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Rostock Forscher: Rostock hat zu viele Privatschulen
Mecklenburg Rostock Forscher: Rostock hat zu viele Privatschulen
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23:19 17.12.2018
Unterrichtsituation am Rostocker Christophorusgymnasium: Schülerin Chiara Maluck steht mit Lehrer Ralf Skopnik im Sport-Übungsleiter-Unterricht vor der Klasse 12a1. (Symbolbild)
Unterrichtsituation am Rostocker Christophorusgymnasium: Schülerin Chiara Maluck steht mit Lehrer Ralf Skopnik im Sport-Übungsleiter-Unterricht vor der Klasse 12a1. (Symbolbild) Quelle: OVE ARSCHOLL
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Stadtmitte

Teilt sich Rostock immer mehr in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft? Gerade hat eine Studie festgestellt, dass in der Hansestadt Arme und Reiche strikt getrennt voneinander leben (die OZ berichtete). Eine weitere Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) für Sozialforschung zeigt nun: Fast 25 Prozent aller Grundschulen in Rostock befinden sich inzwischen in freier Trägerschaft. Bei der gymnasialen Oberstufe sind es sogar rund 50 Prozent. Und: „Es ist bezeichnend, dass die privaten Schulen ausschließlich in jenen Stadtteilen angesiedelt sind, wo kaum arme Eltern wohnen“, sagt Studienleiter Marcel Helbig.

Während es zum Beispiel in Lütten Klein, Groß Klein, Schmarl oder Lichtenhagen nicht eine einzige Privatschule gebe, reihen sich die Angebote in Reutershagen, Südstadt, Innenstadt, KTV und Brinckmansdorf dicht aneinander. Helbig spricht von einem Parallelsystem: „Höhere Schichten kaufen sich eine bessere Bildung ein.“ Das passe aber nicht zu einer Gesellschaft, die für Chancengleichheit sorgen wolle.

Auch stehe diese Entwicklung in einem Spannungsverhältnis zum Grundgesetz. „Hiernach sollen Privatschulen die Sonderung nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht fördern und private Grundschulen nur dort eröffnet werden, wo die Unterrichtsverwaltung ein ,besonderes pädagogisches Interesse' anerkennt“, sagt Helbig.

Land ist zuständig

Rostocks Schulsenator Steffen Bockhahn (Linke) sieht für die Stadt jedoch kaum Steuerungsmöglichkeiten. „Es gibt eine gesetzliche Grundlage für Schulen in freier Trägerschaft.“ Und dafür sei das Land zuständig. „Wir stellen uns dem Wettbewerb, indem wir die Ausstattung und den Bauzustand unserer Schulen verbessern“, sagt Bockhahn. 26 Millionen Euro investiere die Stadt hier allein in diesem Schuljahr. „Wir sind auf einem guten Weg“, so der Senator. Das öffentliche Schulnetz sei deutlich besser als sein Ruf, auch wenn es schwerfälliger sei.

Anja Ritter, Vorsitzende des Stadtelternrates in Rostock, betont jedoch: „Ohne die privaten Grundschulen hätten wir in Rostock ein Versorgungsproblem.“ Die Schulen in privater Trägerschaft böten den Eltern oftmals das, was der Staat nicht zahlen möchte, so Ritter. „Die Eltern wünschen sich einen geschützten Bereich, in dem sich jedes Kind frei entwickeln kann.“ Heißt im Klartext: „Kleine Klassen, individuelle Förderung, Reformpädagogik und einfach guter Unterricht.“ Dies könne jedoch „ungestraft“ keine staatliche Schule bieten. „Wenn eine staatliche Schule solche Angebote offeriert, wird systembedingt zum nächsten Schuljahr das Stundenkontingent gekürzt, da dies kein effizienter Einsatz von Ressourcen darstellt“, sagt die Stadtelternratschefin.

Dennoch gebe es in Rostock durchaus öffentliche Schulen mit einem sehr guten Ruf. Die Jenaplanschule in der Innenstadt sei zum Beispiel mit den meisten Privatschulen gleichzustellen. „Solche Schulen brechen jedoch unter der Last an Aufnahmewünschen zusammen“, sagt Ritter. Trotz dieser starken Nachfrage habe es bisher im staatlichen Schulnetz keine Anpassung gegeben. „Und genau in diese Lücke drängen die Privatschulen.“

Freie Träger setzen auf besondere Konzepte

Das Institut für Lernen und Leben (ILL) etwa setzt als freier Träger auf die Kreativitätspädagogik. „Als Ganztagsschule wollen wir bei all unseren pädagogischen Angeboten die individuelle Kreativität der Kinder wecken und fördern, um so eine Verbindung zwischen Fantasie und Wissen, zwischen Verstand und Gefühl zu schaffen“, sagt ILL-Sprecherin Henrike Thaut. Die Schulgebühren seien gestaffelt und beginnen in der Grundschule bei 90 Euro.

Bei der Standort-Auswahl für die ILL-Schulen in Rostock spiele aber nicht der Geldbeutel der Eltern eine Rolle, sondern die Nachfrage. „Mit der Gründung unserer Grundschule in der Blücherstraße 2005 decken wir unter anderem einen dringenden Bedarf an Schulplätzen ergänzend zum Angebot der öffentlichen Schulen in diesem Sozialraum ab“, sagt Thaut.

Nach Angaben des Landesbildungsministeriums wird vor der Genehmigung einer privaten Schulen geprüft, dass durch das Schulgeld keine Sonderung nach den Besitzverhältnissen der Eltern herbeigeführt werde. „Hierfür haben die freien Schulen unterschiedliche Konzepte. Es gibt zum Beispiel an einigen Schulen ein durchschnittlich niedriges Schulgeld für alle oder einkommensabhängige Schulgeldstaffelungen oder Stipendien für einen festgelegten Prozentsatz der Schüler“, sagt Ministeriumssprecher Henning Lipski. Bei Fehlentwicklungen könne das Bildungsministerium die Betriebsgenehmigung zurückziehen.

Schülerzahlen steigen

In Rostock gibt es derzeit insgesamt 44 kommunale und 17 freie Schulen. Insgesamt sind hier im August 19 467 Schüler in das Schuljahr 2018/2019 gestartet. Zugleich begann für 7 750 Schülerinnen, Schüler und Auszubildende der Unterricht an den beruflichen Schulen in der Hansestadt.

Die Gesamtzahl der Schüler in Rostock ist in diesem Schuljahr noch einmal leicht gestiegen. Allein an kommunal getragenen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen beträgt der Zuwachs 1 197 Schüler. Das entspricht einem Plus von 5,6 Prozent.

André Wornowski

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