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Rostock „Gustloff“-Katastrophe 1945: Schrei der Ertrinkenden raubte Rostocker den Schlaf
Mecklenburg Rostock „Gustloff“-Katastrophe 1945: Schrei der Ertrinkenden raubte Rostocker den Schlaf
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07:51 25.05.2019
Der 93-jährige Rostocker Horst Schön, den ein Foto als Marinesoldat aus dem Jahr 1944 zeigt, überlebte den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ vor 74  Jahren. Quelle: Frank Söllner
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Rostock

Es ist dieser furchtbare Schrei, der ihn in vielen Nächten nicht schlafen ließ. Ein Todesschrei. „Tausende Kinder, Frauen und Männer, darunter viele Soldaten, wurden mit in die hier etwa 50 Meter tiefe See gerissen“, erinnert sich der Rostocker Horst Schön.

Die von drei sowjetischen Torpedos getroffene „Wilhelm Gustloff“ sinkt rund zwölf Meilen vor dem Städtchen Leba an der pommerschen Ostseeküste. „Und sie war urplötzlich voll beleuchtet.“ Dieses gespenstische Bild hat sich förmlich eingebrannt in das Gedächtnis des heute 93-Jährigen.

Schneider: „Aktuell gibt es maximal noch zehn Überlebende.“

Der damalige Marinesoldat Horst Schön gehört zu den 1252 Geretteten einer der größten Schiffskatastrophen der Menschheitsgeschichte. „Aktuell gibt es maximal noch zehn Überlebende“, erklärt Matthias Schneider. Der 47-jährige Tauchlehrer aus Bielefeld (Nordrhein-Westfalen) hatte 2013 das große „Gustloff“-Archiv von Heinz Schön (1926–2013) aus dem benachbarten Bad Salzuflen übernommen.

Der damals 18-jährige Zahlmeisteranwärter der Handelsmarine Heinz Schön gehörte ebenfalls zu den Überlebenden dieses Unglücks. In fast 70 Jahren baute er eine umfangreiche Materialsammlung auf. „Diese habe ich vor einiger Zeit an das Deutschlandhaus in Berlin übergeben“, erklärt Schneider.

Auch Heinz Schön überlebte den Untergang der „Wilhelm Gustloff“. Er trug ein riesiges Archiv zusammen. Quelle: Uwe Nesemann

Vom Torpedoboot „Löwe“ aufgefischt

Der damalige Marinesoldat Horst Schön gehört zu den 1252 Geretteten einer der größten Schiffskatastrophen der Menschheitsgeschichte. Er überlebte das Grauen ebenso wie Heinz Schön (1926–2013) aus Bad Salzuflen (Nordrhein-Westfalen). Der Westfale trug ein riesiges Archiv zusammen und schrieb eine Vielzahl von Büchern über diese dramatischen Ereignisse in der Ostsee.

Im Jahre 1991 trafen die Namensvettern in Rostock zusammen und tauschten sich intensiv über die Ereignisse am 30. Januar 1945 aus. Heinz Schön forschte akribisch nach Überlebenden des Unglücks in der DDR. „Die Liste der durch das Torpedoboot ,Löwe‘ geretteten Menschen war verschwunden. Zu diesen gehörte auch ich“, sagt der Rostocker Horst Schön.

Im 1998 erschienenen Buch „SOS Wilhelm Gustloff“ hat der Autor Heinz Schön eine Ergänzungsliste von Überlebenden veröffentlicht. Als Nummer 629 ist dort der Funkmaat der zweiten U-Boot-Lehrdivision, Horst Schön, registriert. „Er hat mich versehentlich vom Gefreiten zum Maat befördert“, erläutert der heute 93-Jährige, der in Rostock lebt.

„In der Öffentlichkeit ist heute oft wenig bekannt über die grauenhaften Kriegsereignisse. Dazu gehören die Dramen, die sich beispielsweise auf der auch mit Tausenden von Flüchtlingen besetzten ‚Steuben‘, ‚Goya‘ oder ‚Cap Arcona‘ abspielten, die ebenfalls in der Ostsee versenkt wurden“, so Schneider. Zumal kaum noch Zeitzeugen leben.

Es ging um das nackte Überleben

Behutsam löst der Hansestädter Horst Schön die Verschnürung eines kleinen weißen Kartons. Das auf dem Wohnzimmertisch seiner Rostocker Wohnung stehende Pappbehältnis trägt die Aufschrift „Gustloff“. Darin befinden sich mehrere Bücher und alte Fotos. Darunter das 1994 erschienene Werk „Gesunken und verschollen – Menschen und Schiffsschicksale Ostsee 1945“.

 

Der 19. Geburtstag wurde zum Horror-Tag für den Rostocker Horst Schön, denn am 30. Januar 1945 wurde die „Gustloff“ in der Ostsee versenkt.

Nachdenklich blättert der Senior in dem 268 Seiten starken, 1994 erschienenen Buch der Autoren Wolfgang Müller und Reinhard Kramer. Dann nimmt er den Band 7 der Broschürenreihe zur deutschen Geschichte „30. Januar 1945 Untergang der Wilhelm Gustloff“ – Schiffsschicksale“ von Wolfgang Müller zur Hand. In diesem hat der Autor auch Aussagen des Funkgefreiten Schön dokumentiert.

„Persönliche Erinnerungsstücke sind ihm aus dieser Zeit – bis auf wenige Fotos – kaum geblieben“, bedauert der Rostocker. Es ging vor 74 Jahren um das nackte Überleben. „Es war praktisch mein zweiter Geburtstag“, betont der mittlerweile zweifache Großvater und dreifache Urgroßvater.

Der 19. Geburtstag wird zum Horrortag

Die 1938 ursprünglich als Kreuzfahrtschiff der nationalsozialistischen Organisation Kraft durch Freude (KdF) in Dienst gestellte „Gustloff“ wird im Zweiten Weltkrieg als Lazarettschiff, Truppentransporter und Unterkunft der Kriegsmarine genutzt. „Sie besaß einen grauen Tarnanstrich und unter anderem Flakgeschütze“, erklärt der gebürtige Schweriner. Er, der sich 1943 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, begeht am 30. Januar 1945 seinen 19. Geburtstag an Bord.

Dass dieser zum schlimmsten Tag seines Lebens wird, kann der seit Mitte 1944 in der Landfunkstelle Gotenhafen, dem heutigen Gdynia, eingesetzte Mecklenburger nicht wissen. Er gehört zur Stabskompanie der beiden in der Danziger Bucht stationierten U-Boot-Lehrdivisionen.

Diese geben aufgrund der Mitte Januar 1945 begonnenen Gegenoffensive der Roten Armee die dortigen Häfen auf. Bei der Aktion unter dem Kennwort „Hannibal“ sollen neben Soldaten auch Flüchtlinge über die Ostsee nach Westen gebracht werden. Die „Gustloff“ spielt dabei eine wichtige Rolle. Das 208,5 Meter lange Schiff war in Friedenszeiten für 1463 Passagiere und 417 Personen Besatzung ausgelegt.

Flüchtlinge stürmen das Schiff in Gotenhafen-Oxhöft

Am Vormittag des 30. Januar haben auf dem als Lazarett und Wohnbereich für Marinesoldaten umgebauten Motorschiff fast 8000 Personen Zuflucht gefunden. „Dann beginnen die Menschen, das Schiff in Gotenhafen-Oxhöft zu stürmen. Die Marinehelferinnen sind nicht mehr in der Lage gewesen, die Namen der Neuankömmlinge zu registrieren“, sagt Schön. Und an Land spielen sich furchtbare Szenen ab, weil die Zahl der vergeblich auf Evakuierung Hoffenden groß war. Geschätzt 10 000 Kinder, Frauen und Männer waren schließlich beim Ablegen an Bord, wie die Archiv-Unterlagen belegten, erklärt Schneider.

In der Landfunkstelle Gotenhafen hat Schön häufig Meldungen über die Gefahr russischer U-Boot-Angriffe in der Danziger Bucht abgesetzt. Ihn beschleichen deshalb ungute Vorahnungen. Als dann das erste von drei Torpedos des russischen U-Bootes „S 13“ einschlägt, bricht auf dem überfüllten Schiff Panik aus. Tausende versuchen, gleichzeitig an Deck zu gelangen.

Tödliches Tohuwabohu an Bord

„Zum Glück war ich schiffskundig. Bei den vorangegangenen Verladearbeiten hatte ich eine Wendeltreppe am Schornstein entdeckt“, sagt der gelernte Kellner. Diese ermöglichte es den Maschinisten, zum Luftschnappen auf das Sonnendeck zu gelangen. So entgeht der kleine, jungenhaft anmutende Mann dem tödlichen Tohuwabohu an den Ladeluken.

Minus 18 Grad Celsius Außentemperatur. Eisiger Wind der Stärke 7 bis 8. Schneeschauer. Passagiere werden zertrampelt und ersticken. „Offiziere erschießen sich und ihre Familien“, beobachtet der Marinesoldat fassungslos. Bekleidet nur mit Hose und Pullover rutscht er ins eisige Wasser: „Ich muss mehrere Schutzengel haben. Denn wenige Minuten später werde ich in ein Rettungsboot gezogen“, sagt Schön. Gut eine Stunde nach der Torpedierung sinkt dann kurz nach 22 Uhr die „Gustloff“.

Der amerikanischen Gefangenschaft entgangen

Die Besatzung des Torpedobootes „Löwe“ fischt die Insassen des Rettungsbootes auf und schneidet ihnen dann quasi die gefrorene Kleidung von den Leibern. Schön überlebt. Er gelangt über Kolberg nach Sassnitz auf Rügen, später nach Kiel und schließlich nach Zeven in Niedersachsen. Truppen für die Schlacht um Berlin werden formiert. „Ich werde Ende April 1945 nach Crivitz bei Schwerin in Marsch gesetzt. Das Transportsystem aber ist zusammengebrochen. Auf einem Munitionslaster gelangt der Funkgefreite von Parchim nach Schwerin. Er will dort nur kurz bei seiner Familie eingucken.

Doch in Schwerin herrscht Chaos, und kurz darauf marschierten die Amerikaner ein. Der Gefangenschaft entzieht sich Schön, indem er seine Uniform gegen Kinderkleider tauscht und sein Soldbuch vernichtet. Sein jungenhaftes Aussehen rettet ihn, und die Nachbarn schweigen. „Wieder einmal hatte ich Glück“, resümiert der Mann.

Als Funker bei der Rostocker Hochseefischerei

Von der Seefahrt und der Gastronomie kann er nicht lassen. Ab 1955 fährt er als Funker bei der Rostocker Hochseefischerei sechs Jahre lang unter anderem auf der Ostsee. Passiert er dabei die Unglücksstelle in der Danziger Bucht, werden bei ihm die Erinnerungen an den Untergang der „Gustloff“ übermächtig.

Trotz seines hohen Alters besitzt Schön ein erstaunlich präzises Erinnerungsvermögen. „Und das Morsen habe ich nicht verlernt. Aber mit dem Kurzzeitgedächtnis hapert es“, gesteht er lächelnd. Seit 1957 lebt der vital wirkende Rentner in Rostock und fast genauso lange liest er allmorgendlich die OSTSEE-ZEITUNG. In diesen Maitagen wird häufig des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht. „Oft spricht man über die Schrecken und unfassbaren Grausamkeiten in dieser Zeit. Doch immer weniger wissen, was ein solcher Krieg und das Überleben tatsächlich bedeuten“, bedauert der Zeitzeuge.

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