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Rostock Wir zeigen euch das schöne Leben
Mecklenburg Rostock Wir zeigen euch das schöne Leben
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07:00 15.12.2018
Anne-Catrin Heidtmann, Emily Marie Bernsdorf und Ruth Wendt (v.l.) sind ehrenamtliche Trauerbegleiterinnen beim Kinderhospizdienst "Oskar". Quelle: ANTJE BERNSTEIN
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Rostock

Rammstein holt Julia* aus dem Loch, in das sie der Krebs gestoßen hat. Seit Monaten kämpft die 18-Jährige gegen ihren Tumor an. Alle Haare und viel Kraft hat sie dabei verloren. Jetzt geht’s an den Lebensmut. Julia lacht selten, traurige Tage häufen sich. Doch das ändert sich schlagartig, als Ruth Wendt an ihrem Bett auf der Kinderkrebsstation auftaucht und ihr Tickets für das ausverkaufte Konzert ihrer Lieblingsband hinhält. Bei Julia kullern Freudentränen: „Das ist mein Krebsbonus!“

Es sind Augenblicke wie dieser, von denen Ruth Wendt zehrt, wenn ihr die Schicksale, die sie hautnah miterlebt, mal wieder an die Nieren gehen. Und das tun sie oft. Ruth Wendt ist eine von rund 20 ehrenamtlichen Familienbegleitern beim Kinderhospizdienst „Oskar“. Die 63-Jährige steht jenen zur Seite, deren Leben von jetzt auf gleich völlig aus den Fugen geraten ist, die um ein geliebtes Familienmitglied bangen und sich dabei fast selbst vergessen. Dabei brechen für die Angehörigen Schwerkranker, bei denen es kaum Hoffnung auf Heilung gibt, Welten zusammen. Ihnen will Ruth Wendt Halt geben und Glücksmomente bescheren.

Dafür genügen oft schon Kleinigkeiten: Zusammen den Zoo besuchen, Spaghetti Bolognese kochen, ins Kino gehen. Oder Konzertkarten für Rammstein. Die hatte Ruth Wendt mithilfe des „Oskar“-Netzwerkes organisiert, um Julia, viel mehr aber noch deren Mutter, eine Freude zu machen. Sie hatte sich an Ruth Wendt gewandt, weil sie die Traurigkeit ihrer Tochter kaum ertragen konnte. „Zu sehen, wie die beiden sich über die Tickets freuen – das gibt mir Kraft für die mindestens zwei Jahre“, sagt Ruth Wendt und lacht. Wenn die Angestellte einer Krankenkasse von ihrem Ehrenamt erzählt, lacht sie häufig. „Die Arbeit macht mir eben viel Spaß.“

Ruth Wendt hätte sich ein entspanntes Hobby aussuchen können. Sie wählte eines, bei dem Trauer und Tod ständige Begleiter sind. „Das hängt wohl mit dem Verlust meiner Mutter zusammen.“ Als sie starb, war Ruth Wendt im Urlaub. „Danach hatte ich den Irrglauben, etwas gutmachen zu müssen.“ Als dann auch noch ihre Kinder auszogen, „saß ich da voller Liebe und wusste nicht wohin damit.“ Sie findet den richtigen Platz dafür – das Hospiz. Zehn Jahre lang begleitet sie Erwachsene auf dem letzten Weg. Als in der Einrichtung Veränderungen anstehen, wechselt Ruth Wendt zu „Oskar“. Hier lernt sie beim Lehrgang für Familienbegleiter Anne-Catrin Heidtmann kennen. Die hat Schicksalsschläge am eigenen Leib erlebt. Zwei mal erkrankt sie an Brustkrebs, zwei Mal besiegt sie ihn. „Das Leben war gut zu mir, das wollte ich zurückgeben“, sagt die 53-Jährige. Seit Jahren engagiert sie sich in einer Selbsthilfegruppe für krebskranke Frauen. Als sie von einer Schulfreundin von „Oskar“ erfährt, steht fest: Hier will sie sich einbringen.

Dafür tischt Anne-Catrin Heidtmann jeden Mittwoch auf der Kinderkrebsstation Kaffee und Gebäck auf: Zusammen mit Ruth Wendt lädt sie zum Elterncafé. An der Tafel können all jene Platz nehmen, die sonst ununterbrochen am Krankenbett ihrer Lieben wachen. „Wir wollen sie aus ihrem Klinikalltag und ihrer Isolation herausholen“, erklärt Anne-Catrin Heidtmann. Beim Kaffeeklatsch tauschen Betroffene ihre Sorgen aus. Dabei wird manche Träne vergossen, aber noch öfter gelacht. „Das Wort Hospizdienst schreckt ab, dabei sind wir alle sehr lebendig“, sagt Emily Marie Bernsdorf (22).

Die Lehramtsstudentin komplettiert das ehrenamtliche Elterncafé-Trio. Nach ihrem Schulabschluss hat Emily Marie Bernsdorf in ihrer Heimat Magdeburg in einem Kinderhospiz gearbeitet. „Und dabei mein Herz verloren.“ Als sie nach Rostock zieht, wird sie Familienbegleiterin bei „Oskar“. Seit zwei Jahren zeigt sie Kindern „das schöne Leben“, wie sie sagt. Mit Unternehmungen hilft sie zum Beispiel einem Mädchen, zumindest für ein paar Stunden zu vergessen, dass ihre Mutter im Sterben liegt. Was gemacht und worüber gesprochen wird, bestimmt ausschließlich das Mädchen. Auch wenn das heißt, dass jedes Wort über die Mama tabu ist. Die Grenzen des Gegenübers zu akzeptieren, sei eine Herausforderung, sagt Emily Marie Bernsdorf. „Sie zeigt kaum Emotionen. Ich könnte zwei Stunden heulen. Aber ich muss aushalten, dass jeder Mensch anders trauert.“ „Wir werten nicht. Wir sind einfach da und machen quasi den Bauchladen auf“, erklärt Ruth Wendt.

Die Arbeit verlangt Ruth Wendt, Anne-Catrin Heidtmann und Emily Marie Bernsdorf viel ab, belohnt aber auch. Jedes Schicksal, an dem sie teilhaben, empfinden sie als Bereicherung. „Nach jedem Treffen bin ich wie angeknipst“, sagt Emily Marie Bernsdorf. Die Lebensfreude der drei Frauen springt über und gibt Kranken und ihren Familien Kraft. Sie, liebe Leser, können diese tolle Arbeit unterstützen – mit einer Spende für die OZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“.

*Name von der Redaktion geändert

Tod, Tabus und Tröstendes

Der Ökumenische Ambulante Kinderhospiz- und Familienbegleitdienst „Oskar“ ist ein Angebot der Diakonie Stadtmission und der Caritas Rostock. Sein Anliegen ist es, Familien mit schwer erkrankten Kindern sowie Abschied nehmenden Kindern in ihrem schwierigen Alltag zur Seite zu stehen. Die Begleitung übernehmen speziell dafür ausgebildete Ehrenamtler. In der Trauergruppe „Begegnungszeit“ helfen sie Kindern dabei, den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten. Das Projekt „Hospiz und Schule“ richtet sich an Schüler von der 1. bis zur 12. Klasse sowie deren Lehrer und Schulsozialarbeiter. Es soll Tabuthemen wie Krankheit und Tod ihren Schrecken nehmen. Dafür werden bei Gesprächsrunden und Exkursionen Verlusterfahrungen und Gedanken zu Trauer und Trost ausgetauscht.

Kontakt: 0381/ 40310202; kinderhospiz@rostocker-stadtmission.de

Das Spendenkonto

Helfen bringt Freude: Bitte spenden Sie auf das Konto des Kinderhospizdienstes „Oskar“ (IBAN: DE45 1305 0000 0202 2222 33) bei der Ostseesparkasse unter dem Verwendungszweck „Spende: OZ-Weihnachtsaktion“. Alle Spender erhalten bei Bedarf eine Spendenquittung und werden in der OZ veröffentlicht. Sollten Sie eine Veröffentlichung nicht wünschen, vermerken Sie dies bitte auf der Überweisung.

Bei der jüngsten „Helfen bringt Freude“-Aktion hatten OZ-Leser mehr als 60000 Euro gespendet. Das Geld ging an die Rostocker Tafel, die damit einen neuen Kühltransporter und den Aufbau einer neuen Ausgabestelle in der Südstadt finanzieren konnte.

Antje Bernstein

Das Unternehmen Novomind entwickelt Software für Kundenservices und Onlineshops. Zu ihren Kunden gehören große Namen wie Otto, Sixt oder Deichmann. Neuester Kooperationspartner ist der milliardenschwere US-Konzern Facebook.

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