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Rostock FKK vor dem Aus? Von wegen, sagen die Nackten am Ostseestrand!
Mecklenburg Rostock FKK vor dem Aus? Von wegen, sagen die Nackten am Ostseestrand!
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10:20 04.08.2019
Zwei nackte Frauen beim FKK-Sonnenbaden am Strand von Graal Müritz an der Ostsee, aufgenommen im August 1988. In der DDR konnte man FKK, zumindest Nacktbaden, fast überall erleben. Quelle: dpa-Zentralbild
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Warnemünde

Der Sand knirscht zwischen den Zehen, der Rucksack liegt schwer auf dem Rücken. Endlich alles ablegen können, die Kleidung ausziehen und den Wellen entgegenlaufen – so fühlt sich für viele Menschen Freiheit an. Für sie gehört am Strand auch das Nacktsein dazu.

Dennoch scheint diese besondere Form der Freizeitgestaltung - trotz heftiger Hitzewellen - immer mehr aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. „FKK ist überhaupt kein Trend mehr. Die Geschichte der Freikörperkultur ist in eine neue Etappe eingetreten“, sagt der Leipziger Sexualforscher Kurt Starke. Die Kennzeichen dieser Etappe: „Unwesentlichkeit“ und ein neues „Nacktheitstabu“. „FKK ist irgendwie altmodisch und zugleich deliberalisiert. Eine der größten und beliebtesten FKK-Paradiese im Osten war Prerow/Darß“, sagt Starke. „Heute ist FKK dort reduziert auf einen kurzen Abschnitt und kombiniert mit dem Hundestrand.“

FKK entlang der Ostseeküste von früher bis heute

Sogar der Deutsche Verband für Freikörperkultur (DFK), der in diesem Jahr 70 wird und nach Verbandsangaben mehr als 30 000 Naturisten vertritt, stellt fest: „Naturismus hat aber sicherlich nicht mehr den gleichen Stellenwert wie vor einigen Jahrzehnten, was mit der gesellschaftlichen Entwicklung als Solche zusammenhängen könnte.“

Jeden Tag am Strand, immer ohne Badeanzug

Ein Spaziergang am Ostseestrand von Warnemünde zeigt jedoch: es gibt sie durchaus noch, die Nackten, die sich nicht von ihrer Liebe zur Freikörperkultur abhalten lassen. Für sie gehört das einfach dazu, viele kennen es noch aus der Kindheit.

Kathrin Seger aus Bernau bei Berlin ist eine von den frühen Badern am Strandaufgang 19, wo der FKK-Abschnitt in Warnemünde beginnt. Sie ist mit ihrem Mann jedes Jahr im Ostseebad – und immer nackt am Strand. „Für mich ist das einfach körperliche Freiheit“, sagt sie. Dass immer weniger Leute diese Ansicht teilen, bemerkt auch sie: „Die jungen Leute lernen das heute einfach nicht mehr so kennen. Und mittlerweile wird immer mehr öffentlich gezeigt.“ Das sei früher nicht so gewesen.

Auch Bernd und Bärbel sind jeden Tag nackt am Strand, egal in welcher Jahreszeit. „Für uns ist das auch Körperkultur. Ich fühle mich wie neu geboren, wenn ich hier schwimmen gehe“, erzählt Bärbel. Das Baden gebe ihr neue Energie und Lebensfreude – bei jedem Wetter. Schon seit der Kindheit gehen die beiden an FKK-Strände. „Jeder wie er mag, da macht man ja niemanden einen Vorwurf“, beruhigt Bärbel. Nur die Leute, die sich nicht an die Textilfreiheit auf dem Strandabschnitt halten, sorgen für Ärgernisse. Da fühle man sich schnell unwohl, sagen die beiden.

FKK war vor allem ein Trend im Osten

Dabei hat FKK in Deutschland eine lange Tradition, wie Forscher Kurt Starke im Kapitel „Nacktheitstau“ seines jüngsten Buches schreibt. Die Anfänge liegen in Deutschland um 1900. „Die Nacktkultur wurde von verschiedenen Schichten getragen und hatte demzufolge unterschiedliche Hintergründe und Formen.“ Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg breitete sich die Freikörperkultur stark aus.

Von 1945 an wurden dann für die FKK-Anhänger eigene Badestrände am Meer und an Seen und vor allem Zeltplätze abgetrennt oder eingerichtet.In den 1970er Jahren wurde das Nacktbaden dann zu einem kleinen Trend, „oben ohne“ auch bei Frauen war keine Besonderheit mehr. „So richtig durchgesetzt hat sich FKK in Deutschland aber nicht - außer im Osten.“ Und inzwischen sei der Peak überschritten.

Jeder sollte selbst entscheiden dürfen

„Ich selbst bade nicht am FKK-Strand, das ist nicht so mein Ding“, sagt Andreas Nikoleit. Der IT-Projektleiter ist mit seiner Familie im Urlaub in Warnemünde. Sein Eindruck ist, dass vor allem Ältere das FKK-Angebot nutzen: „Ich denke, dass die Tradition noch aus der DDR-Zeit stammt. Damals war das eine ganze Bewegung“, so Nikoleit. „Auch wenn ich es nicht selbst mache, sollte doch jeder selbst entscheiden und machen, wie er will“, sagt er mit Blick auf die Erhaltung der Freikörperkultur. Dass die Strandabschnitte getrennt sind, findet der IT-Projektleiter aber aus Rücksicht auf alle angebracht.

Seine Frau hat Oliver Bormann zum FKK gebracht: „Da habe ich meine Scham überwunden. Wenn es viele machen, macht man automatisch mit“, erzählt der Berliner. Julia Habricht kennt es nicht anders, für sie gehört das Nacktbaden schon seit der frühen Kindheit dazu. „Es ist einfach natürlich. Und man ist ohne die Sachen ja auch viel schneller wieder trocken, das ist angenehm“, erzählt die Verkäuferin. Auch für ihren achtjähriger Sohn gehört es dazu. „Das ist einfach eine Kultur, die sollte man akzeptieren“, sagt Bormann.

Je jünger, desto skeptischer

Was alle anmerken: Jugendliche seien heute kaum an den FKK-Stränden zu sehen. „Ich fühle mich dabei ein bisschen unwohl und einfach beobachtet“, erzählt Lisa Mittendorff. Das sei zwar wahrscheinlich überhaupt nicht so, trotzdem könne sie das Gefühl nicht abschütteln, sagt die 18-Jährige. Auch Leon Greiling bleibt dem FKK-Strand lieber fern: „Ich finde es unangenehm, sich so vor anderen Leuten zu zeigen. Das kann ich nicht“, erzählt der Student.

Dass die Freikörperkultur am Strand aussterben wird, glauben sie allerdings nicht. Zum einen hänge es viel von der jeweiligen Familie und deren Gewohnheiten ab, andererseits auch vom Typ Mensch. Dass die Bewegung noch einmal neuen Schwung aufnehmen könnte, schließen Greiling und Mittendorff nicht aus: „Dafür bräuchte es allerdings mehr Akzeptanz, es müsste normaler werden. Dann muss man sich auch nicht mehr so unwohl fühlen“, sagt Mittendorf.

Der neue DFK-Vorsitzende Wilfried Blaschke hat ebenfalls Hoffnung. Zwar werde die FKK-Bewegung auf dem Land „alt und immer älter“. Aber: „Wir haben ein Gefälle zwischen Stadt und Land – und in der Stadt ist es deutlich wieder am steigen. Die Stadt ist liberaler geworden, das Land ist da, wo es immer war“, sagt Blaschke. „Die Leute, die sich dazu wieder hingezogen fühlen, sind junge Familien. Den Kindern ist doch wurscht, ob sie eine Badehose anhaben oder nicht.“

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