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Rostock „Schauspielerei ist Balsam für meine Seele“
Mecklenburg Rostock „Schauspielerei ist Balsam für meine Seele“
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17:29 28.12.2018
Feiert in der Spielzeit 2018/19 ihr 40. Bühnenjubiläum am Volkstheater Rostock: Schauspielerin Petra Gorr. Quelle: Danny Gohlke
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Rostock

Petra Gorr huscht ein Lächeln übers Gesicht, wenn sie die alten, zum Teil vergilbten Fotos betrachtet. Gorr als junges Mädchen während des Schauspielstudiums, mit Ponyfrisur und dicker Zigarre als Teil der „Olsenbande“ oder als Trebele, die bei „Klaus Störtebeker“ von der Naturbühne Ralswiek reitet. Mehr als 40 Bühnenjahre hat die 63-Jährige in einer Fotocollage festgehalten. „Ich habe bewusst noch Platz gelassen“, sagt sie und deutet auf eine weiße Fläche am Rand. „Weil ich das Gefühl hatte, wenn ich alles zuklebe, ist auch alles vorbei.“

Doch das ist es für die 63-jährige Vollblutschauspielerin, die in dieser Spielzeit ihr 40. Bühnenjubiläum am Rostocker Volkstheater feiert, noch lange nicht. Denn, obwohl Gorr seit dem 31. Dezember offiziell im Ruhestand ist, lässt sie das Theaterleben nicht los. Schon am 11. Januar wird sie bei der Premiere der Fontane-Adaption „Grete Minde“ wieder auf den Brettern stehen, die für sie die Welt bedeuten.

Um vier Uhr morgens im Kuhstall stehen

Geboren ist Gorr in Dippoldiswalde, rund 20 Kilometer südlich von Dresden, aufgewachsen in Leipzig. „Ich hab mich schwergetan, dort wegzugehen“, sagt Gorr. „Wenn ich nicht in Rostock leben dürfte, wäre ich in Leipzig. Dort ist mein Herz zu Hause.“ Nach dem Abitur macht sie eine Ausbildung zur Zootechnikerin, arbeitet im Bereich Rinderzucht.

„Für uns zarte Mädchen war das harte Arbeit. Und ich wusste schnell, was ich nicht will: Um vier Uhr im Kuhstall stehen und ausmisten oder tote Kadaver wegschaffen“, sagt Gorr. Trotzdem habe sie der Umgang mit Leben und Tod geprägt, einen „handfesten Menschen“ aus ihr gemacht. „Und ich konnte super fluchen“, verrät die sympathische Frau und lacht.

Obwohl die Schauspielerin seit Dezember im Ruhestand ist, lässt sie das Theater nicht los: Im Januar steht sie in dem Stück „Grete Minde“ wieder auf den Brettern, die für sie die Welt bedeuten.

„Als ich angefangen habe, wusste ich nichts vom Theater“

Mit 16 steht sie zum ersten Mal bei einem Weihnachtsmärchen in einer Laienspielgruppe auf der Bühne. „Damals habe ich den Entschluss gefasst, mich heimlich an der Schauspielschule zu bewerben“, erinnert sich Gorr. Weil sie noch nicht volljährig ist, braucht sie einen zweiten Anlauf, setzt sich unter 800 Bewerbern durch und studiert an der ehemaligen Theaterhochschule Hans Otto Leipzig.

„Als ich angefangen habe, wusste ich nichts vom Theater“, sagt Gorr. „Ich hatte immer die romantische Vorstellung, das sei wie eine Familie. Aber es bleibt so wenig von den Rollen, die man gespielt hat und von den scheinbaren Freunden, mit denen man auf der Bühne die intimsten Dinge geteilt hat“, sagt sie. „Diese Gefühle verwechselt man am Anfang leicht.“ Kaum verwunderlich also, dass sich Gorr hin und wieder in den ein oder anderen Schauspielkollegen verliebte, wie sie im Nachhinein verrät.

Fall von der Bühne und andere Pannen

Beim Studium lernt sie auch ihren künftigen Mann (ihren heutigen Ex-Mann) kennen, Manfred Gorr, den sie noch während des Studiums heiratet. Neben ihm steht sie auf der Bühne, mit ihm zieht zwei Kinder groß, mit ihm kommt sie ans Rostocker Volkstheater, wo der damalige Intendant Hanns Anselm Perten dem Paar ein Doppel-Engagement anbietet. 1978/79 startet Gorr dort als Blütenprinzessin im Kinderstück „Armer Ritter“ in ihre erste Spielzeit. „Ich war ganz schön aufgeregt“, sagt sie rückblickend.

Auch an so manche Panne erinnert sich Gorr noch gut: „Ich bin über die Teppichkante gestolpert und von der Bühnenrampe in die erste Reihe gefallen. Ein anderes Mal fiel ich auf der Bühne eine Treppe herunter und konnte das ganze Stück nicht aufhören zu lachen“, sagt sie und schmunzelt bei der Erinnerung daran.

Rund 240 Rollen verkörperte sie im Laufe ihrer Karriere am Volkstheater: Sie war die „Mutter Courage“ (2002), verführte als die legendäre Dietrich in „The Kraut“ (2012), mimte die Aase in „Peer Gynt“ (2000) und ritt schon 1982 als „Trebele“ in „Klaus Störtebeker“ über die Naturbühne der damaligen Rügenfestspiele in Ralswiek, lange bevor vom Hickschen Bauerntheater überhaupt die Rede war.

Gorr war auch im „Tatort“ und „Polizeiruf“ zu sehen

Eine ihrer Lieblingsrollen, sagt sie, sei die Martha, die Gorr 1996 in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ verkörperte. „Ein Stück Weltliteratur“, sagt Gorr. „Und eine abgründige Frauenrolle, die alles von einem fordert.“

Gorr hat viele solcher Rollen gespielt. Sie hat sich im Laufe der Jahre an vielem abgearbeitet: Insgesamt zehn Filme und Serien hat sie gedreht – war unter anderem im „Tatort“ und im „Polizeiruf“ zu sehen. Acht Mal führte Gorr Regie, zehn Jahre lang war sie Dozentin an der Rostocker Hochschule für Musik und Theater (HMT). Gorr synchronisierte und moderierte. Doch ihr Herz gehörte immer dem Theater: „Das hätte ich niemals für den Film aufgegeben“, betont sie.

Bis heute übt das Schauspiel seinen Reiz auf sie aus. „Was mich fasziniert ist das Eintauchen in ein anderes Sein und dieses Leben in sich selbst nachzuspüren“, sagt die 63-Jährige. Die größte Herausforderung sei es, sich bei jeder Vorstellung ganz hinzugeben, trotz persönlicher Befindlichkeiten. „Manchmal komme ich mit Schmerzen und wenn ich gehe, spüre ich sie nicht mehr. Das liegt am Adrenalin auf der Bühne“, sagt sie. Und nicht nur das: „Die Schauspielerei ist wie Balsam für meine Seele“, sagt sie.

„Ich bin halt doch eine richtige Rampensau“

In Zukunft kann sie sich die Rollen aussuchen, sorgsam auswählen, was sie machen will und was nicht. Sie wird kürzertreten. Gehen wird sie nicht. „Ein Leben ohne Bühne kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin halt doch eine richtige Rampensau“, sagt sie. Auch privat ist sie heute glücklich mit einem Seemann.

„Mit Petra verabschiedet sich ein prägendes Gesicht des Volkstheaters in den Ruhestand. Deshalb freuen wir uns umso mehr, dass sie versprochen hat, in den kommenden Jahren weiterhin als Gast mitzuwirken", sagt Schauspieldirektor Ralph Reichel. Er schätze ihre Bühnenpräsenz, ihre Empathie, ihre Spiellust und ihr musikalisches Talent. „Damit hat sie Rollen und Ensemble bereichert“, so Reichel.

Für die Zukunft wünscht sich Gorr vor allem eins: „Mehr Wertschätzung für die Kunst und Künstler“, sagt sie im Hinblick auf Kürzungen und rigide Sparpolitik im Kultur- und Theaterbereich. „Wie sagte schon Heinrich Heine, Künstler, die man nicht liebt, können nicht singen.“

Stefanie Büssing

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