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Rostock Wanderschäfer in Mecklenburg: Ein Pfiff und schon pariert die Herde
Mecklenburg Rostock Wanderschäfer in Mecklenburg: Ein Pfiff und schon pariert die Herde
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20:17 27.08.2019
Illustration zu Geschichte über Wanderschäfer Riko Nöller. Quelle: Katja Bülow
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Rostock

Es ist eine ganz eigene Sprache, die Riko Nöller mit seinen Tieren spricht. Mal klingt es wie „Komma, komma hopp!“, mal sind es feine, helle Pfiffe, die weithin über die von sanften Hügeln geprägte Landschaft zu hören sind. Zurzeit ist er mit seinen 600 schwarzköpfigen Fleischschafen in der Nähe von Lohmen, südlich von Güstrow, unterwegs, dirigiert sie gemeinsam mit seinen beiden Hunden überall dorthin, wo es gerade Gras zum Fressen und Wasser zum Saufen gibt.

Schon früh um sechs Uhr sieht man die Herde dort umherziehen – Sommerarbeitszeiten, die der aktuellen Hitzewelle geschuldet sind. Dafür gönnen sich Schaf und Schäfer jetzt mittags eine kleine Siesta im Schatten der Bäume.

Schon Vater und Brüder waren Schäfer

In schweren Lederschuhen, derber Hose und mit einem schwarzen Schlapphut auf dem Kopf steht der 51-Jährige da, stützt sich lässig auf einen aus Rosenholz geschnitzten Stab. Aus seinem bärtigen, braun gebrannten Gesicht blickt er mit ruhigen Augen über die Wiesen. „Mein Vater war schon Schäfer, meine beiden Brüder auch. Es war gar keine Frage, ob ich irgendeinen anderen Beruf anfange.“ Zu jeder Jahreszeit draußen sein, ganz nah an der Natur, mit Tieren arbeiten – „das ist einfach mein Ding“. Die Schafe dauerhaft auf eine Koppel oder gar in einen Stall zu stellen, käme dem gebürtigen Güstrower nicht in den Sinn. Er lacht und wehrt ab: „Ich werd’ doch in meinem Alter nicht mehr anfangen, Kiepen zu schleppen! Im Stall müsste man Futter bringen, dabei können die doch ganz alleine fressen.“

Riko Nöller ist einer der letzten Wanderschäfer in Mecklenburg-Vorpommern. 1990 hat er den Meister gemacht, seitdem verbringt er fast jeden Tag mit seinen Schafen draußen in der Natur.

Fünf bis zehn Kilometer am Tag

Immerhin rund hundert Hektar Land hat der Mann selbst gepachtet, doch allein damit würde er seine Schafe gerade in trockenen Sommern wie diesem nicht satt kriegen. Er treibt sie über extensiv bewirtschaftetes Grünland, auf dem Landwirte keinerlei Dünger ausbringen, über abgeerntete Raps- oder Weizenfelder… Und er ist froh, dass es noch genügend Bauern gibt, die ihm das erlauben. Fünf bis zehn Kilometer am Tag legt er mit seinen wolligen Gefährten zurück – immer zu Fuß, niemals bringt er sie mit dem Lkw irgendwo hin.

Unterstützung von Hunden

Unterstützt wird der Schäfer bei dieser Arbeit von Mohr und Blue, zwei seiner Altdeutschen Hütehunde, die er selbst züchtet und ausbildet. Der elfjährige Mohr ist schon alt und erfahren, hat sein Herrchen bereits bei etlichen Hütewettbewerben begleitet und ist mit ihm gemeinsam einmal Bundessieger und viermal Vizebundessieger geworden. In Blue steckt noch die Ungeduld der Jugend. Nichts zu tun, fällt ihm schwer. Er stupst den Schäfer an, springt an ihm hoch, wird ermahnt. Dann endlich kommt das ersehnte Kommando: „Geh weit, Blue, weit raus!“ Wie ein einziger mit Fell überzogener Muskel jagt das Tier um die Herde herum, treibt sie in die richtige Richtung und passt auf, dass keines der Schafe auf Abwege gerät. Ob er auch mal zubeißt? Riko Nöller versichert mit einem Schmunzeln: „Und ob er das macht. Sonst würden ihn die Schafe gar nicht für voll nehmen, die würden ihn einfach überrennen.“ Wobei er betont: „Er zwackt natürlich nur mal in die Keule, ohne sie wirklich zu verletzen.“

Klischee hat mit Realität nichts zu tun

Klauenpflege, Wurmkuren, ab und an auch Geburtshilfe – das Klischee vom ruhigen Schäferleben hat mit der Realität wenig zu tun, meint Nöller. Gerade die jüngste Lammzeit sei hart gewesen. „Ich hab’ im letzten Jahr viel Begrünung gehütet, gutes Futter. Dadurch sind die Lämmer sehr groß geworden und ich musste wahnsinnig oft helfen.“ Um die Vermehrung seiner Herde unter Kontrolle zu haben, hält der Schäfer die Böcke auf einer gesonderten Weide und lässt sie erst am 18. Dezember wieder zu den Muttertieren. Dort dürfen sie dann bis zum letzten Aprilwochenende bleiben, bis zum traditionellen Schafschurfest in Lohmen.

Es ist ein buntes Spektakel, bei dem die Gäste sehen können, wie hunderte der kleinen Wiederkäuer ihren Winterpelz loswerden. Wobei Schäfer Nöller bedauert: „Mit der Wolle verdient man heute gar nichts mehr.“ 20 Cent pro Kilo gibt der Markt derzeit her. Zu DDR-Zeiten habe er noch 120 Ostmark für die gleiche Menge Reinwolle kassiert. Auch der Fleischpreis ist in den Augen Nöllers heutzutage viel zu niedrig. Lediglich 2,10 Euro bekommt er pro Kilo Lamm als Lebendgewicht. Er schüttelt den Kopf und kommentiert mit leiser Stimme: „Eigentlich ist das lächerlich. Das geht gar nicht.“

Wolf wird zum Problem

Ein weiteres Thema, das ihm die Arbeit manchmal schwer macht: der Wolf. Einmal hatte er den schon in der Herde, als er gerade mit ihr in Tarnow bei Crivitz unterwegs war. Der Räuber kam über Nacht, als Nöller die Tiere mit einem mobilen Zaun eingekoppelt hatte. Er riss fünf Schafe und verletzte einige andere. Der Schäfer blickt traurig zu Boden. „Wölfe sind faszinierende Tiere, aber wenn man einmal betroffen war, dann macht das keinen Spaß mehr.“

Nachfolger gesucht

Was seinen Beruf angeht, möchte er trotz aller Schwierigkeiten mit niemandem tauschen. Sein größter Zukunftswunsch ist, dass sein Unternehmen auch dann weiter existiert, wenn er selbst in Rente geht. Ob eine der Töchter dazu bereit sein wird? „Ich fürchte, die haben schon andere Pläne, aber ich würde mich wahnsinnig freuen und könnte sie auch unterstützen.“

Falls daraus nichts wird, könne er sich aber auch gut vorstellen, später einmal einen Außenstehenden einzuarbeiten. Mit einem Blick über die Herde, die friedlich vor ihm über das Hügelland zieht, erklärt er: „Es wäre doch schade, wenn es das alles irgendwann nicht mehr geben würde.“

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