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Rostock Prestigeprojekt der Rostocker Uni-Medizin in Schieflage
Mecklenburg Rostock Prestigeprojekt der Rostocker Uni-Medizin in Schieflage
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07:00 02.11.2018
Projekt „Herzeffekt MV“: Patient Horst Mühlberg (Mitte), sein Hausarzt Marco Krüger (l.) und Christian Schmidt, Vorstandschef der Unimedizin Rostock, stellten das Projekt medienwirksam vor. Jetzt gibt es Kritik an Abläufen.
Projekt „Herzeffekt MV“: Patient Horst Mühlberg (Mitte), sein Hausarzt Marco Krüger (l.) und Christian Schmidt, Vorstandschef der Unimedizin Rostock, stellten das Projekt medienwirksam vor. Jetzt gibt es Kritik an Abläufen. Quelle: Unimedizin Rostock
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Rostock

Als Vorzeige-Projekt war es Anfang 2017 gestartet, jetzt spricht die Branche von „einem Rohrkrepierer“: „Herzeffekt MV“, ein mit 14 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Bundes gefördertes Vorhaben zur Behandlung von Herzerkrankungen per Telemedizin an der Universitätsmedizin Rostock, steckt offenbar in der Krise. Knapp zwei Jahre nach Projektbeginn sind gerade mal 200 Studienteilnehmer gefunden, 3000 sollten es werden, mindestens. Jetzt rudert Projektleiter Prof. Christian Schmidt zurück: Mitte 2019 sollen gut 1000 Probanden erreicht sein. Viele Mediziner im Land lehnen „Herzeffekt MV“ offenbar ab.

Die Projekt-Idee: Im dünn besiedelten Nordosten sollen Patienten mit Herzerkrankungen per Telemedizin betreut werden. Mit Hilfe von Blutdruckmessgeräten, Waagen und Fitness-Armbanduhren erheben die Patienten regelmäßig Daten, die über eine App ins Versorgungszentrum nach Rostock und an die beteiligten Ärzte übertragen werden. Geht es Patienten schlechter, sehen das Ärzte sofort. Nicht immer aber müssen Betroffene ins Krankenhaus.

In der Medizin-Branche MV herrscht seit langem Unzufriedenheit. „Das Projekt hat keine Akzeptanz bei niedergelassenen Ärzten und Hausärzten“, sagt ein renommierter Arzt. Vielmehr handele es sich um „Opium für das Volk“. Diverse niedergelassene Kardiologen lehnten eine Zusammenarbeit ab. Christian Schmidt räumt Probleme ein. Der Ärztliche Vorstand der Unimedizin Rostock, 2017 „Deutschlands Klinik-Manager des Jahres“ und zuletzt wegen zeitweiser Abberufung aufgrund von Untreue-Verdacht in den Schlagzeilen (die OZ berichtete), ist Projektleiter von „Herzeffekt MV“. Schmidt sagt: „Problematisch“ sei die neue Datenschutzgrundverordnung der EU, „die uns bei der Rekrutierung der Patienten im Krankenhaus erheblich behindert hat“. Zudem seien Verträge mit Projekt-Partnern über Patente, Recht und Haftung sehr zeitaufwändig gewesen. Schmidt gibt sich jetzt dennoch zuversichtlich: Die Studie liege im Plan. Bis Mitte kommenden Jahres müssten „mindestens 1086“ Teilnehmer gewonnen werden. „Diese Zahl werden wir erreichen.“ Von 3000 ist nicht mehr die Rede.

Millionen-Fonds der Bundesregierung

Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland. Er erarbeitet über Richtlinien den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung und legt damit Leistungen für rund 70 Millionen Versicherte fest. Aufgabe des Ausschusses ist auch die Qualitätssicherung im Gesundheitswesen.

Über den Innovationsfonds der Bundesregierung verteilt der GBA pro Jahr (2016 bis 2019) jeweils 300 Millionen Euro – zur Förderung neuer medizinischer Versorgungsformen oder für die Forschung. Die Universitätsmedizin Rostock erhält davon 14 Millionen Euro für das Projekt „Herzeffekt MV“.

Zuversichtlich sei er wegen einer erweiterten Kooperation mit niedergelassenen Kardiologen. „Die Akzeptanz ist hoch, vor allem bei den Hausärzten. Auch die Kardiologen konnten wir überzeugen. Sie werden ab November Teil des Projekts“, erklärt Schmidt.

Knapp 4,5 Millionen Euro seien bereits ausgegeben, so Schmidt. Davon gut drei Millionen für die Partner Philips, die Krankenkassen AOK und TK. Laut Schmidt für Personalmittel, die Errichtung eines Care-Centers, eine technische Plattform zur Betreuung von Patienten und Geräte (Tablets), die Patienten erhalten.

Ganz anders klingt das bei Kritikern. Das Projekt, das Schmidt einst groß öffentlich verkauft habe sei „dilettantisch“ angelaufen. Was Schmidt wiederum zurückweist. Auch Futterneid spielt hier womöglich eine Rolle. Denn „Herzeffekt MV“ hat einen besonders hohen Stellenwert, gehört mit 14 Millionen Euro Förderung zu den Großprojekten, die der Gemeinsame Bundesausschuss aus dem Innovationsfonds fördert. Nach 15 Monaten sollte das Projekt auf den Prüfstand gestellt werden, um zu sehen, ob sich etwa Sterblichkeit von Patienten verringert.

Der Fördermittelgeber hat ein Auge auf Rostock. „Herzeffekt MV“ werde, „wie jedes andere Projekt auch, regelmäßig mit Blick auf die Einhaltung der im Projektplan vorgesehenen Meilensteine überprüft“, erklärt eine Sprecherin des Gemeinsamen Bundesausschusses. Ebenso werde jede geplante Ausgabe auf „Angemessenheit und Notwendigkeit“ überprüft. Dies geschehe quartalsweise. Einmal pro Jahr müsse ein Zwischenbericht vorlegt werden. Ergebnisse dieser Überprüfungen würden aber nicht herausgegeben.

Frank Pubantz

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