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Rostock Hafenkapitän Ruhnke: Ein Leben für Rostocks Hafen
Mecklenburg Rostock Hafenkapitän Ruhnke: Ein Leben für Rostocks Hafen
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05:00 22.07.2019
Ende August ist Schluss: Rostocks Hafenkapitän Gisbert Ruhnke geht in Ruhestand - und dann erstmal auf Kreuzfahrt. Quelle: Andreas Meyer
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Rostock

Wenn Gisbert Ruhnke aus seinem Bürofenster schaut, blickt er auf sein Leben: Vor ihm liegt der Rostocker Seehafen, in der Ferne sind Warnemünde und die Molenköpfe zu sehen. Seit 50 Jahren ist Ruhnke hier zu Hause. Erst als Seemann, seit elf Jahren nun als Hafenkapitän. Seitdem ist er – das Paradebeispiel für einen norddeutschen „Seebären“ – der mächtigste Mann in Deutschlands größtem Ostseehafen. Ende August aber ist nun Schluss, Ruhnke geht in den Ruhestand. „Ich beende mein Berufsleben dort, wo es begonnen hat – am Liegeplatz 31.“ Bereut hat er nicht einen Tag.

Von der „Georg Büchner“ ins Amt

„Es gibt schon komische Zufälle“, sagt Ruhnke – und meint die Geschichte mit dem Liegeplatz 31. Heute hat er sein Büro vis-à-vis dieses besonderen Anlegers. „Als ich 1969 im Hafen angefangen hab, lag genau dort die ,Georg Büchner’.“ Mit dem legendären Fracht- und Ausbildungsschiff des VEB Deutsche Seereederei (DSR), der 2013 vor der polnischen Küste sank, ging er als junger Seemann auf seine erste Fahrt. „Nach Antwerpen, danach nach Mexiko und Kuba“, erinnert sich Ruhnke. 16 Jahre war er damals alt.

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2006 wechselte er dann in die Verwaltung, blieb an Land – aber im Hafen. 2008 wurde Ruhnke schließlich Leiter des Rostocker Hafen- und Seemannsamtes – zum Hafenkapitän. „Auf den Bundeswasserstraßen hat der Bund das Sagen, im Rostocker Hafen aber haben wir im Amt das Kommando“, sagt er selbstbewusst. Alle Kai-Anlagen, alle Anleger, alle privaten Marinas unterstehen Ruhnke. Im Seehafen ebenso wie in Warnemünde und im Rostocker Stadthafen. „Wenn ein Schiff nach Rostock kommen will, melden sich die Makler bei den Lotsen, bei den Schleppern und beim Hafenbetreiber an. Aber wir haben das letzte Wort, ob er hier festmachen und seine Ladung löschen darf.“

Passt ein Schiff wirklich an den vorgesehenen Anleger? Ist es sicher? Hält es sich an die internationalen und lokalen Schifffahrtsregeln? Darüber wacht Ruhnke. Das Hafenamt vergibt die Liegeplätze, hat bei allen Baumaßnahmen im Hafen mitzureden, kontrolliert die Anlagen und überwacht die Sicherheitsvorschriften auf See und an den Kais. Auch das Fischereiwesen – inklusive der Angelscheine und -prüfungen – fällt in die Zuständigkeit von Ruhnke. „Und wir stellen für Seeleute nach dem Studium das Erstpatent aus“, sagt er.

Im Hafen zählt das Wort noch was

Das alles klingt nach viel Schreibtisch-Arbeit, ist es aber nicht: Regelmäßig ist Ruhnke mit dem Dienstboot des Amtes im Hafen unterwegs. Er hat das große Patent und sagt: „Ich darf alles fahren auf dem Wasser.“ Deshalb kann ihm auch kein Kapitän was vormachen. Und auch keine Reederei. „Ich habe alles im Seehafen erlebt“, sagt der Hafenkapitän. Die Zeit des Aufschwungs, die Hochzeit der DSR. Nach der Wende dann aber auch den Niedergang. „Nun aber ist unser Hafen wieder voll auf Kurs“, so Ruhnke.

Er gehe nun quasi auf dem Höhepunkt: „Das sind die schönsten Momente für mich: Wenn wir gemeinsam im Hafen etwas erreicht haben. Wenn die Umschlagzahlen steigen, wir Projekte gemeinsam bewältigt haben.“ Gemeinsam – das Wort benutzt Ruhnke oft. Die Umschlagsfirmen im Hafen, die Betreiber wie Rostock Port, die Reedereien, die Besatzungen der Schiffe: Für ihn sind sie Partner. „Das ist im Hafen nun mal so. Wir gehören alle zusammen.“ Rostock habe gemeinsam gekämpft, um den Hafen wieder groß zu machen. „Im Hafen wird noch vernünftig mit einander gesprochen, hier reden die Leute miteinander und nicht über einander. Und wir können uns alle aufeinander verlassen.“ Das sei an der Kai-Kante so wie an Bord. „Hier ist das alles noch ein anderer Schnack. Aber schön. Richtig schön.“

Nachfolger hat viel Arbeit vor sich

Einen Nachfolger für Ruhnke hat die Stadt bereits ausgewählt. „Einen Kapitän, der arbeitet noch nicht im Amt“, sagt er. Mehr dürfe er nicht verraten. Ratschläge wolle er dem neuen Hafenkapitän nicht mit auf den Weg geben – nur so viel: „Auf ihn wartet jede Menge Arbeit“. Denn der Hafen komme niemals zur Ruhe. „Im Seehafen müssen wir nach und nach alle Kais neu machen. Die sind 50, teilweise 60 Jahre alt. Das wird Zeit.“ Auch im Stadthafen müsse was getan werden. Damit das Warnow-Ufer dort auch weiterhin den Namen Hafen verdiene. „Im Fischereihafen wollen wir den alten Anleger für das einstige Kohlkraftwerk Bramow ertüchtigen. Da sollen wieder Schiffe anlegen.“ Und wenn das alles erledigt sei, könne sein Nachfolger gleich wieder von vorne anfangen. „Hier geht es immer weiter.“

Und dann ist da noch die Seekanalvertiefung: Die Fahrrinne nach Rostock soll auf 16,5 Meter vertieft werden. „Dann können die größten Schiffe, die in der Ostsee erlaubt sind, bei uns festmachen. Öltanker und Massengutfrachter. Das ist die Zukunft“, sagt Ruhnke.

Urlaub auf dem „Fleischdampfer“

Auch den Bau neuer Kreuzfahrtanleger will er noch anschieben in den kommenden Wochen. Ein Thema, dass ihn und die ganze Stadt seit Jahren bewegt. Die Wand seines Büros ist voll mit Plaketten von Schiffen: „Wenn ein Schiff zum ersten Mal einen Hafen anläuft, gehe ich an Bord, überreiche eine Rostock-Plakette und erhalte als Geschenke ein Plakette des Schiffs. So ist es alter Brauch.“

Auf etlichen Kreuzfahrtschiffen war Ruhnke schon als Hafenkapitän. Privat aber war noch an Bord eines Luxusliners. „Als ich gelernt habe, galten die Kreuzfahrer unter Seeleuten noch als ,Fleischdampfer’“, sagt er und lacht. Nun aber – im Ruhestand – wird er um einen Törn nicht herumkommen: „Meine Frau will gerne mal die norwegische Postschiff-Route fahren. Ja, das stelle ich mir schön vor. Die Fjorde sind ein Traum. Das machen wir.“

Und so ganz wird Ruhnke aber auch ab September nicht vom Hafen lassen können: Er sitzt weiter in der Prüfungskommission für die Schiffsmechaniker, bleibt Dozent auf der Seefahrtsschule in Warnemünde, Vize-Vorsitzender im Nautischen Verein und im Beirat der Seemannsmission. Seinen Liegeplatz 31 – er wird ihn also noch oft wiedersehen.

Andreas Meyer