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Rostock Grönemeyer „Zur Zeit läuft's gut!“
Mecklenburg Rostock Grönemeyer „Zur Zeit läuft's gut!“
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10:54 30.05.2015
Immer noch mit beeindruckender Bühnenpräsenz: Herbert Grönemeyer (59) ist mit seinem Album „Dauernd jetzt“ auf Sommertour. Quelle: Britta Pedersen/dpa
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Rostock

OSTSEE-ZEITUNG: Sie haben die Vorbereitungen für Ihre aktuelle Tour wieder an die Ostseeküste verlegt. Warum haben Sie sich erneut Rostock dafür ausgesucht?

Herbert Grönemeyer: Vor der „Schiffsverkehr“-Tour 2011 haben wir hier auch geprobt, damals waren wir auch schon sehr angetan von den Bedingungen. Unser Hotel liegt direkt an der Hafeneinfahrt. Man hat hier nicht nur einen schönen Blick, hier bekommt man schnell den Kopf frei und setzt sich aufs Fahrrad oder geht an den Strand. Das gefällt mir. Hier kann man gut durchlüften und Schiffe gucken.

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OZ: Es gibt immer Schiffsverkehr – so wie Sie Ihr Album 2011 genannt haben.

Grönemeyer: Ja genau.

OZ: Gibt’s zum Thema Schiffsverkehr eigentlich eine Vorgeschichte?

Grönemeyer: Naja, den Albumtitel hat damals so richtig wohl keiner verstanden. (lacht). Aber ich liebe es, auf dem Meer zu sein und am Meer zu sein. Das hat auch damit zu tun, dass ich als Kind im Sommer immer an der See war, damals sind wir mit der Familie im Urlaub nach Holland gefahren. Es war immer so ein Gefühl von Freiheit und Fernweh. Auch als ich mein Album in Stockholm aufgenommen habe, war dieses Gefühl wieder da. Dort fuhren die Schiffe immer rein und raus.

OZ: Jetzt geht es mit dem neuen Album „Dauernd jetzt“ auf Tour. Wie sind denn die Proben bislang gelaufen?

Grönemeyer: Die grundsätzlichen Sachen waren schnell geklärt, so zum Beispiel die Bühnengestaltung. Wir haben dann erstmal an der Songauswahl gearbeitet. Denn wenn man mit einer neuen Platte auf Tour geht, muss man eben auch auf alte Lieder verzichten. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Denn wir müssen bei unserer Setlist auch überlegen, welche Titel wir nicht weglassen dürfen. Das gilt zum Beispiel für Songs wie „Männer“, „Was soll das?“ oder „Alkohol“.

OZ: Wie verlaufen denn die ersten Arbeiten an einer neuen Platte?

Grönemeyer: Fünf bis sechs Songs hatte ich schon fertig, dann kommt die Verfeinerung in Studio. Textlich braucht es manchmal auch viele Versionen. Für meinen Song „Uniform“ hab ich zum Beispiel so 14, 15 Seiten Text geschrieben. Das ist wie ein Bild zu malen – laufend ergänzt man etwas. Zum Titel „Neuer Tag“ gibt es dagegen einen Text, der fast intuitiv entstanden ist.

OZ: Und das ist ja nicht Ihr einziges musikalisches Projekt derzeit.

Grönemeyer: Kürzlich habe ich für die „Faust“-Inszenierung von Robert Wilson am Berliner Ensemble drei Stunden Musik geschrieben. Das war eine Menge Arbeit. Zur Zeit läuft’s gut! Ich habe jetzt sogar schon einige Stücke für die nächste Platte.

OZ: Haben eigentlich Ihre Kinder Einfluss auf Ihre Songs, spielen Sie ihnen was vor?

Grönemeyer: Ja, manchmal schon, dann gibt es auch interessante und hilfreiche Meinungen. Meine Kinder sind gute Berater, manchmal auch scharfe Kritiker. Sie haben auch einen anderen Blick, sind anders sozialisiert, weil sie in London aufgewachsen sind.

OZ: Merken Sie diese britische Prägung sonst auch?

Grönemeyer: Zur vorletzten Fußball-WM hatte sich mein Sohn die Haare schwarz-rot-gold gefärbt. Das war in London, wohlgemerkt! Ich hab mir damals nur gedacht: Na, hoffentlich geht das gut. Aber alle fanden es klasse, da hab ich auch festgestellt, dass wir uns viel mehr als Europäer definieren als noch von zwanzig Jahren. Die Generation, die nach der deutschen Wiedervereinigung aufgewachsen ist, geht sowieso mit der Geschichte viel lockerer um.

OZ: Sie haben sich immer auch politisch geäußert, in eigenen Liedern und auch auf der Bühne. Im letzten Winter haben Sie in Dresden an einem Anti- Pegida-Konzert teilgenommen. Was macht Sie zur Zeit sonst noch wütend?

Grönemeyer: Was die großen Politikthemen angeht, bewegt mich zur Zeit am stärksten die Flüchtlingsproblematik. Vor längerer Zeit hab ich im „Spiegel“ einen Artikel über die Flüchtlinge gelesen, die von Afrika über das Mittelmeer zu uns kommen. Der Bericht hat mich sehr bewegt und auch aufgewühlt. Dieses Thema wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen, und nicht nur mich.

OZ: Das ist sicherlich heute nicht das einzige Thema, das Sie umtreibt.

Grönemeyer: Ein anderes Thema ist das Internet. Facebook zum Beispiel wird von den meisten Leuten nur noch zur Eigenpromotion verwendet. Ich habe den Eindruck, dass sich das Gefühl von Gemeinsamkeit langsam zerlegt. Und was da für Daten gesammelt werden, das ist noch mal eine ganz andere Geschichte. Es sind heute eher Rollkragen-Nerds in den großen Internetkonzernen, die uns beherrschen.

OZ: Sie kommen ja eigentlich vom Theater und haben zum Beispiel in Filmen wie „Frühlingssinfonie“ von Peter Schamoni mitgespielt. Geht Ihre Schauspielkarriere auch noch voran?

Grönemeyer: Ein bisschen, ja. Ich bin mit dem holländischen Regisseur Anton Corbijn gut befreundet. Corbijn war viele Jahre ein gefragter Fotograf, später wurde er auch Regisseur. Unter anderem hat er den Film „Control“ gedreht, da ging’s um den 1980 verstorbenen Musiker Ian Curtis von Joy Divison. Dann kamen Filme wie „The American“. Zuletzt hat Anton Corbijn „A Most Wanted Man“ gedreht. Darin war ich eigentlich für die Hauptrolle vorgesehen, aber das war offenbar bei den amerikanischen Produzenten nicht durchsetzbar. Also hat meine Rolle dann Philip Seymour Hoffman gespielt, das war eine sehr gute Wahl. Und es war leider eine der letzten Filmrollen für Philip Seymour Hoffmann.

OZ: Sie sind ja nicht nur Musiker, sondern betreiben auch mit ,Grönland‘ ein eigenes Schallplattenlabel. Nimmt das eigentlich viel Arbeit ein?

Grönemeyer: Naja, ich bin so eine Art Frühstücksdirektor. Wir sind ja dort nur drei Leute. Aber ich achte mit darauf, dass die Künstler, die wir verpflichten, auch wirklich zu uns passen. Das Label ,Grönland‘ soll sozusagen einen ganz bestimmten Geist haben.

OZ: Ihr Erfolg in Deutschland kam 1984 mit der LPBochum“ – für Sie eher unerwartet, oder? Wie war das damals?

Grönemeyer: Ja, das war eine verrückte Zeit, aber es gab damals sogar Vorwürfe, dass ich die Platte gar nicht „Bochum“ hätte nennen dürfen, denn ich komme ja nicht aus Bochum, sondern bin ja ein gebürtiger Göttinger. (lacht). Aber heute ist mein Lied die Stadionhymne vom VfL Bochum, das macht mich schon stolz.

OZ: Noch mal zur kommenden Tournee. Bei Ihnen spürt man auf der Bühne einen großen Zusammenhalt, ein fast intuitives Verstehen unter den Musikern. Ist das so? Wie sieht denn das Innenleben der Band aus?

Grönemeyer: Mit meinen Musikern spiele ich zum Teil schon mehr als 30 Jahre zusammen, wir sind wirklich eine sehr eingeschworene Gemeinschaft. Und das geht inzwischen weit über das rein Berufliche hinaus, wir haben das einmal bei unserer USA-Tournee sehr deutlich gemerkt, wie stark das Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander ist.

OZ: Da ist es natürlich ein Glück, dass es auch musikalisch passt, oder?

Grönemeyer: Ja, meine Band ist unfassbar gut! Ich habe zum Beispiel mit Bassist Norbert Hamm und Schlagzeuger Armin Rühl die beste Rhythmusgruppe der Welt. Und ich selbst bin eher so ein ganz passabler Pianist – aber mein Keyboarder Armin Kritzer kann Sachen spielen, die ich nie könnte. Wir alle verstehen uns wirklich ohne viele Worte auf der Bühne.

OZ: Da ist untereinander also auch Freundschaft im Spiel?

Grönemeyer: Ja. Mein Vater hat immer gesagt: Freundschaft ist das Wichtigste, das du hast. Alles andere vergeht, aber die Freundschaft bleibt. Wenn man Glück hat, bis zum Lebensende.



Interview von Thorsten Czarkowski