Enkelin schreibt wegen ihrer Oma im Pflegeheim Brief ans Ministerium: „Wir sollten uns alle für so viel Unmenschlichkeit schämen“
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Rostock Nienhägerin prangert Corona-Regeln in Pflegeheim an: „Sollten uns für Unmenschlichkeit schämen!“
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Enkelin schreibt wegen ihrer Oma im Pflegeheim Brief ans Ministerium: „Wir sollten uns alle für so viel Unmenschlichkeit schämen“

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18:10 25.05.2020
Kathrin Borgwardt aus dem Ostseebad Nienhagen mit ihrer 94-jährigen Oma am Zaun des Seniorenheims im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen.
Kathrin Borgwardt aus dem Ostseebad Nienhagen mit ihrer 94-jährigen Oma am Zaun des Seniorenheims im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. Quelle: privat
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Rostock

Katrin Borgwardt, Bankkauffrau (48) aus dem Ostseebad Nienhagen (Landkreis Rostock), hängt sehr an ihrer Oma Lieselotte, die in einem Seniorenstift in Rostock lebt. Da sie von den Verwandten das engste Verhältnis zur 94-jährigen Großmutter hat, hatte die Familie entschieden, sie im Altenheim als Bezugsperson anzugeben. Damit haben jetzt weder ihre Mutter noch ihr Onkel, also die leiblichen Kinder der alten Dame, Besuchsrecht im Heim.

Empört ist Katrin Borgwardt darüber, dass sie mit ihrer Oma nicht einfach mal einen kleinen Spaziergang in den angrenzenden Gärten unternehmen darf. Das verhindern die Vorgaben des Landes. Die Frau lebe seit nun fast drei Monaten wie in einem Gefängnis, kann sich lediglich auf dem sportplatzgroßen Innenhof des Heims aufhalten. Da die Anlage von Plattenbauten umstellt ist, schaue die Oma täglich auf Mauern, und das sei schlimm für sie.

Katrin Borgwardt fordert dringend ein Umdenken im Umgang mit älteren Menschen während der Corona-Epidemie – und wendet sich direkt ans Sozialministerium und den Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen.

Das schreibt sie an Sozialministerin Drese und Rostocks OB Madsen:

„Ich bin Bürgerin in MV, wohnhaft im Ostseebad Nienhagen. Ich habe drei Kinder, bin verheiratet und arbeite im Homeoffice als Bankkauffrau. Noch vor drei Monaten hätte ich es nie für notwendig gehalten, eine Mail an ein Ministerium zu senden. Seit Tagen hat sich jedoch meine anfängliche Sorge über die Corona-Beschränkungen in Verzweiflung und Wut gewandelt, und es ist mit Eintritt der unterschiedlichen Prioritätensetzung der schrittweisen Lockerungen im Land ein absoluter Glaubwürdigkeitsverlust entstanden.

Wie kann es sein, dass wir im Land Fußballer testen, Fitnessstudios öffnen, Hochzeiten erlauben mit max. 30 Leuten, den Tourismus wieder freigeben, und ich darf – obwohl ich als einzige festgesetzte Person in meiner Kernfamilie bei Einhaltung aller Hygieneregeln und Schutzmaßnahmen (Maskenpflicht, Fieber messen, Gesundheitsprotokoll ausfüllen und Abstand halten) eingetragen bin, nicht einmal mit meiner 94-jährigen Oma außerhalb des Pflegeheims spazieren gehen – kein Einkaufsbummel! Wie würde sich jeder von Ihnen fühlen, wenn er seit fast drei Monaten unfreiwillig eingesperrt wird, nur weil er in einem Pflegeheim lebt.

Meine Oma ist nicht hochdement und auch nicht bettlägerig – zum Glück! Auch sie hat das Recht, ihre letzten Lebenstage frei zu genießen. Sie ist es gewohnt, jeden Tag spazieren zu gehen. Da ihr Heim in einem Hof liegt, schaut sie in alle vier Himmelsrichtungen auf einen Neubau. Sie stellen mit Ihren Maßnahmen das Leben über die Freiheit, dabei kann meine Oma sehr gut ihr Recht für Selbstbestimmung wahrnehmen und selbst entscheiden, was ihr wichtig ist und welches Schutzbedürfnis sie hat.

Wenn Ihnen der Schutz älterer Menschen so wichtig ist, dann bitte ich Sie um Umsetzung konsequenter Teststrategien, sowohl für Mitarbeiter als auch für die Bewohner in Pflegeheimen. Ich würde mich dazu verpflichten, meinen Test als Besucher selbst zu bezahlen. Sie grenzen die Altersgruppe pflegebedürftiger Menschen aus. Der Schutz, den man erreichen möchte, führt immer mehr zu Schaden.

Haben Sie mal mit Betroffenen gesprochen? Ich kenne Fälle von totaler Vereinsamung und psychischer Depression. Ist es das, was man unter Schutzbedürftigkeit versteht? Sie sollten den Wissensvorsprung, den wir zu Corona haben, nutzen und Normalität einfließen lassen. Die Welt eines Bewohners in einem Pflegeheim ist klein. Mit den derzeitigen Maßnahmen wird diese Welt würdelos und somit ist man schnell bei Paragraf 1 des Grundgesetzes.

Bitte schaffen Sie aussagekräftige Maßnahmen für Heimleitungen, die im Moment einen verdammt schwierigen Job leisten müssen, weil auch sie es nicht mehr ertragen können, dass derartige Ungerechtigkeiten und unmenschliche Gegebenheiten nicht durch die Landesregierung geändert werden, obwohl Fallzahlen auf ein niedriges Niveau gesunken sind.

Ich würde niemals meine Oma und auch keinen anderen Heimbewohner oder Mitarbeiter in Gefahr bringen, darum würde ich auch alle Schutzmaßnahmen nach wie vor einhalten, aber es muss einen für mich logischen Grund geben, warum ich das, was ich auf dem Hof im Heim dürfte, nicht außerhalb des Heimes tun darf und dafür gibt es keinen Grund. Es ist neben Homeoffice, Homeschooling und all den Dingen, die ich gerne aushalte, eine absolute Belastung, dass ich meiner Oma keine Antwort auf die Frage geben kann: Kind, ich möchte doch nur mal was anderes sehen und warum darf ich denn nicht mit Maske und Abstand mit dir spazieren gehen?

Sie hat ein sehr bewegtes Leben hinter sich und gerade für mich immer das letzte Hemd gegeben. Dann muss sie so einen Lebensabend verbringen? Wir sollten uns alle für so viel Unmenschlichkeit schämen. Was ist aus den Menschen und ihr Bewusstsein geworden seit Corona? Machen wir die Augen zu? Schalten wir auf Aus, aus Angst vor Verantwortung?“

Diese Antwort kam aus dem Sozialministerium in Schwerin:

Briefe, Mails und Anrufe mit ähnlichen Schilderungen und Forderungen erhalten wir in größerer Zahl. Sie bewegen unser Haus sehr. In stationären Pflegeeinrichtungen stehen alle Verantwortlichen vor einem moralischen Dilemma. Bewohner gehören aufgrund ihres Alters und des Vorliegens von Vorerkrankungen zur Hochrisikogruppe. Eine Infektion in einem Pflegeheim kann schwerwiegende Folgen haben. Über 50 Prozent der bundesweit infizierten Personen sind aus dem Bereich der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen.

Gleichzeitig ist der Kontakt zu engen Angehörigen für die Bewohner von hoher Bedeutung. Das geltende Besuchs- und Betretungsverbot setzt sowohl Bewohner als auch Angehörige einer erheblichen psychischen Belastung aus.

Ministerin Stefanie Drese (SPD) betont: „Wir wissen, wie schwierig die letzten Wochen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen waren. Die Besuchsverbote brechen einem menschlich das Herz. Aber gerade in Pflegeeinrichtungen ist der Schutz der Bewohner sowie der Beschäftigten besonders wichtig.“

Seit dem 15. Mai sind Schritte zur Öffnung unternommen worden. Von den Einrichtungsleitungen kann für eine zuvor festzulegende Besuchsperson je Bewohner für ihren wiederkehrenden Besuch eine Ausnahme zugelassen werden, soweit ein Schutzkonzept vorliegt und die Einhaltung der Hygienestandards gewährleistet ist. Das Land hat ein Expertengremium installiert, das ein Konzept mit Handlungsempfehlungen erarbeitet habe.

Ein Spaziergang außerhalb der Einrichtung ist aufgrund der Gefahr einer Infektionsübertragung von außen nicht möglich. Hier habe die Leitung eine Verantwortung für das Pflegeheim. In Abwägung der unterschiedlichen Schutzbedürfnisse sollen unter Einhaltung von bestimmten Voraussetzungen der Kontakt zum engsten sozialen Umfeld zugelassen und die Einrichtungen schrittweise geöffnet werden. Ziel dieser Ausnahmeregelungen ist es, sowohl die negativen Auswirkungen der sozialen Isolation der Bewohner sowie Nutzer als auch die Belastungen der Angehörigen zu lindern und einen höchstmöglichen Infektionsschutz aufrechtzuerhalten.

Das hat Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen geantwortet:

„Ich habe großes Verständnis für die Situation und werbe sehr dafür, die Testkonzepte von Bund und Land nicht nur zu diskutieren, sondern maximal umzusetzen. Für Menschen aller Altersgruppen vom Kind bis zur Oma sollten sichere Wege in eine gemeinsame Normalität und ein optimistisches Leben gefunden werden. Mehr Eigenverantwortung jedes Einzelnen ist ein wichtiger Schlüssel dafür. Wer respektvoll miteinander umgeht, schützt sich selbst und seine Mitmenschen.“

Katrin Borgwardt will auf jeden Fall weiterkämpfen dafür, dass ihre Oma und andere Senioren möglichst aus der Isolation geholt werden. Sie freut sich über die Antworten, auch wenn die etwas allgemein gehalten sind. Immerhin begrüßt sie die Idee Madsens, mehr testen zu lassen. Ihr Vorschlag: individuelle Lösungen zu erarbeiten, die den lokalen Gegebenheiten, der jeweiligen Eigenverantwortung der einzelnen Betroffenen und ihrer Möglichkeiten gerecht werden.

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Von Michael Meyer