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Rostock Große Gefühle in kleinen Boxen
Mecklenburg Rostock Große Gefühle in kleinen Boxen
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17:42 23.12.2018
Große Gefühle in kleinen Boxen: Die Trauermauer besteht aus Schuhkartons, die von jenen, die einen geliebten Menschen verloren haben, mit Erinnerungen gefüllt wurden. Quelle: Cornelius Albrecht
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Stadtmitte

Die schönsten Erinnerungen an „Uri“ und der Schmerz, als sie starb, treffen sich in einem Schuhkarton: In eine kleine Pappschachtel hat Sophie (9) all das hineingeklebt, was sie mit ihrer Uroma verbindet. „Weil ich ,Uri’ so sehr vermisse. Ich konnte mit ihr so schön spielen.“ Dafür steht das kleine Schaukelpferd, das an einem Kleiderhaken baumelt. In der anderen Ecke kringelt sich eine Perlenkette. „Weil ,Uri’ so gern Ketten trugt.“ Die Rückwand ist mit einer Nahaufnahme beklebt: Sophies Hand in der ihrer Urgroßmutter, aufgenommen zwei Tage bevor „Uri“ starb.

Sophie (9) hat den Schuhkarton mit vielen Erinnerungen an ihre verstorbene Uroma gefüllt. Quelle: ANTJE BERNSTEIN

Sophies Schuhkarton ist einer von vielen, die sich in den Gemeinschaftsräumen des Hospizdienstes und des Kinderhospiz- und Begleitdienstes „Oskar“ zu einer Trauermauer auftürmen. Katrin Machka schaut in eine Box, in der Stacheldraht ein Pappherz umschlingt. „Jede Schachtel ist mit vielen Tränen vollgeweint. Manchmal wird mir der Anblick zu viel.“ „Es sind nur Schuhkartons und doch so viel mehr“, ergänzt Madlen Grolle-Döhring. „In jedem steckt eine bewegende Geschichte.“ Welche das ist, wollen die Trauerbegleiterinnen erfahren. Die Trauermauer ist eine Methode, mit der sie Menschen dazu ermutigen, über ihre Verluste zu sprechen. Sie lässt Betroffene buchstäblich begreifen, was bleibt, wenn ein ihnen Nahestehender für immer geht, wie sie Erinnerungen bewahren und daraus Kraft für den Schritt zurück ins Leben schöpfen können.

„Über Trauer zu sprechen, sie in Worte zu fassen, das ist schwer“, weiß Katrin Machka. Damit es Kindern wie Erwachsenen leichter fällt, sich mit der Endlichkeit – der eigenen und der anderer – auseinanderzusetzen und im Trauerfall offen über Gefühle zu reden, nimmt Madlen Grolle-Döhring Schuhkartons der Trauermauer in Schulen mit. Was mag derjenige, der die Box befüllt hat, erlebt haben? Mit solchen Fragen stößt die Diplom-Pädagogin bei Schülern, Lehrern und Sozialarbeitern Gespräche über den Tod und über selbsterlittene Schicksalsschläge an. „Dabei erlebe ich viele Gänsehautmomente.“

Sobald die Kinder selber basteln, zeigt sich, wie facettenreich Traurigkeit ist. Eine Klasse füllt Kartons mit Erinnerungen an einen Mitschüler, der sich, gerade elf Jahre alt, das Leben nahm. Ein Mädchen, das gemobbt wird, verleiht ihrer Einsamkeit Ausdruck. Ein Junge verpackt seine Angst, dass Mama seinen einzigen Freund, seinen altersschwachen Hund, einschläfern könnte. Der Austausch solcher Sorgen und persönlicher Verlusterfahrungen verbindet und tut allen Beteiligten gut, sagt Madlen Grolle Döhring. „Er befreit.“

Große Gefühle in kleinen Boxen

Der Tod hingegen lähmt – auch die, die er nur mittelbar betrifft. Wie soll ich umgehen mit einem Freund, der gerade seinen Vater verloren hat? Wie einen Kollegen trösten, dessen Mutter gestorben ist? Viele Menschen fühlen sich in einer solchen Situation hilflos, haben Angst, etwas Falsches zu sagen und bleiben lieber stumm. Dabei sei den meisten Trauernden das Bekenntnis „Mir fehlen die Worte“ lieber, als wenn das Thema totgeschwiegen und sie mit ihrem Leid allein gelassen würden, sagt Madlen Grolle-Döhring. Sie will helfen, das Schweigen zu brechen. Nicht nur im Einzelfall, sondern generell. „Tod und Sterben sind leider immer noch Tabuthemen. Dabei gehört der Tod zum Leben.“ Mehr noch: Beide sind untrennbar miteinander verbunden.

Auch die Trauer habe in der Gesellschaft längst nicht den Stellenwert, den sie haben müsste, bedauert Katrin Machka. „Trauerarbeit ist ein Stiefkind.“ Wer einen Angehörigen verloren hat, müsse wenige Tage später zurück zur Arbeit, in den Alltag. Da bleibe keine Zeit für Gefühlsbewältigung. „Es müsste einen Trauerschutz geben, wie es einen Mutterschutz gibt.“ Außerdem sollte jeder ein Anrecht auf einen Trauerbegleiter haben, jemanden, der zuhört und einfach da ist. Derzeit würden viele Trauernde allein gelassen. So fehle zum Beispiel ein Angebot für Großeltern. „Ihr Enkelkind ist tot und ihr eigenes Kind todunglücklich und damit müssen sie allein klarkommen“, beschreibt die Katrin Machka.

Sie und Madlen Grolle-Döhring möchten mit Projekten wie der Trauermauer und „Hospiz in der Schule“ ein Umdenken anstoßen und zeitgleich Kindern dabei helfen, Verluste zu verarbeiten. Sie, liebe Leser, können diese Arbeit unterstützen – denn alle Spenden für die OZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ kommen dem Kinderhospizdienst „Oskar“ zugute.

Tod, Tabus und Tröstendes

Der Ökumenische Ambulante Kinderhospiz- und Familienbegleitdienst „Oskar“ ist ein Angebot der Diakonie Stadtmission und der Caritas Rostock. Sein Anliegen ist es, Familien mit schwer erkrankten Kindern sowie Abschied nehmenden Kindern in ihrem schwierigen Alltag zur Seite zu stehen. Die Begleitung übernehmen speziell dafür ausgebildete Ehrenamtler. In der Trauergruppe „Begegnungszeit“ helfen sie Kindern dabei, den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten. Das Projekt „Hospiz und Schule“ richtet sich an Schüler von der 1. bis zur 12. Klasse sowie deren Lehrer und Schulsozialarbeiter. Es soll Tabuthemen wie Krankheit und Tod ihren Schrecken nehmen. Dafür werden bei Gesprächsrunden und Exkursionen Verlusterfahrungen und Gedanken zu Trauer und Trost ausgetauscht.

Kontakt: 0381/ 40310202; kinderhospiz@rostocker-stadtmission.de

Das Spendenkonto

Helfen bringt Freude: Bitte spenden Sie auf das Konto des Kinderhospizdienstes „Oskar“ (IBAN: DE45 1305 0000 0202 2222 33) bei der Ostseesparkasse unter dem Verwendungszweck „Spende: OZ-Weihnachtsaktion“. Alle Spender erhalten bei Bedarf eine Spendenquittung und werden in der OZ veröffentlicht. Sollten Sie eine Veröffentlichung nicht wünschen, vermerken Sie dies bitte auf der Überweisung.

Bei der jüngsten „Helfen bringt Freude“-Aktion hatten OZ-Leser mehr als 60000 Euro gespendet. Das Geld ging an die Rostocker Tafel, die damit einen neuen Kühltransporter und den Aufbau einer neuen Ausgabestelle in der Südstadt finanzieren konnte.

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