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Rostock Ein trockener Rostocker Alkoholiker berichtet: „Die Sucht kann immer wieder kommen“
Mecklenburg Rostock Ein trockener Rostocker Alkoholiker berichtet: „Die Sucht kann immer wieder kommen“
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11:17 24.05.2019
Rolf Holstein ist seit 20 Jahren trockener Alkoholiker. Doch bis heute ist die Erkrankung ein ständiger Begleiter. Quelle: Moritz Naumann
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Rostock

 „Die Sucht kann immer wieder kommen“, sagt Rolf Holstein. Zweimal war der heute 63-Jährige schon stationär in einer Suchtklinik, um vom Alkohol wegzukommen. Mittlerweile ist er seit 20 Jahren trocken. Und dennoch: Der Alkohol ist auch heute noch sein ständiger Begleiter – privat und auch beruflich.

Wenn Rolf Holstein eine Gaststätte betritt, sich an einen Tisch setzt und etwas zu trinken bestellt, dann handelt es sich dabei meist um Saft oder Cola. „Andere bestellen Bier oder Schnaps. Heute stört mich das nicht mehr“, sagt Holstein. Das war einmal anders, denn der Alkohol hat lange den Alltag des gebürtigen Schwaaners bestimmt – und er tut es gewissermaßen noch heute.

Sucht: Eine tägliche Aufgabe

Denn er erhält aufgrund seiner anerkannten Suchterkrankung schon lange die volle Erwerbsunfähigkeitsrente. Das heißt aber nicht, dass er heute untätig ist. Holstein sei nach eigener Aussage nämlich nur deshalb noch trocken, weil er täglich mit seiner Sucht umgeht. „Ich arbeite ehrenamtlich bei der evangelischen Suchtberatung in Rostock.“

Dort betreibt er das Kellercafé – ein Treffpunkt für Gleichgesinnte. Er organisiert den Sonntagsbrunch und Skatturniere, er kocht Essen für die Angestellten, macht mit Klienten der Einrichtung Touren nach Polen und ist Teil der Selbsthilfegruppe „Anonyme Alkoholiker“. „Würde ich das alles nicht machen, hätte ich bestimmt schon einen Rückfall erlebt“, sagt Holstein.

Sieben Jahre trocken nach der ersten Therapie

Im Jahr 1992 musste sich der damals 36-Jährige erstmals eingestehen, dass er ein Alkoholproblem hat. „Ich habe im Gerüstbau auf der Werft gearbeitet. Da gab es eigentlich täglich Alkohol, vor allem wenn wir Spätschicht hatten.“ Heute schüttelt er den Kopf über diese Fahrlässigkeit. „Was da alles hätte passieren können.“ Als er merkt, dass es sich für ihn bei Schnaps und Bier nicht mehr nur um ein Genussmittel handelt, sucht er sich professionelle Hilfe. „Nach der ersten Therapie war ich sieben Jahre trocken.“

Die OZ-Themen zur Rostocker Suchtwoche

Die 26. Rostocker Suchtwoche geht von 20. Mai bis 24. Mai. Die OSTSEE-ZEITUNG begleitet die Themenwoche mit verschiedenen Beiträgen:

Doch er erleidet einen Rückfall. „Ich war zwar arbeitslos und habe gerade eine Umschulung zum Trockenbauer gemacht, aber mir ging es gut.“ Untätigkeit verleite dazu, der Sucht wieder nachzugeben. Holstein geht damals in die Kaufhalle, greift zu Tomatensaft und Schnaps und bereitet sich ein Getränk für den Abend. „Das gab es damals ja in fast jeder Gaststätte.“ Was eigentlich eine Ausnahme sein soll wird zur Routine – zu einem täglichen Ritual. „Irgendwann kam dann auch noch das schnelle Bier hinzu.“

Am Tresen vom Kellerkaffee fühlt sich Rolf Holstein wohl. „Hier finde ich den Halt, den ich brauche“, sagt der 63-Jährige. Quelle: Moritz Naumann

Lieber stationär als ambulant

Der Alkohol macht den 43-Jährigen damals labil. „Ich wurde richtig lustlos. Es ist vor allem die Regelmäßigkeit, die den Alkohol gefährlich macht“, sagt er heute. Er begibt sich abermals in Therapie – stationär in einer Suchtklinik in Feldberg. „Eine Tagesklinik wäre nichts für mich gewesen. Hätte ich Abends zu Hause gehockt, hätte es zu viele Versuchungen gegeben“. Nach drei Monaten kommt er wieder raus und erhält eine ambulante Nachsorge. Anschließend beginnt er seine ehrenamtliche Tätigkeit bei der evangelischen Suchtberatung in Rostock.

Wenn heute neue Klienten dazu stoßen, denkt sich Holstein oft: „Mensch, so war ich auch mal.“ Es sei wichtig, an seinem abstinenten Zustand immer zu arbeiten und sich schnell Hilfe zu holen, sollte man drohen der Versuchung nicht widerstehen zu können. „Ich habe so viele Menschen herkommen sehen. Die dachten: ‚Den Rest schaffe ich schon alleine.‘ Ein paar Jahre später kommen sie wieder.“

Eine andere Familie

Ob die Sucht ihm in seinem Leben etwas verwehrt hat? „Ich hätte gerne eine Familie gegründet, aber der Alkohol hatte in der entscheidenden Phase eine zu hohe Priorität. Ich bin dann lieber mit den Kumpels weg und war einen trinken.“ Einen familiären Halt hat er dennoch gefunden: „Bei meiner Arbeit, in den Selbsthilfegruppen komme ich seit 20 Jahren mit Freunden zusammen. Wir kennen uns alle schon so lange, das ist heute mein Halt – meine Familie“, sagt Holstein und serviert einen Kaffee.

Hier bekommen Menschen mit Suchtproblemen Hilfe

In Rostock gibt es unterschiedlichste Anlaufpunkte, an denen suchtkranke Menschen Hilfe erhalten können. Diese Stellen bieten fast alle Rat zu den gängigsten Suchtstoffen wie etwa Alkohol oder Cannabis. Darüber hinaus sind sie auf bestimmte Themen besonders spezialisiert:

Moritz Naumann

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