nicht um mich“, erklärt Grieger seinen Aufstand. Er habe in seinen Firmen genug zu tun. Aber er werde innerhalb der CDU „keine Ruhe geben, bis wir wieder in ruhigem Fahrwasser sind“. Seine Einstellung sei: „Wenn es nicht läuft, muss man Präsenz zeigen.“ So halte er es auch in der Kirche.

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Von Frank Pubantz

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