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Rostock Johannes Oerding in Rostock: „Ich habe im Mau Club angefangen“
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Johannes Oerding in Rostock: „Ich habe im Mau Club angefangen“

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00:24 08.03.2020
2016 war Johannes Oerding im Rostocker Iga-Park
2016 war Johannes Oerding im Rostocker Iga-Park Quelle: Katharina Ahlers
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Rostock

Mit seinem aktuellen Album „Konturen“ schaffte Johannes Oerding Ende 2019 erstmals den Sprung auf Platz 1 der deutschen Albumcharts. Mit seiner gleichnamigen Tour kommt der Hamburger am Mittwoch erneut nach Rostock.

Im OZ-Interview spricht der 38-Jährige über seinen Kindheitstraum, die Probleme der heutigen Gesellschaft und die Zusammenarbeit mit Lebensgefährtin Ina Müller und blickt auf seine bisherigen Auftritte in Rostock zurück.

Seit Montag bist Du wieder auf Tour – wie läuft es?

Es wird von Tag zu Tag entspannter, aber auch schöner. Es brauchte zwei bis drei Tage, um wieder richtig reinzukommen. Dazu gehört, dass sich die Stimme wieder dran gewöhnt, so viel zu singen, dass die ganzen Abläufe klar werden und dass jeder weiß, was er zu tun hat. Aber jetzt rollt der Zug, jetzt kann man so richtig anfangen, auch das Publikum zu genießen.

Bis zum Spätsommer hast Du ein straffes Programm mit wenig Pausen. Wie hält man so ein Pensum durch?

Ich versuche auch auf der Tour, fit zu bleiben. Man braucht genug Ausdauer, wenn man 2,5 Stunden auf der Bühne steht. Man muss darauf achten, nicht komplett durchzudrehen und nicht jeden Abend Party zu machen. Ich bin ja keine 19 mehr (lacht). Ich versuche, mich an den freien Tagen zu schonen, mache zwischendurch Sport und lasse mich auch mal von einem Physiotherapeuten einrenken, falls irgendwas schiefgegangen ist.

Am Mittwoch bist Du in Rostock – bei Weitem nicht Dein erster Besuch in Mecklenburg-Vorpommern. Warum kommst Du gern her?

Ich freue mich sehr, dass meine Musik an der Ostsee angekommen und von Hamburg aus rüber geschwappt ist. Ich komme seit vielen Jahren nach Rostock und erinnere mich gern an die Historie. Ich habe im Mau Club angefangen, habe bei der Hanse Sail gespielt. Der Iga-Park war auch eine schöne Location. Ich weiß noch, wie ich vor dem Auftritt im Park spazieren war. Es werden immer mehr Leute und da spüre ich, dass ich eine Verbindung habe mit der Stadt. Und mit den Menschen, die diesen Weg mitgegangen sind. Der Auftritt jetzt in der Stadthalle ist auf jeden Fall der bisher größte in der Region.

Bildergalerie: Johannes Oerding in Mecklenburg-Vorpommern

Johannes Oerding kommt seit vielen Jahren regelmäßig nach Mecklenburg-Vorpommern. Hier einige Eindrücke von seinen Auftritten.

Was erwartet die Besucher?

Wir werden viel vom neuen Album spielen. Dinge, die wir noch nie gespielt haben. Es gibt also auch für Rostock sozusagen jede Menge Weltpremieren (lacht). Aber wir spielen auch die Klassiker der anderen Platten. Alles, was live besonders viel Spaß macht. Auch wenn wir jetzt auf der Tour in großen Hallen spielen, versuche ich, ein Clubgefühl aufkommen zu lassen. Wir werden vielleicht auch mal die Bühne verlassen und uns an andere Orte begeben – so dass jeder, egal wo er sitzt oder steht, etwas davon hat.

Deine Tour heißt – genauso wie das aktuelle Album – Konturen. Ein sehr persönliches Album, dass Deine eigenen Konturen thematisiert?

Ja, so ist es. Im Song „Alles okay“ heißt es „Dieser Dreck auf meiner Haut ist mir endlich so vertraut. Diese Spuren und Konturen machen mich aus.“ Ich habe das Gefühl, dass ich als Künstler und als Privatperson immer mehr ein Profil gestalte. Dass die Leute immer mehr hören, wofür ich stehe. In einer Laufbahn ist es wichtig, dass man mehr und mehr sein Profil schärft.

Im Video: Johannes Oerding: „Alles okay“

Wie sieht dieses Profil aus?

Ich mache mir im Gegensatz zu früher mehr Gedanken. Nicht nur um mein persönliches Wohlbefinden, sondern auch darüber, was draußen in der Welt oder auch hierzulande passiert. Ich beschäftige mich auch inhaltlich in den Songs mehr und mehr mit gesellschaftlichen Fragen. Ich bin ein bisschen kritisch, politisch interessiert und auch aktiv. Meine Haltung ist in den Songs gut erkennbar. Es gibt in diesem Land Strömungen, die in die falsche Richtung gehen. Sei es die rechtsextreme, die ausgrenzende oder die rassistische. Da bin ich klar positioniert.

Wie wichtig ist es, sich als Person, die in der Öffentlichkeit steht, zu positionieren?

Ich habe für mich entschieden, dass ich das für wichtig halte und das in meinen Verantwortungsbereich fällt. Aber ich sehe das nicht als meine Aufgabe als Künstler, sondern als meine Bürgerpflicht. Ich habe da das Glück, dass ich auch ein Mikro in der Hand habe und ich viele Menschen erreichen kann. Aber ich würde niemals sagen, jeder Künstler muss jetzt zwingend rausgehen und den Mund aufmachen. Das kann auch nicht jeder. Nicht jeder ist dafür gemacht, dafür sind wir Menschen einfach viel zu unterschiedlich.

Dein Standpunkt wird in „Besser als jetzt“ deutlich. Du sagst, dass wir auf einem Vulkan leben und es gibt „Lava aus Ego und Neid“. Welche Botschaft willst Du übermitteln?

Der Song ist der plakative Ansatz, das spielerisch zu sagen. Freundlich zu besingen, dass wir doch mal unseren Arsch hochkriegen und uns zusammenreißen sollten. Dass wir an unsere Gemeinsamkeiten appellieren und glauben und nicht nur gegeneinander arbeiten müssen. Nur so bekommen wir all die Probleme – ob zwischenmenschliche Schwierigkeiten oder Probleme wie den Klimawandel – hin. Es ist sinnvoll, an einem Strang zu ziehen.

Im Video: Johannes Oerding: Besser als jetzt

Um zwischenmenschliche Probleme geht es auch in „Anfassen“. Dort heißt es „Wir haben tausende von Freunden, doch haben sie noch nie gesehen“. Leben wir in einer anonymen Scheinwelt?

Ich sehe schon ein Abdriften der zwischenmenschlichen normalen Kommunikation von Auge zu Auge. Das verlagert sich in luftleeren Raum in das Digitale. Da gibt es keine Regeln und das macht mir ein bisschen Sorge. Man merkt, dass die Leute im Internet viel mehr durchdrehen und viel verrohter und aggressiver werden, weil sie das von Zuhause aus in ihren eigenen vier Wänden machen können. Hinzu kommt, dass es immer böse Menschen gibt, die das Internet auch manipulieren – ich denke da an Fakenews, Fakeaccounts und Internettrolle. Das wird eine der größten Aufgaben unserer Zeit sein: Ähnlich wie die Industrialisierung vor hunderten von Jahren ist es heute das neue Zeitalter mit der Digitalisierung.

Erstmals hast Du auf Deinem neuen Album auch einen gemeinsamen Song mit Deiner Lebensgefährtin Ina Müller. Wird es das bald öfter geben?

Geplant haben wir das nicht. Dieser Song ist aus dem Zufall heraus entstanden. Ich habe ihr den Song vorgespielt und dann hat sie dazu gesungen. Das klang total schön, sie hat den Song besser gemacht und das möchte man ja auch - aus seinem Song das Beste rausholen.

Im Video: Johannes Oerding und Ina Müller: Ich habe dich nicht mehr zu verlieren

Aber es ist ausgerechnet ein Trennungssong...

Das ist der Grund, warum wir das gemacht haben. Wäre es ein Liebeslied gewesen, hätten wir beide Gänsehaut bekommen, weil wir das so kitschig finden, und hätten das nicht gemacht. Das ist nicht so unser Ding. Das ist den Leuten im Musikantenstadl vorbehalten (lacht).

Gibt es denn Musiker, mit denen Du unbedingt noch zusammenarbeiten möchtest?

Das ist schwierig. Es gibt so viele tolle Künstler, da möchte ich jetzt gar keinen konkreten Namen nennen. Aber es haben sich schon einige Träume erfüllt. Wenn man mit Udo Lindenberg oder Peter Maffay auf der Bühne steht, ist das toll. Mit Sido habe ich auch einen gemeinsamen Song, das ist mal ein bisschen genreübergreifend. Ich bin großer Hip-Hop-Fan. Da mal reinzuluschern war eine schöne Erfahrung.

Ein Song Deines neuen Albums heißt „An guten Tagen“. Es geht darum, sich auch mal über kleine Dinge zu freuen und nach vorne zu schauen. Gelingt Dir das?

Gar nicht (lacht). Deshalb schreibe ich wahrscheinlich auch solche Songs, damit ich mich hin und wieder auch mal daran erinnere. Man vergisst einfach, wie gut es einem geht, was wir für Möglichkeiten haben, dadurch dass wir zufällig in einem schönen Land geboren sind und in Wohlstand und Sicherheit aufwachsen. Das sind Dinge, die wir für selbstverständlich halten, aber das ist nicht so. Ein aktuelles Beispiel ist Corona. Alle drehen durch und haben Panik. Natürlich ist es fürchterlich, dass Leute daran sterben, und eine wahnsinnige Belastung. Aber jeden Tag sterben etwa 20.000 Menschen den Hungertod. Da berichtet keiner drüber, weil die Schlagzeile nicht so profitabel ist.

Ein guter Tag war aber sicherlich, als bekannt wurde, dass es Dein sechstes Album auf Platz 1 der Charts geschafft hat. Außerdem ist Deine Tour zum Großteil ausverkauft.

Mir bedeutet das sehr viel, weil ich mein Leben lang darauf hinarbeite. Ich hatte als Jugendlicher schon den Traum, mit meinen Songs auf der Bühne zu stehen und die Leute singen mit. Das ist ein Kindheitstraum und wenn das alles in Erfüllung geht, ist man glücklich und fühlt sich bestätigt. Das ist gut fürs Herz, für die Seele und das Ego. So ein Platz 1 oder eine ausverkaufte Tour ist die sichtbare Bestätigung für die gute Arbeit und für viele richtige Entscheidungen, die wir getroffen haben im Laufe der 15 Jahre.

Wer Dich live sehen möchte, hat bei den Open Air Shows, die nach der Tour stattfinden, die Gelegenheit. Unter anderem bist Du im August in Sellin. Was ist schöner? In der Halle oder unter freiem Himmel?

Das kann man nicht vergleichen. Wenn man in der Halle eine tolle Lichtshow hat, knallt das schon ganz schön, wenn dann acht- bis zehntausend Menschen mitsingen. Draußen verpufft das ein bisschen, aber da ist die Stimmung natürlich sehr ausgelassen. Gerade wenn das Wetter gut ist, entsteht da so eine Art Picknick-Feeling. Ich habe das Gefühl, die Leute genießen den ganzen Tag und nicht nur den Konzert-Abend. Bei mir sind die Open Airs immer nach der Tour. Da haben wir das Programm drauf, können alle Songs im Schlaf und können uns daher mehr fallen lassen, relaxen und die Shows genießen. Man hat nicht mehr so einen Druck wie bei der Tour. Das ist einfach entspannter.

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Von Katharina Ahlers