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Rostock Ein Tag im Rostocker Amtsgericht
Mecklenburg Rostock Ein Tag im Rostocker Amtsgericht
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10:04 31.07.2019
Das Amtsgericht Rostock Quelle: Anh Tran
Rostock

Falk W. sitzt im ersten Stockwerk des Rostocker Amtsgerichts und wartet, bis er aufgerufen wird. Vor einiger Zeit beobachtete er einen Autounfall nahe seinem Arbeitsplatz. „Es hat plötzlich laut geknallt und als ich dahin gelaufen bin, hing der Wagen schon im schiefen Straßenschild“, erinnert er sich. W. soll vor Gericht aussagen, da der Autobesitzer Fahrerflucht begangen haben soll. Die Hitze macht dem Zeugen zu schaffen. Er kommt gerade aus der Nachtschicht und wirkt etwas müde. „Sie sind als Zeuge entlassen“, erklären Richter und Anwälte ihm dann. Er könne nach Hause gehen, die Rechtslage sei klar. Deshalb stelle man die weitere Verhandlung ein – eine ganz normale Prozedur an einem normalen Tag im Amtsgericht Rostock.

Hitzige Diskussionen wegen Verkehrsdelikten

Richter Schröder, der den Fall betreute, hat an diesem Tag noch weitere Sitzungen wegen Verkehrsdelikten. „Vorhin hatten wir einen Fall, bei dem eine rote Ampel überfahren wurde. Das ging ganz schnell und hat nur zwanzig Minuten gedauert“, erzählt er. Dass ein einfacher Fall von Geschwindigkeitsüberschreitung ihn über eine Stunde kosten würde, hätte er nicht gedacht.

Der Geschäftsmann Michael K. soll in einer Ortschaft 36 km/h zu schnell gefahren sein. Ihm drohen ein hohes Bußgeld und Fahrverbot. K. erklärt seinen Fehltritt mit dem undurchsichtigen Schilderwald, der nahe der Maut-Stelle des Warnowtunnels herrschen solle. „Wäre mir bewusst gewesen, dass ich zu schnell fahre, hätte ich mein Verhalten sofort angepasst“, sagt er. Ein Fahrverbot möchte er unbedingt vermeiden, weil er beruflich auf das Fahren angewiesen sei.

Für Richter Schröder ist der Fall klar: Eine Video-Distanz-Auswertung beweise den Sachverhalt. Trotzdem fechtet K.s Verteidiger diese an. Eine Diskussion zwischen Richter und Anwalt bricht aus. Schröder wirkt frustriert. „Wir haben hier wöchentlich dutzende solcher Fälle und so einen Beweis anzufechten führt nur ins Leere“, sagt er. Am Ende verhängt der erfahrene Richter ein Bußgeld von 480 Euro. Vom Fahrverbot sieht er ab. Auf Schröder warten an diesem Tag noch einige solcher Verhandlungen.

Gefährliche Körperverletzung und eine freundliche Richterin

Lockere Stimmung trotz schwererer Vergehen herrscht bei Richterin Frauke Klatte. Bei einer Verhandlung wegen gefährlicher Körperverletzung ist sie die Einzige im Saal, die hin und wieder lacht. Die drei Angeklagten sollen drei andere junge Männer im Sommer 2017 nach dem Feiern mit einer Flasche und Schlägen verletzt haben. Einer der Geschädigten wurde bewusstlos geschlagen, die anderen erlitten Prellungen.

Bei den Zeugenaussagen ist die Stimmung angespannt. Der Verteidiger von Harry K., der angeblich mit der Flasche zugeschlagen haben soll, unterstellt den Geschädigten die falsche Wiedergabe des Geschehens und widersprüchliche Aussagen. Dabei haut er immer wieder auf den Tisch. „Was Sie beschreiben, ist einfach falsch“, sagt er zu einem der Zeugen.

Richterin Klatte schlichtet und weist auf den damaligen Alkoholpegel und die verschwommenen Erinnerungen hin. „Wenn alle Anwesenden übereinstimmende Aussagen machen würden, wäre ich um einiges misstrauischer“, scherzt sie. Auch die Staatsanwältin bremst den eifrigen Verteidiger aus: „Formulieren Sie bitte Fragen an die Zeugen und keine Unterstellungen“, fordert sie ihn auf.

Richterin Klatte erklärt ihre lockere Art: „Ich mag es einfach nicht, zu streiten. Jeder kann seinen Standpunkt haben, aber deshalb muss man ja nicht ausfallend werden“, sagt sie. Viele Juristen würden zwar denselben anstrengenden Bildungsweg gehen, jedoch sei es sehr personenabhängig, wie jeder mit dem Beruf umgehe. „Wobei ich letzte Woche einen Fall hatte, bei dem ich ganz anders war. Das lag wohl auch am Verhalten des Angeklagten“, ergänzt sie.

Die Staatsanwaltschaft plädiert am Ende der Verhandlung zügig und sicher für eine Mindestfreiheitsstrafe von drei Monaten oder für hohe Geldbußen. Die Verteidiger wollen die Strafen herunterschrauben. Für sie sei der Tatbestand nicht eindeutig, weil es zu viele unterschiedliche Versionen der Geschichte gebe. Etwas holprig und sich häufig räuspernd plädiert K.s Verteidiger für geringe Geldstrafen. Die freundliche Richterin Klatte spricht die Angeklagten am Ende schuldig und orientiert sich am Plädoyer der Staatsanwaltschaft. Sie erinnert sich an andere derartige Fälle: „Zum Glück ist nicht mehr passiert. Selbst vereinzelte Schläge können schlimme Folgen haben.“

Währenddessen geht es bei Richter Schröder „Schlag auf Schlag“ weiter, wie er sagt. Sieben Sitzungen stehen bis zum frühen Nachmittag auf dem Plan. „Zeit ist eigentlich immer zu kurz hier“, scherzt er. Im Rest des Gebäudes wirkt es trotzdem ruhig. Viele Zeugen warten still vor den Gerichtssälen auf ihre Vernehmung. Einige wirken angespannt. „Es gibt gerade schönere Orte, an denen ich sein könnte“, sagt einer. Nur ein kleines Mädchen im zweiten Stockwerk springt fröhlich herum. Sie kümmern die alltäglichen Rechtsfragen im Amtsgericht Rostock nicht.

Anh Tran

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