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Rostock Erzieherinnen aus Rostock berichten: So lief der Kita-Alltag in der DDR
Mecklenburg Rostock Erzieherinnen aus Rostock berichten: So lief der Kita-Alltag in der DDR
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07:53 10.11.2019
„Die drei Erzieherinnen“: Ilse Baumann (v. vorne), Elke Gabriel und Cornelia Timm – drei Erziehergenerationen. Die Wende war für sie alle eine abenteuerliche Zeit. Quelle: Katja Bülow
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Rostock

„Es war ein komisches Gefühl, ein bisschen unheimlich.“ Cornelia Timm wird nie vergessen, wie seltsam die Stimmung am Tag nach dem 9. November 1989 in der Seehafenkrippe in der Südstadt war. Die Erzieherin hatte am Vorabend mit einer Freundin vor dem Fernseher gesessen, als sie die Nachricht von der Grenzöffnung hörte. Lachend erinnert sie sich: „Wir haben gedacht, die spinnen. Und wir haben beschlossen: Wenn es doch stimmt, dann fahren wir Samstag zum Einkaufen nach Westberlin.“ Das war Donnerstag.

Als sie am Freitag ganz normal zur Arbeit ging, waren einige Kollegen plötzlich weg. Sie hatten kurzentschlossen das Land verlassen – für immer. Und auch viele Kinder wurden nicht gebracht, weil die Eltern erst einmal mit ihnen verreisten.

Alltag in der Kita Ottostraße in den 1970er Jahren in Rostock. Damals waren es vor allem Arbeiterkinder, die hier betreut wurden. Quelle: privat

DDR-Zeit, Wende-Wirren, Bundesrepublik… Cornelia Timm und ihre Kolleginnen Elke Gabriel und Ilse Baumann, die damals in verschiedenen Einrichtungen arbeiteten und später alle drei in der Kita Kastanienhaus landeten, haben den Nachwuchs unter verschiedensten politischen Vorzeichen betreut. Wobei sie unterschiedlich alt sind und das Geschehen darum manchmal aus unterschiedlichen Perspektiven erlebten. Die Bummi-Zeitung, in der ein Bär mit niedlichem rundem Kopf viele Abenteuer mit dem russischen Teddy Mischka erlebte und Kindern so die deutsch-sowjetische Freundschaft nahe brachte, der ewige Bildungs- und Erziehungsplan, nach dem sich alle richten mussten, die Demos am 1. Mai… Wenn sie heute zusammen sitzen und von früher erzählen, dann sprudeln die Erinnerungen nur so aus ihnen heraus.

„Das war eine schöne Zeit damals“, versichert die 58-jährige Elke Gabriel, die vor der Wende im HO-Kindergarten in der Haedgestraße arbeitete, einer Einrichtung, in der nur Kinder von Mitarbeitern der Handelsorganisation unterkamen – und die nach dem Mauerfall binnen kürzester Zeit geschlossen wurde. Personell seien die Kindertagesstätten damals viel besser ausgestattet gewesen. Ob der Betreuungsschlüssel besser oder schlechter war, darüber sind sich die drei nicht ganz einig. Dafür habe es aber mehrere Reinigungskräfte gegeben, eine Näherin, eine Köchin, eine Wäscherin für die damals üblichen Stoffwindeln… Ilse Baumann, Jahrgang 1949, versichert: „Wir mussten uns um das Drumherum kaum kümmern und hatten dadurch mehr Zeit für die Kinder.“

„Mein Bruder ist Soldat“

Politische Beeinflussung? Cornelia Timm erzählt aus ihrer eigenen Kita-Zeit als kleines Mädchen: „Es gab da zum Beispiel immer einen Themenblock ,Mein Bruder ist Soldat‘. Da mussten wir alle Soldaten malen, die dann auch ausgestellt wurden.“ Später, in ihrer Ausbildung, lernte sie vor allem eines: „Wir sollten die Kinder zu selbstbewussten sozialistischen Persönlichkeiten erziehen.“ An Feiertagen bekamen die Jungen und Mädchen auch mal eine Nelke ins Knopfloch und eine Fahne in die Hand, um, genau wie ihre Erzieherinnen, Solidarität mit der Arbeiterklasse zu bekunden.

Die drei Frauen winken ab: „So war das damals einfach, das war unser Leben und wir haben uns damit wohl gefühlt.“ Wobei Ilse Baumann auch ein paar weniger schöne Erinnerungen hat. Jene zum Beispiel, als eine Kollegin gekündigt wurde, weil ihr Mann Pastor werden wollte. Später, als die DDR schon etwas entspannter mit dem Thema Glaube umging, habe sie wiederkommen dürfen, sei aber immer intensiv beobachtet worden. Ilse Baumann: „Ich fand das albern, die hat die Kinder nie irgendwie kirchlich beeinflusst. Aber einmal hatte sie einen Kalender an die Wand gehängt, auf dem auch eine Kirche mit abgebildet war. Den musste sie sofort abnehmen.“

Eltern wurden erst nach der Wende mit einbezogen

Die 52-jährige Cornelia Timm war 1989 gerade mal 22 Jahre alt. Schon morgens um sechs standen sie und ihre Kolleginnen damals bereit, um die Kinder der Seehafen-Mitarbeiterinnen in Empfang zu nehmen. Die Mütter fuhren aus der Südstadt mit dem Bus in den Hafen und kamen abends wieder, um ihren Nachwuchs abzuholen. Einblicke in die Krippenarbeit? Damals habe es das kaum gegeben. Dass Eltern mit einbezogen werden, zu Festen kommen und auch mit anpacken, wenn renoviert oder eine neue Spielecke geschaffen werden soll, das habe sich erst mit der Wende ganz langsam entwickelt.

Ilse Baumann weiß noch genau, wie seltsam es ihr vorkam, als sie 1990 erstmals auf Dienstreise nach Lübeck Eichholz geschickt wurde, um sich dort eine westdeutsche Einrichtung anzusehen. „Ich muss ganz ehrlich sagen, ich war entsetzt.“ Keine festen Zeiten für Frühstück und Mittagessen, kein Mittagsschlaf, wenige Vorgabe. Die DDR-Erzieherin, die an sehr klare Strukturen gewöhnt war, empfand das als ein heilloses Durcheinander.

Keine Reserven für große Reisen

Zwei oder drei Jahre lang fühlten sich die Erzieherinnen nach der Wende wie in der Schwebe. Alles war im Wandel, der alte Bildungs- und Erziehungsplan galt nicht mehr, die neue Bildungskonzeption gab es noch nicht. Cornelia Timm denkt zurück: „Eine Freundin wollte mich überreden, mit ihr nach Hannover zu ziehen. Aber ich wusste gar nicht, was ich da soll. Ich hab‘ gesagt, ich will nicht, ich krieg vielleicht bald eine Einraumwohnung.“ Reisen? Sie winkt ab: „Pädagogen haben in der DDR ja nicht viel verdient. Ich hab mit 500 Mark angefangen. Ich hatte gar keine Reserven, um irgendwo hin zu fahren.“

Als die Stadt Rostock nach und nach anfing, ihre Krippen und Kindergärten zu privatisieren, kam sie 1998 ins Kastanienhaus in der Kröpeliner Tor Vorstadt. Die dortige Einrichtung hatte zwischenzeitlich schon zweimal den Betreiber gewechselt, war nach der Pleite einer Münchener Firma in die Hände des Instituts Lernen und Leben gekommen. Mit Mitteln des Urban-Projektes konnte der bis dahin kleine und reichlich marode Kindergarten saniert werden.

Und die Erzieherinnen sind sich einig, dass die Arbeit dort deutlich freier sei, als sie es von früher kannten. Elke Gabriel, die heutige Chefin im Hause, erklärt: „ Man hat natürlich immer noch Vorgaben, aber wir können viel flexibler entscheiden, wann wir etwas machen, können uns mehr entfalten.“ Wobei Cornelia Timm mit einem Schmunzeln erinnert: „Zu DDR-Zeiten war eine Erzieherin noch eine echte Respektsperson – für Kinder und Eltern. Wenn die etwas sagte, dann wurde das gemacht.“ Das gäbe es heute so nicht mehr. Ilse Baumann schließlich, die vor sechs Jahren in Rente gegangen ist, kommentiert: „Alles hat seine Zeit und aus der heraus muss man es auch betrachten.“

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