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Rostock Die Schatzkammer des Pferdeschusters
Mecklenburg Rostock Die Schatzkammer des Pferdeschusters
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00:00 28.02.2018
Wilfried Fischer schmiedet in seiner Werkstatt mit dem Lufthammer von 1959 einen Ausleger für eine Lampe. Quelle: Fotos: Doris Deutsch
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Klein Schwaß

„Im Jahr 2000 gibt es einen Computer, der beschlägt Pferde“, hatte ihm sein Werkstoffkundelehrer in den 1970er Jahren prophezeit. „Fischer, du musst EDV lernen“, Elektronische Datenverarbeitung, das habe der Ausbilder bezweckt. „Jetzt haben wir 2018 und ich beschlage immer noch Pferde“, sagt Wilfried Fischer, einer der letzten Hufschmiede in Mecklenburg-Vorpommern.

Eine Kiste voller Glücksbringer: alte Hufeisen.

Alle sechs bis acht Wochen braucht ein Pferd neue „Sohlen“. Dann kommt der Pferdeschuster mit seiner mobilen Schmiede, die er in seinem Transporter eingerichtet hat. „Nach der Wende hat das ja sehr zugenommen mit den Pferden“, sagt Fischer. Als Fachmann ist er auf Reiterhöfen ebenso gefragt wie im Rostocker Zoo. Ob Zebra, Ziege, Esel, Pony oder Rentier – Hufpflege muss sein und macht etwa 50 Prozent des Geschäfts von Wilfried Fischer aus. Ansonsten ist das Handwerk heute vor allem in der Denkmalpflege gefragt: Türbeschläge, Dachrosetten, Giebelanker, Balkonornamente, schmiedeeiserne Unikate. Ob am Rostocker Ständehaus, in der Biestower Kirche oder im privaten Auftrag – Fischer hat vielerorts seine handwerklichen Spuren hinterlassen.

Der 60-Jährige ist Schmied in vierter Generation. Urgroßvater Albert hat die Schmiede 1896 in Klein Schwaß gegründet. Opa Hermann und Vater Jürgen haben die Familientradition an gleicher Stelle fortgesetzt. Mit Unterbrechungen. Von 1964 bis 1979 war der Privatbetrieb geschlossen. „Im Zuge des sozialistischen Frühlings“, erzählt Wilfried Fischer. „Das Tor in Klein Schwaß wurde einfach zugemacht, aber alles dringelassen.“

Obwohl er am knisternden Schmiedefeuer groß geworden ist, wollte Wilfried selbst den schweren und schmutzigen Beruf nie ausüben. „Ich hatte 1972 eine Lehrstelle als Kfz-Schlosser inRostock“, berichtet Fischer. Doch die ging im „zweiten sozialistischen Frühling“ unter: Die private Werkstatt wurde aufgelöst, der Ausbildungsplatz war weg. Und so ging er doch beim Vater in die Lehre, der inzwischen als Schmied in der Rostocker Tierklinik tätig war, bevor er 1979 wieder selbstständig wurde und die Familienschmiede in Klein Schwaß zu neuem Leben erweckte. „Landwirtschaftsbetriebe gründeten plötzlich allerorts Reitvereine, aber keiner hatte einen Hufschmied“, denkt Sohn Wilfried zurück. Er selbst blieb in der Tierklinik, machte 1983 seinen Meister und übernahm 1992 die väterliche Schmiede in seinem Heimatdorf.

Die mutet heute wie ein Museum an. Düster, verrußt, verstaubt. Die Zeit scheint stehen geblieben in Fischers Schatzkammer. Er zeigt auf eine Bohrmaschine von 1914, die noch für alte Fahrzeugfedern genutzt werde. „Die macht 75 Umdrehungen in der Minute. Damit kann man Federstahl bohren ohne zu glühen.“ Ein paar Meter weiter steht die Reifenbiegemaschine für Wagenräder. 2017 habe er Stahlreifen auf vier Wagenräder aufgezogen. „Und hier die Stauchmaschine, die habe ich vor dem Schrott gerettet“, sagt Fischer, „aus dem Nachlass von Karl Willi Boeckmann aus Behnkenhagen, Vaters Freund.“

Hunderte Hufeisen hängen und liegen in der Werkstatt. „Das älteste ist ein C35 von 1942.“

Wilfried Fischer ist auch Sammler. „Ich liebe Flohmärkte“, gibt er zu, „und ich komme selten an einem Schrotthaufen vorbei.“ Stegkrampen, Klinkhaken, Schmiedenägel – aus alten Sachen ließe sich immer was machen. Außerdem grübelt er vor einer Restauration manchmal: „Wie hat der Kollege das vor 100, 200 Jahren gemacht, welches Werkzeug hat er benutzt?“ Fischer ist ein norddeutsches Original, das seinen Beruf liebt. Einen Beruf, den es nicht mehr gibt. Denn:„Heute lernt man Metallbauer und Metallgestalter mit Kernbereich Hufbeschlag“, ärgert sich Fischer. „Wenn ich gehe, ist hier Schicht im Schacht“, sagt der zweifache Vater und vierfache Opa. Dann ist seine Kreativwerkstatt, in der er heute auf Nachfrage noch Schmiedekurse für Kinder und Erwachsene gibt, wohl wirklich nur noch Museum.

Doris Deutsch

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