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Rostock Ein Holländer bringt Evershagen zusammen
Mecklenburg Rostock Ein Holländer bringt Evershagen zusammen
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06:00 15.06.2019
Gerrit van Dijk will in Evershagen für mehr Zusammenhalt sorgen. Seit eineinhalb Jahren organisiert er im Zentrum des Stadtteils einen Kaffeetreff. Quelle: Moritz Naumann
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Rostock

 Wie kann die Kirche wieder attraktiver und relevanter für die Menschen werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich Gerrit von Dijk schon ein ganze Weile – und er macht die Probe auf´s Exempel. Der Versuchsort des Holländers: Rostock-Evershagen. Sein Werkzeug? Ein Fußball, Kaffee und immer ein offenes Ohr.

Jeden Mittwoch um 8.30 Uhr holt Gerrit van Dijk den Pavillion, ein paar Stehtische und die Kaffeekanne heraus. Damit postiert er sich auf dem Edeka-Parkplatz in der Berthold-Brecht-Straße in Rostock-Evershagen. „Ich habe mich bei den Menschen umgehört. Und was ihnen fehlt ist Zusammenhalt, eine Gemeinschaft“, sagt der 29-Jährige.

Trost im Glauben

Van Dijk kommt eigentlich aus Groningen in den Niederlanden. Er wird christlich erzogen und entscheidet sich nach seinem Schulabschluss zu einem Theologiestudium. Warum? „Als ich 15 Jahre alt war, erkrankte meine Mutter an Krebs. Kurz darauf verstarb sie. Ich habe mir daraufhin die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Ich war auf der Suche nach Beständigkeit, nach dem was bleibt“, sagt van Dijk heute. Er findet Trost im Glauben. „Er gibt Halt und Relativierung.“

Schon recht früh erkennt er jedoch, dass die heutige evangelische Kirche für viele Menschen kein Anlaufpunkt mehr ist. Er macht es sich zur Aufgabe, herauszufinden, wie die Institution wieder Relevanz für die Menschen bekommen kann. Nach dem Abschluss seines Studiums wird er über eine kirchliche Netzwerkorganisation auf das Patchwork-Center-Projekt in Schwerin-Dreesch aufmerksam. Seine Eingangsfrage definiert er nun weiter aus: „Wie kann in einer postsozialistischen Gesellschaft, in der der Glaube immer wieder marginalisiert wurde, heute Kirche stattfinden?“

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Ein Holländer für Evershagen

Um das herauszufinden, wagt er einen mutigen Schritt: Gemeinsam mit seiner Frau Jorine macht sich van Djik im Jahr 2015 auf den Weg nach Rostock-Evershagen, um hier für die freie evangelische Gemeinde (FEG) zu arbeiten. „Diese Institution bietet einfach einen sehr fokussierten Blick auf Innovationen und deshalb passe ich hier sehr gut rein“, sagt van Dijk.

Und warum Rostock Evershagen? „Es fehlt hier an Begegnungsorten und kulturellen Veranstaltungen. Viele Menschen sind hier einsam und gehen kaum noch raus.“ Van Djik zieht direkt ins Zentrum des Stadtteils. „Um wirklich zu verstehen, wie und was ich bewegen kann, ist es wichtig, dass ich Teil der Nachbarschaft bin“, sagt der 29-Jährige. Ein Büro hat er nicht. „Ich bin seit vier Jahren mobil unterwegs. Ein Büro bietet immer auch eine Hemmschwelle. Ich treffe die Leute dort, wo sie sich natürlich bewegen.“

Begegnungen für Groß und Klein

Um die Jugend von Straße und Bildschirmen zu holen, bietet er seit über drei Jahren jeden Donnerstag Fußball an. „Mittlerweile kommen bis zu 25 Kinder auf den Bolzplatz, oft auch begleitet von ihren Vätern, die dann mitkicken.“ Verbindlichkeit sei wichtig. Auch bei Regenwetter stellt sich van Dijk dann auf den Platz, „selbst wenn dann nur fünf Kinder kommen“.

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Und darüber hinaus bietet der Holländer seit eineinhalb Jahren etwas einfaches, aber wirkungsvolles: Einen Kaffeetreff im Herzen von Evershagen. „Die Menschen hier nehmen das gerne an. Sie öffnen sich, sie reden miteinander und freuen sich in ihrem Umfeld Anschluss zu bekommen.“ Jeden Mittwoch zwischen neun und zwölf Uhr holt van Dijk dafür einen Pavillion und eine Biertischgarnitur hervor. Etwa 30 bis 40 Personen kämen mittlerweile regelmäßig.

Mit einem Transporter zu mehr Kultur

In diesem Jahr will van Dijk sein Engagement noch erweitern. „Wir haben über Kontakte einen Transporter besorgt – einen VW Crafter.“ Im Moment werde dort eine kleine Küche eingebaut. Mit dem Transporter will er dann nicht nur das Straßenkaffee wetterunabhängig anbieten, sondern noch weitere Veranstaltungen und Begegnungsstätten etablieren. „Ich denke da etwa an ein Feierabendkaffee in dessen Rahmen auch lokale Künstler und Musiker eine Auftrittsmöglichkeit bekommen sollen. Denn wir brauchen dringend Kultur in Evershagen“, sagt der studierte Theologe.

Viele begegnen dem Holländer skeptisch wenn sie hören, dass er für die Kirche arbeitet. „Das ist automatisch eine Hemmschwelle.“ Es sei jedoch nicht sein Anspruch zu missionieren: „Wir wollen zuhören und Gutes für die Nachbarschaft tun. In dem Zuge wollen wir aber natürlich auch zeigen, zu was der Glaube im Stande ist.“ Die Berührungsängste und negativen Bilder, die Menschen in Verbindung mit der Kirche haben, seien überholt: „Wir sind nicht mehr das, wo vor sie Angst haben. Wir wollen helfen.“

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