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Rostock Gesund statt high? Cannabis erobert Mecklenburg-Vorpommern
Mecklenburg Rostock Gesund statt high? Cannabis erobert Mecklenburg-Vorpommern
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08:50 03.12.2019
Alexander Lorenzen betreibt seit 2005 ein, wie er es nennt, „Fachgeschäft für alternative Rauchkultur“. Als er vor zwei Jahren CBD-Blüten verkaufte, hat die Polizei das gesamte Sortiment beschlagnahmt. Quelle: Moritz Naumann
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Rostock

Drei große Buchstaben stehen für eine Reihe von Trendprodukten, die sowohl Gewerbetreibende, Justiz als auch Mediziner beschäftigen: CBD. Das Kürzel steht für Cannabidiol und dabei handelt es sich um einen natürlichen Inhaltsstoff der weiblichen Cannabispflanze.

Studien belegen eine medizinische Wirkung und gerade das sorgt für Unklarheiten im juristischen und gewerblichen Umgang mit dem vermeintlichen Wundermittel, das nun auch vermehrt in Mecklenburg-Vorpommern auftaucht.

Seit 19. Oktober prangt ein großes Hanfblatt an einem Geschäft in der Wismarschen Straße in Rostock. Dahinter verbirgt sich der Shop „Mr. Cannabis“. Verkauft werden hier lediglich Produkte auf Basis einer Pflanze, die gemeinhin dafür bekannt ist, Menschen in einen berauschten Zustand zu versetzen.

Doch Nyko Bremer, der den Shop als Franchisenehmer eröffnet hat, widerspricht: „Von diesen Produkten wird niemand high.“ Doch was wird hier überhaupt verkauft?

CBD: Ein berauschender Trend?

„Öle, Parfüms, Getränke, Liquids für E-Zigaretten und auch Cannabis-Blüten“, sagt Bremer. Die Produkte beinhalten CBD, das im Gegensatz zum THC (Tetrahydrocannabinol) weder berauschend noch psychoaktiv ist. „Produkte auf CBD-Basis sind ein Trend. Mit was anderem hätte ich mich nicht selbstständig gemacht und Rostock hatte da noch Nachholbedarf“, sagt Bremer, der den Shop als Franchisenehmer eines Hamburger Unternehmens betreibt.

Seit Oktober prangt in der Wismarschen Straße dieses Schild an einer Häuserwand. Dahinter verbirgt sich ein Geschäft, dass Produkte auf Basis der Hanfpflanze verkauft. Quelle: Moritz Naumann

In ganz MV haben zahlreiche Geschäfte für Rauchzubehör CBD-Produkte ins Sortiment aufgenommen. So kann man vor allem Öle und Liquids in Wismarer, Stralsunder, Greifswalder und Schweriner Rauchshops erhalten. Auch Drogerien, wie Rossmann und DM, haben zwischenzeitlich solche Produkte vertrieben.

Außerdem will „Mr. Cannabis“ expandieren: Nyko Bremer habe sich die Rechte gesichert, in Schwerin und Greifswald weitere Filialen zu eröffnen. Doch was macht CBD zu einem Trend? Und wie wirken die Produkte?

Gesund dank Cannabis?

„CBD hat nachweislich eine entkrampfende, entzündungshemmende, angstlösende und übelkeitslindernde Wirkung“, sagt Prof. Dr. Bernhard Rauch vom Institut für Pharmakologie von der Universität Greifswald. Er ist in einer Expertenkommission, die auch beratend für das Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) tätig ist. „Dort beschäftigen wir uns mit Grenzprodukten, die zwischen Pharmakologie und Lebensmitteln liegen.“ Und dazu gehöre auch CBD.

Bildergalerie: Das Trendprodukt in Bildern

CBD-Produkte sind in MV auf dem Vormarsch. Doch auch die Gesetzeslage zu medizinischem Cannabis hat sich in den vergangenen Jahren gelockert.

Der Rostocker Klaus Meyer (Name von der Redaktion geändert) nutzt CBD-Öl seit einigen Monaten: „Ich leide schon lange an einer Kalkschulter und konnte weder schwer heben noch meinen Arm weit vom Körper strecken.“ Ärzte und Physiotherapeuten hätten ihm eine zweijährige Behandlung prognostiziert.

„Als ich die Therapie begonnen habe, habe ich zeitgleich mit der Einnahme von CBD-Öl angefangen. Nach vier Monaten war ich fast beschwerdefrei“, sagt Meyer. Jedoch sei die Einnahme von Cannabis-Produkten noch immer stigmatisiert – auch weil die Grenzen von Legalität und Illegalität verschwimmen.

Beschlagnahmt und vernichtet

Deutlich macht dies das Beispiel des Rostocker Pegasus-Shops. Inhaber Alexander Lorenzen bezeichnet den Laden als „ein Fachgeschäft für alternative Rauchkultur“. Er hat bereits vor zwei Jahren CBD-Produkte vertrieben.

Darunter waren auch Blüten der Pflanze. „Doch dann hat die Polizei das ganze Blütensortiment beschlagnahmt und vernichtet“, sagt Lorenzen. Seither verkauft er nur noch verarbeitete Produkte, wie Öle, Salben, Schokolade und sogar Zäpfchen. „Ich hab mir ein blaues Auge geholt.“

Cannabis als Heilmittel

Israelgilt als eines der Länder, die bisher am weitesten mit der medizinischen Erforschung von Cannabis sind. Seit drei Jahrzehnten werden die Inhaltsstoffe an Krebspatienten mit großem Erfolg getestet und mittlerweile auch bei Krankheiten wie Parkinson, Multiple Sklerose sowie psychischen Störungen angewandt.

Die Universität Rostock hat 2008 den Mechanismus der Antikrebswirkung von Cannabinoiden nachgewiesen. Diese Substanz blockiere über die Bildung eines Hemmstoffs bestimmte Enzyme, mit deren Hilfe sich Krebszellen ungehindert im Körper ausbreiten.

Im Januar 2017 beschloss der Bundestag das Gesetz zur „Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“. Am 10. März desselben Jahres trat es in Kraft. Seitdem können Cannabisblüten, Extrakte aus Cannabis sowie Arzneimittel mit den Wirkstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und Nabinol von Ärzten zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verschrieben werden.

Medizinisches Cannabis darf laut dem Gesetzgeber nur Patienten mit „schwerwiegenden Erkrankungen“ verabreicht werden. Konkretisiert wird dieser Begriff allerdings nicht. Viele Ärzte sehen Cannabis-Arzneien kritisch, da es bisher keine klinischen Studien zu Wirkungen und Nebenwirkungen gibt.

Doch wie ist die Gesetzeslage? Warum werden Blüten beschlagnahmt, aber Öle & Co. nicht? „Cannabidiol ist als Reinstoff derzeit nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt“, sagt Juliane Söhnchen, Richterin und Referentin im Justizministerium. Kurios: Handelt es sich jedoch um Produkte, die auf Basis der Cannabis-Pflanze hergestellt wurden, fallen diese hingegen darunter.

Cannabis: Nicht für den Endverbraucher

Die Bundesregierung versucht es mit Ausnahmen: Demnach seien Pflanzen und Pflanzenteile ausgenommen, die aus Ländern der Europäischen Union mit zertifiziertem Saatgut stammen. Der Gehalt des berauschenden Tetra­­hydro­canna­bi­nol (THC) darf dabei 0,2 Prozent nicht übersteigen.

Und: „Der Vertrieb darf ausschließlich zu gewerblichen oder wissenschaftlichen Zwecken geschehen, die einen Missbrauch zu Rauschzwecken ausschließen“, sagt Söhnchen.

Das bedeutet: Für den Konsum dürfen Produkte auf Hanfbasis nicht an den Endverbraucher verkauft werden. Und bei CBD-haltigen Produkten, die die Ausnahmeregelungen erfüllen, muss gewährleistet sein, dass durch Extraktion kein Rauschmittel geschaffen werden kann.

Bei dem Verkauf von Blüten bestehe diese Gefahr, weshalb die Polizei diese regelmäßig aus dem Verkehr zieht. Trotz der eigenen Erfahrungen und rechtlichen Hindernisse glaubt Lorenzen an die Zukunft dieser Produktsparte. Am 15. November hat er gar einen CBD-Shop in Berlin eröffnet. „Ich habe mittlerweile viele ältere Menschen, die mir berichten, dass es ihnen besser gehe, seit sie CBD kennen.“

Unkontrollierbares Wundermittel?

Prof. Dr. Bernhard Rauch sieht den Vertrieb von CBD-Produkten jedoch kritisch. „Wir wissen, dass CBD eine Wirkung auf den menschlichen Organismus hat und deswegen darf man es nicht verharmlosen.“

Bei einer Deklaration als Lebensmittel bestehe die Gefahr, dass die Auswirkungen unkontrollierbar sind – gerade wenn man die Dosierung ständig erhöhe. Als Medikament könne es hingegen in vielerlei Hinsicht helfen.

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Von Moritz Naumann

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